Von Petra Reski
Die Venezianer überqueren den Platz mit Bedacht. Nie würden sie die Säulen an der Ecke des Dogenpalastes kreuzen, nie würden sie zwischen der San-Todaro-Säule und der San-Marco-Säule auf der Piazzetta hindurchgehen, wo die zum Tode Verurteilten an den Pranger gestellt wurden, nie würden sie zwischen den sechs Säulen vor der Opera Bevilacqua La Masa durchgehen. All das bringt Unheil. Das nur neutralisiert werden kann, indem man den Bauch des Kriegers reibt, der sich als Halbrelief am Ende des Säulengangs aus dem Stein hervorreckt. Unter den abergläubischen Händen wurde sein Bauch schon ganz glänzend.
Die Touristen suchen Halt bei ihrem Führer, der sie nicht nur über den byzantischen, sondern auch den kriminellen Ursprung der Markuskirche belehrt: nicht nur die Gebeine des Evangelisten, nein, auch Marmorsäulen und Alabasterbögen, juwelenbesetzte Ikonen und die Bronzepferde - alles gestohlen! Diebesgut aus dem Orient! Geraubt von venezianischen Kaufleuten, die sich im höheren Auftrag glaubten!

Venzianische Gondeln: Ungerührt von derartigen Vorwürfen wacht Monsignore Pizziol im erzbischöflichen Patriarchat über den Ausflug der Touristen in die blattgoldene Ewigkeit der Markuskirche. 600 Touristen werden pro Stunde in die Kirche eingelassen - unter den strengen Augen von 25 Wächtern. Glaube und Kunstgenuss seien durchaus zu vereinbaren, meint Monsignore Pizziol, der auch für den Glockenturm, das höchste Bauwerk Venedigs, verantwortlich ist. Und Zeuge wurde, als sich ein Selbstmörder vom Campanile in die Tiefe stürzte. Er war der Erste überhaupt, was erstaunt. Vielleicht liegt es weniger an den Sicherheitsnetzen als an dem Panorama? Ob Schönheit den Lebensmut wieder weckt?
Den jungen argentinischen Tänzer konnte jedoch selbst nicht der Blick auf das marmorne venezianische Wunder von seinem Vorhaben abbringen. Als er in den Tod sprang, war es zwölf Uhr, und die Glocken läuteten. Er breitete im Flug die Arme aus. Er habe ausgesehen wie ein Engel, sagten die, die ihn gesehen haben.
In der Mittagshitze suchen die Touristen und Tauben Schutz vor der Sonne. Die Touristen auf den schattigen Stufen des Markusplatzes, die Tauben in den Nischen der Arkaden. Auf der Terrasse des Caffè Florian sitzt eine Japanerin mit Skizzenbuch und zeichnet mit zarten Strichen das Orchester, das in dem Halbrund der gerafften Sonnenvorhänge wie in einer Muschelhälfte geborgen ist: den Pianisten, den Cellisten und den Kellner Claudio, der hier seit 40 Jahren arbeitet und wie ein beflissener Zirkusdirektor durch die Tischreihen läuft und rechts und links lächelnd ein paar Habitués grüßt.
Noch vor wenigen Jahren saß stets ein alter Herr im Florian, ein früherer General, dem sich alle mit einer gewissen Kratzfüßigkeit näherten. Längst war er pensioniert, aber wenn es darum ging, dem Enkel eines Freundes den Militärdienst zu ersparen, waren seine Beziehungen noch immer wertvoll. Im Sommer trug er helle Leinenanzüge, er saß unter den Arkaden an dem Tisch rechts vom Eingang und fand immer jemanden zum Plaudern. Im Winter saß er im Senatssaal und blätterte im Gazzettino. Und manchmal blickte er so gedankenversunken auf den Markusplatz, als entwerfe er Aufmarschpläne für einen Exerzierplatz.
Im Caffè Florian finden sich vor allem Lokalpatrioten ein: Dies war der Ort der republikanischen Verschwörer gegen die österreichischen Besatzer. Den Senatssaal ernannten sie zu ihrem Hauptquartier. Davon zeugen noch zwei Graffiti auf der Höhe der Hausnummer 60: W San Marco - W La Repubblica: Es lebe der heilige Markus - es lebe die Republik.
