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16.12.2004
 

Portland

Mutter Natur in die Betonwüste

Von Ole Helmhausen

Ein Rest der Entschlossenheit und des Idealismus der frühen Nordwestküsten-Pioniere hat sich bei den Einwohnern Portlands erhalten: Engagiert streiten sie für Umwelt und Kultur in ihrer Stadt. Greg Haines ist einer von ihnen, seine Mission: die Begrünung sämtlicher Dächer Portlands.

Haines auf seinem Ökodach: Grüne Räume in der Betonwüste haben etwas Sprirituelles
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Ole Helmhausen

Haines auf seinem Ökodach: Grüne Räume in der Betonwüste haben etwas Sprirituelles

Die zündende Idee kam Greg Haines beim Skilanglauf durch den wildromantischen Crater Lake National Park im Süden Oregons. "Ich wollte Mutter Natur nach Portland bringen. Zwei Wochen später habe ich hier mein erstes Dach begrünt."

Sein alter Volvo rumpelt über die Morrison Bridge nach Southeast Portland, in den Hawthorne District. 50 Meter tiefer fließt der Willamette River träge dem nahen Pazifik entgegen. "In Betonwüsten grüne Räume schaffen, das hat etwas Spirituelles. Vor allem dort, wo man sie am allerwenigsten erwarten würde."

Auf dem Wagendach klappert die Leiter, im Auto riecht es nach Erde, nach Torf und Moos. Haines hat ein Dutzend Säcke davon geladen. Hinzu kommen etliche Tüten mit Samen, in Apfelsinenkisten verstaut, und Spaten, Schippen, Gummiplanen. Der gelernte Landschaftsarchitekt ist noch keine 30 Jahre, wirkt aber älter, und das liegt weder an dem selbst geschnittenen Haupt- und Gesichtshaar, noch an der mit Tesafilm zusammengehaltenen Hornbrille. Haines ruht in sich. Wie einer, der seine Mitte gesucht und gefunden hat.

Auftragsbuch ist voll

Haines biegt auf den Hawthorne Boulevard ab, die Lebensader des Bezirks. Vor zehn Jahren noch war die Straße nicht mehr als ein Asphaltstreifen mit gesichtslosen Läden und Malls. Heute beschreiben ihn die Reiseführer als "funky". "Wahrscheinlich meinen sie damit unsereins, die Studenten, Lebenskünstler und die Läden, Kneipen und Kooperativen, die wir hier aufgemacht haben", sagt Haines und hält vor der Hawthorne-Jugendherberge. Auf der umlaufenden Terrasse lümmeln sich Rucksackreisende aus aller Herren Länder. Über ihnen wachsen Büsche, Blumen, Kräuter. Auf einem so genannten Öko-Dach, von Haines entworfen und realisiert.

Portland: Selbst schuld, wer apathisch bleibt
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Portland Oregon Visitors Association

Portland: Selbst schuld, wer apathisch bleibt

Sechs weitere Dächer hat er seitdem bebaut, seine - unbescheidene - Mission: die Begrünung sämtlicher Dächer Portlands. Die Richtung scheint zu stimmen. Das Auftragsbuch seiner gemeinnützigen Organisation Ecoroofs Everywhere, die sich aus freiwilligen Helfern aus der Nachbarschaft rekrutiert, weist für 2005 reichlich Arbeit auf.

Der in Europa wenig bekannte Bundesstaat Oregon nördlich von Kalifornien verdankt seine Besiedlung keinem Goldrausch, sondern der größten Wanderbewegung der amerikanischen Geschichte. Zwischen 1840 und 1850 kamen über 50.000 Farmer auf dem 3000 Kilometer langen Oregon Trail hierher, um dauerhafte Siedlungen anzulegen. Ein bisschen von der Entschlossenheit und dem Idealismus dieser Pioniere blieb bis heute erhalten. Was die Politiker mit ihren Städten und der Landschaft machen, verfolgen die Oregonians so genau wie kaum andere Amerikaner. Sie engagieren sich in Bürgerinitiativen, demonstrieren gegen die Junkfood-Automaten in den Schulen und streiken für die 35-Stunden-Woche.

Aktivismus überall

Auch die Portlander sind engagiert. "Mein Geschäftsplan bestand aus ein paar amateurhaften Zeilen auf einem losen Blatt Papier", erinnert sich Haines. Damit marschierte er zum Bureau of Environment Services, und nach einem kurzen Gespräch mit den Verantwortlichen hatte er einen Zuschuss für sein erstes Öko-Dach in der Tasche. Gutes Timing: Im Umweltbüro hatte man die Filterfunktion grüner Dächer in zubetonierten, die natürliche Zirkulation des Regenwassers verhindernden Stadtgebieten seit längerem studiert. "So leicht hätte ich die 5000 Dollar zu Hause nie bekommen", meint der in Connecticut gebürtige Haines.

Bronzeskulptur auf Pioneer Courthouse Square: Widerstand wird zu (Pflaster-)Stein
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Ole Oelmhausen

Bronzeskulptur auf Pioneer Courthouse Square: Widerstand wird zu (Pflaster-)Stein

Typisch Portland, 500.000 Einwohner, neben Seattle der kulturelle Mittelpunkt im Nordwesten und Sitz großer Hightechfirmen und Sport- und Outdoormarken wie Nike und Columbia: Aktivismus überall. In der kompakten Downtown, einer urbanen Erfolgsstory in Sachen Altstadtsanierung, geht man keine hundert Meter, ohne von jemandem ein Flugblatt in die Hand gedrückt zu bekommen oder um eine Unterschrift gebeten zu werden.

