Berlin - In der Geschichte der motorisierten Luftfahrt war das Tempelhofer Feld im Süden Berlins, auf dem jetzt der Flughafen steht, von Anfang an dabei. Als der Flugpionier Orville Wright nach dem erfolgreichen Erstflug von 1903 zu einer Welttournee aufbrach, um seine Maschinen an den Mann zu bringen, gab es in Tempelhof schon eine militärische Luftschifferabteilung. Hier wurden - wie in jener Zeit weltweit üblich - Flugschauen veranstaltet, die die damals immensen Fortschritte in der Luftfahrt dem hochinteressierten Publikum vor Augen führten.
Vor genau 95 Jahren, im August 1909, kulminierte die Luftfahrtbegeisterung in Berlin: Der erste Zeppelin landete in der Hauptstadt. Wright traf zu einer mehrwöchigen Flugschau ein und zog die Massen hinaus zum Tempelhofer Feld. Am 17. September erreichte er eine Flugzeit von einer Stunde. Im selben Jahr wurde die Deutsche Flugplatz GmbH gegründet, deren Aufgabe es war, einen Flugplatz zu bauen. Einige Kilometer südöstlich des Tempelhofer Feldes gelegen, wurde er am 6. Februar 1919 eingeweiht, und der Linienbetrieb zwischen der Hauptstadt und Weimar, dem Sitz der Nationalversammlung, begann.
Nach einiger Zeit hielten die Berliner diesen Standort und den Luftschiffhafen Staaken im äußersten Westen der Stadt für zu klein und zu abgelegen. 1922 begannen die Arbeiten am Tempelhofer Feld, und schon am 8. Oktober 1923 wurde Tempelhof als Zentralflughafen in Betrieb genommen. Es folgte ein massiver Anstieg der Flugbewegungen; schon im ersten Jahr waren es 100 mit rund 150 Passagieren.
Nur Monate nach der Eröffnung wurde die Berliner Flughafen GmbH gegründet, deren Zweck unter anderem darin bestand, den großzügigen Ausbau des Tempelhofer Flugplatzes voranzubringen. Das geschah in einem Maße, dass Tempelhof vor London und Paris die Spitzenstellung in Europa errang.
Ellipsenförmiges Rollfeld
Den Nationalsozialisten blieb es vorbehalten, den Ausbau des Flughafens in der heutigen Form einzuleiten und fertig zu stellen. Einer der Gründe war die zutreffende Vorhersage, dass der Luftverkehr weiter drastisch steigen werde. Der Architekt Ernst Sagebiel präsentierte eine Lösung aus einem Guss: An der Nordwestecke, also am nächsten zur Berliner Innenstadt, plante er ein gewaltiges Empfangsgebäude, an das sich nach Osten und Süden riesige Hallen- und Verwaltungsbauten anschlossen.
Die Entwürfe standen in der Tradition der Sachlichkeit, aber sie trugen in ihrer Monumentalität auch den Wünschen der NS-Machthaber Rechnung. Vor allem aber ermöglichten sie eine extrem zweckdienliche Nutzung der Anlage, die durch das Wachstum der Stadt mehr und mehr ein Teil der Innenstadt geworden war. Einmalig war das ellipsenförmige Rollfeld, das in den zu einem Fast-Halbkreis gerundeten Hallen und Dächern des Empfangsgebäudes seinen Abschluss fand.
Die gesamte Länge des Gebäudekomplexes beträgt 1230 Meter. Die Vordächer reichen 49 Meter ins Rollfeld hinein. Noch heute beeindruckt es die Fluggäste, wenn ihr Flugzeug direkt unters Dach fährt und sie mit wenigen Schritten bei der Gepäckausgabe und an Bus- und U-Bahn sind. Die Eröffnung war für 1939 geplant, aber im Krieg verzögerte sich der Bau, so dass erst die Sieger in den Genuss der Planung Sagebiels kamen: Die Sowjetarmee eroberte den Flughafen, übergab ihn aber bald den Amerikanern, die ihn zunächst militärisch nutzten. Die Insignien der Hitler-Macht über dem Haupteingang waren inzwischen entfernt worden. Am 18. Mai 1946 nahmen die Amerikaner offiziell den zivilen Luftverkehr wieder auf, der aber wegen der Nachkriegswirren vorerst keine nennenswerte Bedeutung erlangte.
Rosinenbomber landen im Sekundenabstand
Ende Juni 1948 machte die Berlin-Blockade den Flughafen Tempelhof weltweit bekannt: Hier landeten und starteten im Sekundenabstand die berühmten DC-3-Dakotas und andere "Rosinenbomber", die mehr als 15 Monate lang die Berliner Bevölkerung mit den wichtigsten Lebensgütern versorgten, nachdem die Sowjets alle Zufahrtswege nach West-Berlin gesperrt hatten. Später wurde vor dem Haupteingang ein Luftbrückendenkmal errichtet, die "Hungerharke", die am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen, dem anderen Brückenkopf, ihre Entsprechung hat.
Mit der Konzentration des nationalen und internationalen Flugverkehrs in Tegel wurde das 400 Hektar große Areal des Zentralflughafens Tempelhof nach der Wiedervereinigung zum Zentrum des Regionalluftverkehrs. Wegen der nur 2116 Meter langen Hauptstart- und Landebahn und seiner innerstädtischen Lage kann der Flughafen Tempelhof nur nach der Blindlandekategorie I angesteuert werden und ist besonders leisen Turbopropflugzeugen vorbehalten. Nach Wiedereröffnung der großen Abfertigungshalle am 21. Juni 1991 wurden 1991 hier 39.915 Flugbewegungen mit 404.000 Passagieren gezählt. Jetzt sind es weniger als 30.000 Passagiere im Monat.
Von Thomas Rietig, AP
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