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21.10.2005
 

Hollywood Road in Hongkong

Lifestyle bei G.O.D.

Von Stephen McCarty

Nachtschwärmer und Schatzjäger, Designer und Trödler, Sammler und Stars - sie alle treffen sich rund um die Hollywood Road. Auf Hongkongs buntester Meile mischt sich Lifestyle mit dem wirklichen Leben.

Hollywood, das steht für Glamour und Show, Illusion und Intrigen, Stars und Bars. Eine Diva im Neonlicht mit ein bisschen Schmutz unter den Fingernägeln. Vergessen Sie Beverly Hills, wir sind in Hongkong, auf der Hollywood Road. Diese Straße ist ihr ganz eigener Walk of Fame, abwechselnd nobel, geheimnisvoll, unergründlich und heruntergekommen. Gut einen Kilometer lang windet sie sich durch Central Richtung Sheung Wan, steckt voller Überraschungen.

Milde Gaben für die Toten: Zum Fest der hungrigen Geister werden Speisen und Geschenke an der Aberdeen Street aufgebaut
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Michael Wolf

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Die Erste wartet an der Tun Wo Lane, ein mechanischer Drachen kreuzt hier die Straße, eine überdachte Rolltreppe, die die tieferen Hänge des Peak hinauf und hinunter gleitet. 800 Meter misst der "Mid-Levels Escalator" und ist damit der längste mechanische Gehweg der Welt, eine rollende Kette von Treppen, Rampen und Laufbändern. 50.000 Menschen fahren hier pro Tag auf und ab. Gebaut wurde die Rolltreppe vor zehn Jahren, um Hongkongs Verkehrsstaus auszudünnen - eine Mission, die unerfüllt blieb.

Dafür hat sich der mechanische Gigant als Filmkulisse etabliert; so groß ist die Nachfrage, dass die Regierung die Nutzung jetzt streng kontrolliert. Dabei ist jede Fahrt mit dem Escalator wie ein eigener Film, nirgendwo lassen sich Menschen besser beobachten als hier, den ganzen Tag ziehen Köpfe und Körper an Fenstern vorbei; die Dahingleitenden sehen auf Straßenmärkte, Hochhäuser, blicken in fremde Wohnungen, fremde Leben.

"Früher chinesisches Viertel, jetzt international"

Manche im Viertel meinen, der Escalator habe die ganze Gegend verwandelt. SoHo, "South of Hollywood Road", das boomende Nightlife-Quartier, habe sich erst entwickelt, seit die Massen hier automatisch vorüberziehen. In den zur Straße offenen Bars und Lokalen, in Pubs mit schreienden Neonschriften stehen die Partygäste und beobachten die Passagiere auf der Rolltreppe, genau wie umgekehrt.

Designer Douglas Young:  Er hat's geschafft, sein Geschäft G.O.D. gehört zu den erfolgreichsten an der Hollywood Road
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Michael Wolf

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Jonathan Wattis verfolgt seit Jahren, wie sich seine Straße im üblichen Schwindel erregenden Hongkonger Tempo verwandelt. Der Chef von "Wattis Fine Art" residiert ein paar Treppen hoch, Ecke Hollywood Road und Old Bailey Street und verkauft seit über 15 Jahren alte Landkarten, Fotografien und Reisebücher. "Als wir hierher kamen, fühlte man sich noch wie in einem Dorf", erinnert er sich. "Die Straße war voll mit kleinen Geschäften, draußen spielten die Kinder und Enkel der Inhaber, die entweder hinter dem Laden oder in den nahen Gassen wohnten."

Seit damals seien die Mieten um ein Vielfaches gestiegen, für viele kleine Läden sei die Gegend unbezahlbar geworden. Galerien und schicke Restaurants öffneten jetzt hier. "Früher war dies ein chinesisches Viertel, jetzt ist es international. Aber bei dieser Lage - genau zwischen den Bars von SoHo und denen von Lan Kwai Fong - war es klar, dass die Gegend hip werden würde."

Von Anfang an war Hollywood Road keine alltägliche Straße. 1844 wurde sie von britischen Ingenieuren angelegt, nur wenig später nahm hier die Central Police Station mit dem Victoria-Gefängnis am östlichen Ende den Dienst auf. Indische Sikhs taten als erste Polizisten Dienst und hatten ein Auge auf die berühmt-berüchtigten Bordelle im westlichen Stil, die sich am anderen Ende der Straße niedergelassen hatten - und auf deren schärfste Konkurrenz, die chinesischen Freudenhäuser, nur ein paar Blocks entfernt.