Die Österreicher verkehrten gegenüber im Caffè Quadri, das sich in vorauseilender Unterwürfigkeit in Caffè Militare umbenannt hatte, mit dem deutschen Zusatz "Kaffeehaus". Als der österreichische Gouverneur 1848 während des Aufstands den Befehl gab, auf die Menschen auf dem Markusplatz zu schießen, wurden die Verwundeten ins Caffè Florian getragen. Es sollte Venedigs letzte Revolte gegen eine Besatzung sein - mit dem Florian als Verbündeten. Dafür lieben es die Venezianer noch heute.
Digital fotografiertes Glück
Am Nachmittag, wenn die Schatten länger werden, schmeichelt das Licht am meisten: Die Sonne steht im Westen und lässt die Goldmosaiken des Markusplatzes leuchten. Paare umarmen sich und erinnern sich jenen Bruchteil einer Sekunde lang, in dem sich die Linse öffnet, dass sie sich irgendwann geliebt haben. Wer hat sich nicht alles hier fotografieren lassen, auch der Mafiaboss Totò Riina mit seiner Frau - ganz Italien suchte ihn, und er stand taubenfütternderweise auf dem Markusplatz und ließ den denkwürdigen Moment seiner Hochzeitsreise von einem Fotografen festhalten.
Es ist mehr als ein Licht, das alle festhalten, mitnehmen, in einen Bilderrahmen stecken wollen. Es ist Glück. Das digital fotografiert wird: Es gibt nur noch wenige, alte Fotografen, die mit einem Stativ arbeiten, das mit einem Tuch verhüllt ist, die Jungen rollen ein komplettes Computerstudio auf den Platz, mitsamt Drucker und CD-Brenner.
Es ist nicht einfach, in einer Welt zu leben, in der sich alle zum Fotografen berufen fühlen, sagt der Markusplatzfotograf. Seit 20 Jahren verbringt er den Tag mit dem immer gleichen Motiv: Mensch, Tauben, Markusplatz, ohne dabei verrückt zu werden.
Über den Platz wehen nun so viele Federn, als hätte eine Kissenschlacht stattgefunden. Die Kirche steht jetzt nur noch Gottesdienstbesuchern offen. Wie auf Zuruf verschwinden nicht nur die Touristen, sondern auch die Tauben - ganz so, als hätten sie endlich ihren Arbeitstag überstanden. Nun kommen die Markusplatzmaler. Sie stellen ihre beleuchteten Staffeleien auf und arrangieren ihre Venedigansichten unentwegt neu - mit den gleichen Bewegungen, mit denen die Taubenfutterverkäufer die Taubenfuttertüten ordnen. Der abendlich erleuchtete Markusplatz glitzert wie ein Theater, daneben wirken die Ansichten der Maler wie hilflose Zeichenversuche einer Volkshochschulklasse.
Venedig schließt
Einige Touristen machen Walzerschritte zur Musik aus den Cafés und andere singen mit. Im Laufe des Abends wird die begeisterte Menge immer größer, sie wogt von Café zu Café - ohne sich zu setzen, denn trotz aller poetischer Ergriffenheit findet man den Kaffeehausstuhl zu teuer. Nach Hause geht man erst, wenn die Marangona, die Mitternachtsglocke, läutet. Das ist das Zeichen. Venedig schließt. Träumt alleine weiter!
Als die Lichter in den Arkaden verlöschen, die Tauben in ihren Nischen träumen und der Mond über den Kuppeln der Markuskirche steht wie ein Zeichen des Orients, wehen immer noch Federn über das Pflaster. Ein Mann quert den Platz mit unsicherem Gang und setzt sich auf einen angeketteten Stuhl. Er stützt den Arm auf den Tisch und blickt in die Nacht. Es sieht so aus, als lauschte er dem Platz. Seinem Herzschlag, seinem Atem.
Aus Merian-Heft "Venedig", Juli 2005
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