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14.09.2004
 

Marseille

Multikulturelles Treppenhaus

Lange Zeit galt Marseille als Mafia-Hochburg, Drogen-Umschlagplatz und sozialer Unruheherd. Kriminalautoren haben sich der Hafenstadt ausgiebig als Kulisse für ihre Mordgeschichten bedient. Dennoch liegt die älteste Stadt Frankreichs seit Jahren bei Touristen im Trend.

Antiker Hafen: Im Vieux Port laufen seit 600 vor Christus Schiffe ein und aus
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Antiker Hafen: Im Vieux Port laufen seit 600 vor Christus Schiffe ein und aus

Marseille ist wie ein großes Stiegenhaus. Schon vom Sackbahnhof Saint-Charles an formt sich dieses Bild, denn eine herrliche Treppe führt hinunter in das Zentrum zur Lebensader Canebière und dann zum Vieux Port, dem alten, seit 600 vor Christus genutzten Hafen. Egal ob der Besucher in das früher berüchtigte Altstadtviertel Panier geht oder gleich hoch zu der alles überragenden Kirche Notre-Dame de la Garde: Treppen und immer wieder Treppen fordern heraus, scheinen Marseille steiler und höher zu machen, als es eigentlich ist. Das Auf und Ab sorgt für einen ständig neuen Blickwinkel auf die größte französische Hafenstadt, so wie der Gang durch die Quartiers nach und nach ihre kulturelle Vielfalt zeigt.

Am Hafen, dort, wo die breite Canebière-Prachtstraße in die Stadt weist, ist "la criée" angesagt, die öffentliche Fischversteigerung. Goldbrassen, Schollen und Rochen häufen sich ebenso wie Muscheln, Tintenfische und stachelige Seeigel, die als Leckerbissen begehrt sind. Einer der Fischer zeigt stolz einen riesigen Schwertfisch an seinem Stand, garniert mit ein paar Seepferdchen und allerlei mediterranem Kleingetier. Dazwischen stehen die Kräuter-Provenzalin mit ihrem strengen Blick und der fliegende afrikanische Händler, der Masken und Gürtel anbietet.

Stiegenhaus Marseille: Immer wieder Treppen
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Stiegenhaus Marseille: Immer wieder Treppen

Der geschichtsträchtige Alte Hafen, den die Stadtväter in den kommenden Jahren mit mehreren 100 Millionen Euro zu einem urbanen Showroom am Meer aufpolieren wollen, ist das kosmopolitische Herz von Marseille. Während die Fischer am Quai des Belges noch ihren Fang veräußern, strebt ein buntes Völkergemisch in die Bars und Bistros. Exotisch und farbig gekleidete Westafrikaner sitzen neben den alten Männern aus dem Maghreb, die vor Jahrzehnten den Sprung über das Meer wagten und sich hier niedergelassen haben. Sie rauchen ihre aromatischen Chicha-Pfeifen und trinken in kleinen Schlucken ihren Minz-Tee, als säßen sie in Algier oder Tunis.

Wie sehr die 800.000 Einwohner zählende Stadt in sich ruht, lässt sich am besten vom Meer aus sehen. An Berge geschmiegt scheint die Schöne jeden Seefahrer in ihren Hafen locken zu wollen. Flankiert von Türmen und einem Bergfried liegt die wuchtige Festungsinsel Château d'If dort vor der Reede. Alexandre Dumas machte diese als Gefängnis für Galeerensträflinge, politische Aufrührer und Gesindel genutzte Insel mit seinem "Grafen von Monte Christo" weltbekannt. Die Kerkerchronik verzeichnet den Grafen Edmond Dantès allerdings nicht. Doch das tut dem Ruf des Felsbollwerks keinen Abbruch - das Loch, das der Romanheld angeblich in die Zellenwand grub, ist jedenfalls noch gut sichtbar.

Fangfrisch: Händlerin bei der Marseiller Fischversteigerung
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Fangfrisch: Händlerin bei der Marseiller Fischversteigerung

Marseille ist aber auch noch auf andere Weise als durch den flüchtigen Grafen in die Literatur eingegangen. Der Krimi-Autor Jean-Claude Izzo - bekannt durch seine Fabio-Montale Trilogie - hat die Stadt auch kulinarisch auf die Landkarte gebracht. Er wollte zeigen, dass sein Marseille, selbst wenn es keine Weltstadt ist wie Paris, in Sachen Anziehungskraft und Atmosphäre mit der Hauptstadt mithalten kann.

Zu den Trümpfen von Marseille gehört der Hochgeschwindigkeitszug TGV, der die Anreise von Paris auf knapp drei Stunden verkürzt hat. Dazu kommt das attraktive Umfeld, von dem diese Wiege der französischen mediterranen Kultur profitiert. Denn wer an der Küste östlich Richtung Cassis fährt, der kommt bei den Calanques an, diesen einzigartigen und deshalb heillos überlaufenen Felsbuchten. Und auf der nördlichen Seite lockt L'Estaque, das einst von Paul Cézanne und Camille Pissarro geschätzte Künstler-Fischerdorf.

Von Hanns-Jochen Kaffsack, gms

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