Der Platzhirsch ist das Art Institute, untergebracht in einem klassizistischen Gebäude an der Einkaufsmeile Michigan Avenue. Es öffnete 1893, um den Chicagoern ein Museum zu geben, das ihrem großspurigen Ehrgeiz entsprach, aus der Stadt "eine der führenden der Welt" zu machen. Obwohl der Ruf im selben Jahr schon mit der Ausrichtung der Weltausstellung aufgewertet werden konnte und die erste Blüte des Wolkenkratzerbaus zu betrachten war, stieß die Neuigkeit nicht überall auf verständnisvolles Nicken.
Vielmehr lachten sich die Snobs an der Ostküste halb tot: Ausgerechnet Chicago, der "Schlachthof der USA", stiftete sich einen Kunsttempel? Statt Schweinehälften nun "Schinken" von Renoir? Statt Weizensäcke einen Posten "Sonnenblumen" von van Gogh? In New York und Boston mochte man es nicht glauben.
Aber die Idee war ernst gemeint, und sie setzte sich durch. Dank der Großzügigkeit von Geschäftsleuten, die nicht nur Geld scheffeln, sondern Sonntagnachmittags auch internationale Malerei betrachten wollten, wurde wie im Rausch ein beeindruckender Bestand vor allem an impressionistischen Bildern zusammengetragen.
5000 Jahre Kulturgeschichte
Mehr als 250.000 Werke umfasst heute die Sammlung, nur ein Bruchteil kann in dem auf 273 Räume gewachsenen Museum gezeigt werden. Sie deckt 5000 Jahre Kulturgeschichte ab, reicht von chinesischen Bronzearbeiten bis zu Andy Warhols "Mao", von afrikanischen Schnitzereien bis zu Georgia O'Keeffes avantgardistischen Landschaftsmalereien aus New Mexiko.
Gleich mehrere populäre Werke der US-Kunst sind hier im Original zu betrachten - falls sie nicht auf Ausstellungsreisen sind: Edward Hoppers weltberühmte einsame Barszene "Nighthawkes" ebenso wie Grant Woods berühmtes Familienporträt "American Gothic", das einen schmallippigen Farmer aus dem Mittleren Westen in Latzhose und mit Mistgabel zeigt neben seiner nicht minder verkniffen blickenden Tochter.
Berühmte Gemälde französischer Impressionisten
Auch deutsche Künstler sind am Michigan-See vertreten, aus der Nachkriegszeit zum Beispiel Gerhard Richter und Anselm Kiefer. Als Herz des Art Institute konstituierte sich aber von Beginn an die Kollektion der Impressionisten, inzwischen eine der bedeutendsten der Welt. Auguste Renoir, Georges Seurat, Claude Monet und viele mehr sind mit wegweisenden Werken vertreten aus der Zeit, als nicht mehr die getreue Nachahmung der Wirklichkeit, sondern Licht, Atmosphäre und Sinneseindrücke zum Ziel der Malerei wurden.
Die Dominanz der impressionistischen Großfürsten provozierte in den sechziger Jahren allerdings auch zunehmend Kritik am "altbackenen" Art Institute und öffnete dem heutigen Museum of Contemporary Art (MCA) eine Erfolg versprechende Nische. Es feierte 1967 zunächst als "Kunsthalle" in einer umgebauten Bäckerei Premiere.
Heute ist das MCA in einem vierstöckigen Neubau des Berliner Architekten Josef Paul Kleihues gegenüber dem Wasserturm von Chicago untergebracht. Nach fast vier Jahrzehnten Sammeln und Präsentieren ist das MCA ebenso etabliert wie der große Nachbar unten an der Michigan Avenue, und die Bestandsliste liest sich wie ein Einführungswerk in die Zeitgenössische Kunst: Joseph Beuys, Alexander Calder, Marcel Duchamp, Jasper Johns, Jeff Koons, Bruce Nauman, Sigmar Polke und Cindy Sherman sind alle vertreten.
Art Institute versus Museum of Contemporary Art
Doch während das Art Institute ein faszinierender, voll gestopfter Gemischtwarenladen bleibt, vergleichbar mit dem allumfassenden Metropolitan Museum in New York, konzentriert sich das MCA auf das Wesentliche. Die Bilder, Skulpturen und Installationen haben ihren Raum, die Besucher können durchatmen nach der Fülle und Enge des Konkurrenten. Bei schönem Wetter bietet zudem der Skulpturengarten Erholung vom Bilderstress mit einem freiem Blick auf See und Skyline.
Kunst in Chicago erschöpft sich nicht auf Museen. In jedem Spätfrühling (29. April bis 2. Mai 2005) pilgern Sammler zur Messe "Art Chicago". Auch an Architektur Interessierte kommen in der Stadt am Michigan Lake auf ihre Kosten wie nirgendwo sonst in Nordamerika. Durch den reichen Fundus urbaner Bauten bietet allein die Architecture Foundation mehr als 70 Touren, von Art Déco bis Postmodernis, von Ludwig Mies von der Rohe bis Frank Lloyd Wright. Den Kunstsnobs an der Ostküste ist das Lachen über Chicago längst vergangen.
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