Meinungen sind gefragt - auf dem Pioneer Courthouse Square im Herzen der Downtown wurden sie zu (Pflaster-)Stein: Die Bürger erkämpften sich ihren Platz gegen den Widerstand des Big Business, das einen neuen Hang-out für Stadtindianer befürchtete und den Geldhahn zudrehte. Heute verzehren auf den mit den Namen der Streiter von einst signierten Pflastersteinen zur Mittagszeit Büro-Arbeiter ihren Lunch, fotografieren sich japanische Touristen vor der Bronzestatue des Mannes mit Regenschirm, warten Portlander auf Busse und die Straßenbahn.

Die Downtown strotzt vor Leben

Mit der Broschüre "Public Art Walking Tour" bewaffnet, kann man vom Pioneer Courthouse Square aus zu einer Begehung der über 30 öffentlichen Kunstwerke Portlands aufbrechen: Wer in der Downtown bauen will, muss ein Prozent der Baukosten für das Kulturprogramm der Stadt abzweigen. Old Town und Chinatown, ein paar Blocks im Norden am Willamette, widerstehen dem zeitgeistmäßigen Lifting, hier zu Lande "gentrification" genannt, bis heute. Obdachlosenheime stehen neben Galerien, chinesische Reinigungen neben Trend-Restaurants. Kein Zweifel, die Downtown strotzt vor Leben - in den USA durchaus keine Selbstverständlichkeit. Der Umgangston ist durchweg freundlich, sogar zwischen Geldautomaten und ihren Nutzern: Statt mit "Yes" oder "No" können Letztere die Frage nach weiteren Serviceleistungen mit einem enthusiastischen "Sure" oder einem versöhnlichen "No thank you" beantworten.

Powell's Books: Unwiderstehliche Verführung für Bibliophile
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Portland Oregon Visitors Association

Powell's Books: Unwiderstehliche Verführung für Bibliophile

Selbst schuld, wer dabei apathisch bleibt. Selbst introvertierte Besucher überstehen das an der Nordwestküste legendäre Regenwetter - 220 Tage pro Jahr sind grau, 150 davon auch nass - unbeschadet. Portland hat nämlich mehr Buchläden als Starbucks Cafés, in Zahlen: über 70 Buchhandlugen stehen 65 Kaffeestuben des Bohnen-Megabrauers aus Seattle gegenüber. Die größte nimmt gar einen ganzen Block ein, am Empfang wird einem ein Plan in die Hand gedrückt. Powell's City of Books in der Burnside Street bietet auf drei Etagen mehrere Millionen Bücher. Im von Buchgiganten wie Barnes & Nobles beherrschten Amerika hat Powell's mit einem unkonventionellen Rezept Erfolg: In den Regalen stehen druckfrische Bücher neben gebrauchten und seltenen Erstdrucken, für Bibliophile eine unwiderstehliche Verführung.

Die fünf Quadranten von Portland

Unkonventionell ist Portland auch jenseits von Downtown. Die Stadt ist, bedingt durch die Schleife des Willamette River, in fünf Quadranten unterteilt: Northwest, Southwest, Northeast, Southeast und North. Downtown Portland mit seinen Traditionshotels und Warenhäusern liegt in Southwest, auch Westside genannt. Northwest, im 19. Jahrhundert das etwas feinere Wohngebiet, wimmelt vor Cafés, Boutiquen und Straßenmusikern. Im Osten des NW-Quadranten liegt der Pearl District, Portlands Vorzeige-Trendviertel, wo Jungunternehmer alte Lagerhäuser in - inzwischen sündhaft teure - Lofts, Galerien und Zeitgeist-Restaurants verwandelt haben. Acht Brücken führen von der Westside aus über den Willamette River. Southeast, die interessanteste Neighbourhood, ist der Pearl District vor dem Sündenfall, beziehungsweise der Ankunft kühl rechnender Trendspekulanten. Hier wohnen die meisten Portlander.

Downtown Portland: Sogar die Geldautomaten sind freundlich
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Ole Helmhausen

Downtown Portland: Sogar die Geldautomaten sind freundlich

Junge Neuankömmlinge ziehen vorzugsweise in den Hawthorne District, das bei den Yuppies im Pearl District als Hippie-Viertel gilt. Hier versorgen Fair-Trade-Cafés wie das "Pied Cow" (3244 SE Belmont St.) engagierte Koffeinsüchtige mit edlen Bohnen, bieten "volkseigene" Märkte wie "People's Food Co-op" (3029 SE 21st Ave., www.peoples.coop) pestizidfrei angebautes Gemüse aus Oregon und Kalifornien an. Eingekauft wird hier zu Fuß, man wohnt ja um die Ecke. Oder per Rad: Pedalentreter-Vereine wie Shift (www.shifttobikes.org) werben erfolgreich für das Rad als umweltfreundliches Verkehrsmittel, und Events wie Zoobomb (www.zoobomb.org), wo die Teilnehmer jede Sonntagnacht die steile Straße über dem Zoo talwärts rasen und danach in Rocco's Pizza (949 SW Oak St.) ihre Wunden lecken, sind Kult.

Greg Haines ist Stammkunde im People's. Er schätzt die lockere, tolerante Atmosphäre, wo Alt-Hippies ebenso einkaufen wie uniformierte Büromenschen und die Kassiererin bis zum Hals tätowiert ist. Auf das Vordach von People's hat Haines eine Wüstenlandschaft aus Salbeibüschen und Kakteen gestellt. "Die Gummi-Membrane, durch die das Wasser abfließt, war anfangs ein Problem. Aber das haben wir hingekriegt", sagt Portlands Öko-Dach-Prophet und lädt Kiwis, Apfelsinen und Ananas in seinen Volvo. "Ich muss gleich wieder auf die Leiter", grinst er, "da brauche ich jede Menge Vitamine."

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