Montag, 23. November 2009

Reise



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05.05.2004
 

Lissabon

Fado-Land im Fußballfieber

Sporting oder Benfica - die Zugehörigkeit zu einem der beiden Traditionsvereine spaltet die Lissabonner seit eh und je. Nur die Fußball-EM, deren Finale in Portugals Hauptstadt stattfindet, einigt die Fronten. Doch Lissabon ist mehr als nur Fußball.

Lissabon - Schon bei der Ankunft im Hotel erfahren der Lissabon-Reisende, dass die Einwohner von Portugals Hauptstadt echte Fußballfanatiker sind. Miguel von der Rezeption gibt sich gleich als Anhänger von Sporting Lissabon zu erkennen. Seine Kollegin Carla dagegen schwärmt für den anderen Traditionsverein der Stadt, für Benfica. "Mein Vater hat mich schon kurz nach meiner Geburt in den Verein eingetragen, dem er selbst angehört", erzählt sie. "Das ist hier in vielen Familien so."

Castelo de Sao Jorge: Die Festung oberhalb der Altstadt liegt auf einem 120 Meter hohen Hügel
GMS

Castelo de Sao Jorge: Die Festung oberhalb der Altstadt liegt auf einem 120 Meter hohen Hügel

Die glanzvollen Zeiten der Roten liegen allerdings schon einige Jahre zurück, als die Mannschaft mit dem berühmten Idol Eusebio zehnmal die portugiesische Meisterschaft gewann. Ann den farbigen Ballkünstler, der seinerzeit als einer der weltbesten Fußballer galt, erinnert eine kleine Statue vor dem Luz-Stadion der Benfiquistas. Hier soll am 4. Juli das Finale der Fußball-Europameisterschaft ausgetragen werden: "Wir hoffen natürlich, dass Portugal ins Finale kommt und dann den Titel holt", sagen die Hotelangestellten selbstbewusst.

Die Zwei-Millionen-Metropole am Tejo ist voller charmanter Alltagskultur. Sie hat mit der Manuelinik einen eigenen Architekturstil, ihre Museen sind reich an Schätzen - und ihre Einwohner wirken wie gute alte Bekannte. "Für den Reisenden, der sich auf dem Seeweg nähert, erhebt sich Lissabon, selbst von weither, wie ein schönes Traumgesicht." So beschrieb Fernando Pessoa 1925 sein geliebtes Lissabon.

Rundfahrt mit der "Electrico": Seit 1901 ist die Holzstraßenbahn in Betrieb  Elevador de Santa Justa: Der Aufzug zwischen Ober- und Unterstadt wurde 1902 eingeweiht und ist rund 45 Meter hoch Torre de Belem am Tejo-Ufer: Das Wahrzeichen Lissabons wurde unter Manuel I. zwischen 1515 und 1520 errichtet Statue von Eusebio: Der Superstar der sechziger Jahre schoss während seiner Karriere 727 Tore in 715 Spielen

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Die Cafés, Straßen und Plätze waren Pessoa unerschöpfliche Inspiration für seine Gedichte. Nichts liebte er mehr, als durch die engen Gassen seiner Stadt zu streifen: von der Oberstadt, dem Bairro Alto, hinab in die Baixa, die Unterstadt, mit ihren schachbrettartig angelegten Alleen und den beiden Plätzen Praco do Comercio und Rossio. Oder er bestieg die "electrico". Seit 1901 rattern altersschwache Holzstraßenbahnen, die in jeder anderen Stadt schon längst den Weg ins Verkehrsmuseum gefunden hätten, unbeirrt die Hügel hinauf und hinab.

Wenn die rumpelnden Ungetüme auftauchen, flüchten sich Fußgänger oft im letzten Moment mit einem beherzten Sprung in die Eingänge der Häuser. Die schönste Strecke wird von der Linie 28 befahren. Für nur einen Euro erleben die Passagiere eine Stadtrundfahrt, vom Cemitério dos Prazeres, dem "Friedhof der Freude" im Osten quer durch das Zentrum bis zur maurischen Altstadt Alfama im Westen. Dabei durchfährt sie auch den vornehmen Stadtteil Chiado. Bis zum 25. August 1988 hatte das Quartier weitgehend seine Ursprünglichkeit bewahrt, dann hätte ein Großbrand fast alles zerstört.