Umschlagplatz für geschmuggelte Antiquitäten

Prostitution war aber längst nicht die einzige zwielichtige Branche: Bis heute ist die Hollywood Road Hongkongs Umschlagplatz für Antiquitäten. Die Lager der Händler sind ein riesiges Reservoir von Budget sprengenden Ming- und Qing-Möbeln und billigeren, aber gekonnten Kopien. Neben Kleiderschränken, Tulpenlampen und mit Bleiarbeit verzierten Glasschirmen, die aus Shanghaier Art-déco- Palästen weggeschafft wurden, finden Interessenten in der Hollywood Road 1000 Jahre alte Tonfiguren, geplündert aus Gräbern rund um Xian. Pferde aus der Han-Dynastie, um 240 n.Chr. entstanden und illegal aus Luoyang exportiert, sind für 12.000 HK-Dollar zu haben. An manchen der buddhistischen Stelen, Pferdeköpfe und Bauernfiguren klebt noch rote chinesische Erde.

Vorwärts im Stillstand: Der Central-Mid-Levels-Escalator trägt Tausende Pendler täglich 800 Meter auf- oder abwärts
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Michael Wolf

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Dennoch muss kein Käufer fürchten, dass die Mafia-Gangs der Triaden oder gar die Polizei erstandene Schätze von ihm zurückfordern: Hongkong ist ein Freihafen. Ungezählte chinesische Kunstschätze sind über die Hollywood Road in Privatsammlungen auf der ganzen Welt gelandet. Der Schmuggel ist längst passiert, wenn der potenzielle Kunde in Hongkong den Laden betritt; Sorgen kann ihm höchstens das eigene Gewissen bereiten. Ein eleganter Antiquitäten-Shop bot kürzlich einen eineinhalb Meter hohen Buddha aus Kampferholz für saftige 140.000 HK-Dollar an. Er war zum Teil beschädigt und mit grauem Ton bedeckt, in seinem Kopf steckte ein Nagel, und doch bot er einen beeindruckenden Anblick.

400 Jahre hatte die Figur unter der Erde verbracht, bis sie aus Profitgier ausgegraben und nach Hongkong geschafft wurde. "Meiner Meinung nach ist das völlig in Ordnung", sagte der Verkäufer. "Warum sollte man etwas so Schönes den Menschen nicht zeigen?" - Aber gehören solche Schätze nicht ins Museum? - "Dort haben sie doch schon so viele! Die Regierung weiß, was vorgeht, aber man kann es nicht stoppen - nicht bei den Summen, die dabei im Spiel sind. Solche Statuen werden in Containern gut in der Mitte versteckt. Der Zoll kann nicht überall kontrollieren. Man zahlt ein bisschen was dafür und hat keine Probleme."

Trendiges Shoppingrevier

Nicht ganz so alt, aber deutlich billiger sind die Dinge, die Li Tat Leung an der Ecke von Hollywood Road und Lyndhurst Terrace anbietet. Sein "Low Price Shop" ist einer der seltenen Ort, in denen Hongkongs jüngere Vergangenheit auflebt: Mao-Figuren und Rote Bücher, Riechfläschchen, sepiafarbene Fotografien, Jadeketten, Münzen, Langspielplatten mit Beethoven, Bach und Händel, Tischlampen und Gedenkmedaillen zu Maos 100. Geburtstag, geprägt von der Demokratischen Liga Wuhan.

Wodka-Shooter unterm Sternenhimmel: Samstagnacht drängen sich die Partygänger durch die Gassen von Lan Kwai Fong
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Michael Wolf

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Li Tat Leung, den alle John nennen, hat das Geschäft von seinem Vater übernommen, der den Laden vor Jahrzehnten eröffnete. Er verkauft, was er bei Entrümpelungen und Haushaltsauflösungen findet. Vor vier Jahren, der Vater lag auf dem Sterbebett, versprach ihm John, das Geschäft weiter zu führen, zog aus Vancouver zurück nach Hongkong, und übernahm den Shop. Er verdiene zu wenig, klagt John. "Ich zahle 30.000 HK-Dollar Miete im Monat und verkaufe die Sachen immer noch zum gleichen Preis wie mein Vater - 100 HK-Dollar für die meisten Stücke. Ich liebe Hongkong, aber vielleicht schließe ich den Laden und gehe zurück nach Kanada, da ist das Leben einfacher."

