Leicht bekleidete Mädchen stehen reihenweise an der Straße. Aufreizend und sexy versuchen sie, vorbeiziehende Herren zum Mitkommen zu überreden - kostenpflichtig, versteht sich. Enge Gassen und zwielichtige Kneipen prägen das Bild auf dem Hamburger Kiez. Nur selten verirren sich Touristen oder brave Hanseaten in die kleinen Seitenstraßen rund um die Reeperbahn in St. Pauli. Wer trotzdem neugierig ist und mehr über Prostitution und Seeleute sowie Rot- und Blaulicht erfahren möchte, kann sich einer geführten Tour des Vereins "Kurverwaltung St. Pauli" anschließen.
Gefährliche Hundehaufen
Gleich am Anfang gilt es, mit Vorurteilen aufzuräumen. "Auf St. Pauli wird niemand gleich erschossen. Wirklich gefährlich sind nur die vielen Hundehaufen", sagt Tarik Bicer und beruhigt die Gruppe, die sich zur Führung eingefunden hat. Der Student ist einer von acht "Kurschatten" des Vereins, der jährlich Tausenden Interessierten die bekannten und unbekannten Ecken von Hamburgs sündiger Meile zeigt. Dazu erzählt er aus der Geschichte des berühmten Stadtteils.
Doch allzu trocken soll der Rundgang nicht werden. Zum "Aufwärmen" gibt es deshalb ein Bierchen an der Bar des "Silbersack", stilecht aus der Flasche. In der 1949 eröffneten Kneipe ist der Gerstensaft sogar zum ungewöhnlichen St.-Pauli-Preis von unter zwei Euro erhältlich. Die lockeren Sprüche der Hamburger Originale am Tresen dazu sind gratis. "Allein wäre ich in diese Lokalität wohl kaum gegangen. Aber es hat sich gelohnt", sagt Hamburg-Touristin Pia Häflinger-Chen (50) aus dem schweizerischen Luzern.
Die Nachfrage nach den geführten Kiez-Touren ist groß und zieht Touristen aus aller Herren Länder an. Aber auch Einheimische schließen sich regelmäßig an. Jens Wolfsen aus Hamburg will den Teil seiner Heimatstadt entdecken, den er bisher kaum kennt. "Wenn man verheiratet ist und Kinder hat, bummelt man ja nur noch höchst selten über die Reeperbahn", sagt der 63-Jährige. Da biete sich eine Führung in der Gruppe an.
Plastikspielzeug
Nicht fehlen im Rundgangs-Programm darf die Herbertstraße, Hamburgs wohl bekanntester Sündenpfuhl. Für Frauen ist der Zutritt strengstens verboten, die männlicher Teilnehmer lassen sich einen Blick auf die leicht bekleideten Damen in den Fenstern aber nicht nehmen. Gemeinsam geht es dafür anschließend in einen Sexshop. "Niemand sollte Hemmungen haben. Es ist einfach witzig, was aus Plastik so alles hergestellt wird", sagt Bicer.
Dass der Kiez jedoch weit mehr zu bieten hat als Sex und Kneipen, erfahren die Besucher bei einem Abstecher zur St. Pauli-Kirche. Bis vor kurzem lag auch das Geburtshaus des Tierpark-Gründers Carl Hagenbeck auf dem Weg der Gruppe. Heute ist dort aber nur noch der Abrissbagger zu bewundern. "Leider verschwindet immer mehr vom alten St. Pauli", sagt der 28-jährige Stadtführer. Auch an den Star-Club, in dem in den 60er-Jahren unter anderem die Beatles spielten, erinnert nur noch ein Gedenkstein in einem Hinterhof.
In Gedanken an die "Fab Four" endet die geführte Kiez-Tour nach zwei Stunden auch in der Kneipe "Bei Gretel & Alfons". Hier gönnten sich schon die Jungs aus Liverpool nach ihren Auftritten so manches Feierabendbierchen. Jetzt ist Klönschnack mit Open End für den harten Kern der Gruppe angesagt. "Ich war mit einigen Touren schon bis 1.00 Uhr nachts unterwegs", sagt Bicer. Und wer dann noch immer nicht genug vom Kiez hat, für den hat der "Kurschatten" gerne noch so manchen persönlichen Geheimtipp auf Lager.
von Kai Gerullis
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