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Erst diese Katastrophe brachte den Lissabonnern die Bedeutung des Viertels wieder ins Bewusstsein, das seine Blütezeit vor mehr als 100 Jahren erlebte. Jahrelang zog sich die Renovierung der alten Häuser und Paläste hin, und auch wenn die Arbeiten zum Teil noch immer andauern, zählt Chiado mit seinen schicken Läden und Cafés wieder zu den attraktivsten Stadtvierteln Lissabons.

Glücklicherweise unversehrt blieb das legendäre Caféhaus "A Brasileira" in der Rua Garett. Die 1922 zum Café umgebaute brasilianische Kaffeehandlung war über Jahrzehnte Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen. Heute ist das ganz im Jugendstil dekorierte Café eines der liebenswerten Relikte alter Lissabonner Kaffeehauskultur. Auch Dichterfürst Pessoa war oft im "A Brasileira" zu Gast. Heute sitzt er, in Bronze gegossen, mit übereinander geschlagenen Beinen und dem typischen Hut auf dem Kopf auf der Terrasse.

Die Lissabonner lassen sich eher drinnen am Tisch nieder oder trinken eine ölig-schwarze "bica", eine Art Espresso, am Tresen. Dazu genehmigen sie sich "Pastéis de Belém": Die köstlichen Törtchen aus Blätterteig, Sahne und Vanille sind mit Puderzucker und Zimt bestreut und werden lauwarm serviert. Die besten soll es in der "Fabrica dos Pastéis de Belém" geben. Die Straßenbahn Nummer 15 führt in den sieben Kilometer westlich vom Stadtzentrum gelegenen Stadtteil Belém. Von hier aus brachen die portugiesischen Entdecker mit ihren Karavellen zu Raubzügen nach Afrika, Südamerika und Indien auf und kehrten mit unermesslichen Schätzen aus den drei Kontinenten zurück.

Lissabon: Das Zentrum wurde nach dem verheerenden Erdbeben von 1755 völlig neu gestaltet
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Lissabon: Das Zentrum wurde nach dem verheerenden Erdbeben von 1755 völlig neu gestaltet

Ein beeindruckendes Zeugnis der Macht Portugals zur Kolonialzeit ist der gewaltige Komplex des Hieronymusklosters. Hier soll Vasco da Gama in der letzten Nacht vor seiner Abfahrt nach Ostindien im Juli 1497 gebetet haben - und König Manuel der Glückliche gelobte angeblich, nach der glücklichen Rückkehr des Seefahrers ein Kloster zu erbauen. Es ist der Höhepunkt der manuelinischen Baukunst Portugals, eines nach Manuel I. benannten, überschwänglichen Stils zwischen Gotik und Renaissance. Ein Flügel des Klosters beherbergt ein Museum, das sich der Seefahrtsgeschichte Portugals widmet. Am Ufer des Tejo steht der Torre de Belém, erbaut zwischen 1515 und 1521, das Wahrzeichen Lissabons sollte den Eingang des Hafens der Stadt beschützen. Der überreich mit Symbolen der Seefahrt geschmückte Turm diente später als Staatsgefängnis. Sorgfältig restauriert, kann er heute besichtigt werden.

Auf dem Weg zurück in die Stadt passiert die Straßenbahn wieder die "Docas". Das lange Zeit vergessene Hafenviertel hat sich zu einem Eldorado für Nachtschwärmer entwickelt, die Abend für Abend in die modernen Clubs und Restaurants ziehen. Viel authentischer geht es aber im Bairro Alto zu, der alten Oberstadt mit ihren verwinkelten Gassen. In den unzähligen kleinen Cafés, Bars und Restaurants werden portugiesische Spezialitäten angeboten - etwa Bacalhau, köstlicher Stockfisch.

Wer dann um Mitternacht noch nicht zu müde ist, kann mit offenen Ohren durch die Gassen schlendern und den unverkennbar schmerzlichen Klängen des Fado lauschen, die aus einigen Kneipen nach draußen in die dunkle Nacht dringen. Die Lieder sind Ausdruck des "saudade", jener unbestimmbaren Sehnsucht der portugiesischen Seele, die ewig unerfüllbar bleibt. Die wehmütigen Weisen erzählen vom Schicksal, dem man nicht entrinnen kann, von der vergangenen Liebe, der Eifersucht und dem Traurigsein.

Von Detlef Berg, gms

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