Andere würden Johns Räume nur zu gern übernehmen, denn die Hollywood Road gilt auch als trendiges Shoppingrevier. Junge Designer hoffen hier auf den Durchbruch. Ihr Vorbild: G.O.D. , Hongkongs wahrscheinlich schickstes Einrichtungsgeschäft. Der Name soll weder eine höhere Autorität anrufen, noch wollte der Inhaber und Architekt Douglas Young damit sagen, das Design seiner Sofas, Regale und Tischsets sei einfach göttlich, - auch wenn sein Laden seit der Eröffnung 1996 mit beneidenswertem Erfolg gesegnet ist.

"G.O.D" klingt ähnlich wie das kantonesische "jo-die", was übersetzt so viel wie "besser leben" bedeutet. "Besser zu leben", sagt Young, sei schließlich "der grundlegende Wunsch von jedem". Und weil die Kundschaft heute "einen ganzen Lifestyle" fordere, haben er und seine Kollegen ihr Angebot um eine von Hongkong inspirierte Modelinie erweitert: auf T-Shirts sind Gebäude der Stadt gedruckt, auf Boxershorts Kleinanzeigen aus chinesischen Tageszeitungen.

Lifestyle versus wirkliches Leben

Je weiter sich die Hollywood Road westwärts zieht, desto mehr wird Lifestyle abgelöst durch das wirkliche Leben. Kleine Shops handeln mit Reis, Sojasoße, Sardinen, Putzmittel und Bürsten. Hinter seinem kleinen Karren verkauft ein Mann, der dem alten Samuel Beckett verblüffend ähnlich sieht, gebratene Fischbällchen ohne Genehmigung und ein paar Schritte weiter verwendet der spärlich behaarte Ladeninhaber in seiner altmodischen weißen Weste selig lächelnd eine Ewigkeit darauf, die genau richtige Cola-Dose für seinen Kunden auszuwählen.

Die westliche Hollywood Road ist das Dorf in der Stadt, eine Gegend mit bröckelndem Charme, die fernöstliche Anmut mit chinesischem Chaos vereint. Zum Beispiel im Man-Mo-Tempel, der den taoistischen Göttern der Literatur (Man) und des Krieges (Mo) geweiht ist. Die verwinkelte, feingliedrige Architektur des 150 Jahre alten Gebäudes fasziniert den Besucher, das Innere ist erfüllt vom stechenden Rauch der Duftspiralen. Lautstark wird gebetet, Glocken läuten, Wahrsager lassen Orakelstäbchen auf den Boden fallen. Einkehr braucht hier keine Ruhe.

Vom frischem Hai bis zur getrockneten Echse: Der Markt auf der Gage Street ist eine Fundgrube
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Michael Wolf

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Auf dem Bürgersteig draußen ragt ein Friseurladen, der 1950 brandmodern gewesen wäre, aus dem Rücken eines alten Apartmentblocks. Nur eine Falttür und ein Wellblechdach schützt das Innere vor Wind und Regen. Mütter bringen ihre Söhne hierher, beauftragen den Frisör, "kurz im Nacken und an den Seiten" zu schneiden, die Jungen thronen auf Holzbrettern, die der Chef quer über die alten Drehstühle mit der roten Lederpolsterung voller Sprünge gelegt hat.

Ein Transistorradio spielt Chinaoper; Cremetuben und Töpfe voller Rasierpinsel füllen die Regale. Platz und Ausstattung sind luxuriös, der Schuster nebenan hat seine Werkstatt in einem abschließbaren Schrank. Ein paar Blocks weiter kreuzt Hollywood Road die Upper Lascar Row, besser bekannt unter dem Namen Cat Street Bazar: ein Flohmarkt unter freiem Himmel, in dem von der ungeöffneten antiken Colaflasche bis zum rotchinesischen Propagandakitsch alles angeboten wird. Feilschen kann anstrengend sein, ist aber Pflicht.

Ruhe findet man ein paar Schritte entfernt, in einem chinesischen Garten mit Lotosteich und Pagoden - allerdings ist alles hier aus Beton: die moderne Variante eines Spielplatzes aus dem Reich der Mitte. In der Nähe des Eingangs verkauft ein kleines Geschäft Turnschuhe, Autos, Zigaretten und Fernseher, alles aus Papier sorgfältig nachgebildet. Diese Opfergaben werden bei Begräbnissen verbrannt, auf dass es den Lieben im Jenseits nicht an den Dingen fehle, die ihnen zu Lebzeiten besonders teuer waren. Eine Illusion vielleicht, aber davon lebt schließlich auch Hollywood.

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