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24.10.2005
 

West-Berlin

Abschied vom Bahnhof Zoo

Von Ferda Ataman, Berlin

Während sich im Berliner Osten in den vergangenen 15 Jahren vieles änderte, blieb der Westen von Veränderungen weitgehend verschont. Nun sollen der Bahnhof Zoo und der Flughafen Tempelhof geschlossen werden. Es formiert sich Widerstand der West-Berliner.

Berlin - Der frische Spreewind weht den Fahrgästen der "Spree-Perle" steif ins Gesicht, aber solange es das Wetter irgendwie zulässt, sitzt der Berliner bei Bootsfahrten an Deck. Die Tour über die Spree und durch Berliner Kanäle führt mitten durch das neue Berlin. Zur Linken strahlt das riesige Kanzleramt. Auf der Rechten erscheint eine riesige Baustelle - der Lehrter Bahnhof. "Das ist unser neuer zentraler Fernbahnhof, der rechtzeitig zur WM in Betrieb genommen wird", erklärt der Kapitän.

Passanten vor dem Lehrter Bahnhof: "In der Walachei"
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DDP

Passanten vor dem Lehrter Bahnhof: "In der Walachei"

Das Kanzleramt und der neue Superbahnhof liegen im ehemaligen West-Berlin. Dort waren Baustellen und bauliche Veränderungen nach dem Mauerfall aber die Ausnahme. Während sich das Stadtbild des Berliner Ostens in den vergangenen 15 Jahren zum Teil dramatisch veränderte, blieb im Westen fast alles beim Alten. Am Potsdamer Platz, wo früher die Mauer die Stadt zerteilte, entstehen noch immer neue Gebäude, die Museumsinsel in Mitte wird noch renoviert, ganze Stadtviertel am Prenzlauer Berg oder in Friedrichshain wurden aufgehübscht und grundsaniert. Sogar die Plattenbauten rund um den Alexanderplatz wurden einer Schönheitsoperation unterzogen.

Bahnhof-Zoo-Einsparung bringt vier Minuten

Doch nun verlangt die Hauptstadtrolle auch den West-Berlinern einige Umstellungen ab. Die Begeisterung darüber hält sich allerdings in Grenzen.

Ausgerechnet der berühmte Bahnhof Zoo in Charlottenburg und der alte Flughafen Tempelhof sollen in naher Zukunft abgewickelt werden. Viele Westberliner empfinden Wehmut bei dieser Vorstellung. Der Bahnhof Zoo hat zwar keinen guten Ruf, obwohl er heute längst nicht mehr eine so desperate Stadtlandschaft ist wie zu den Zeiten von Christiane F. Doch die West-Berliner hängen an dieser Fernbahnhaltestelle - wie manche Ost-Berliner am Palast der Republik, der heute gegenüber dem Dom vor sich hin rostet.

Im Sommer gab die Deutsche Bahn bekannt, dass am Bahnhof Zoologischer Garten ab Mai 2006 keine Fernzüge mehr halten werden. "Die Lebensqualität von 400.000 Bürgern, die im Einzugsbereich des Bahnhofs Zoo leben, wird dadurch verschlechtert", kritisiert die SPD-Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Monika Thiemen, den Plan.

Die Bahn rechtfertigt die Einsparung des Bahnhofs Zoo mit einer Fahrtzeitverkürzung von vier Minuten. Der Preis in der City-West für diese bescheidende Beschleunigung ist vielen West-Berliner allerdings zu hoch. Sie fürchten, dass die Einkaufsmeile am Kurfürstendamm sowie die Hotels in der Nähe des Zoos unter der Verschiebung leiden könnten.

Vielleicht will die Bahn AG aber genau diese Kundenverschiebung bewirken: Beim Streit um den Stopp der Fernzüge am Bahnhof Zoo geht es auch um die 11.000 bis 15.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche am Lehrter Bahnhof. Wenn dort zu wenig Reisende aussteigen würden, blieben die Läden leer. Deswegen will Bahnchef Hartmut Mehdorn die Züge am Zoo nur noch vorbeirauschen lassen.

Umweg für West-Berliner von bis zu 40 Minuten

Seit 1995 baut die Deutsche Bahn AG am gigantischen Bauprojekt "Hauptbahnhof-Lehrter Bahnhof" in Berlin. Inklusive der neuen Bahnzentrale wird er etwa 1,3 Milliarden Euro kosten. Angesichts dieser Summen sagt auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit: "Man muss auch Verständnis für die Bahn haben - sie hat nicht Milliarden in den neuen Bahnhof investiert, um alles so zu lassen, wie es war."

Warten am Bahnhof Zoo: Nah für die gesamte westliche City
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STEPHANIE PILICK/DPA

Warten am Bahnhof Zoo: Nah für die gesamte westliche City

Für viele Berliner und Touristen, die in der City West zu Hause oder zu Gast sind, entsteht durch den neuen Hauptbahnhof ein erheblicher Umweg. Nun regt sich Widerstand: Die West-Berliner Pastorin Helga Frisch hat eine Initiative "Bürgerprotest gegen die Schließung des Fernbahnhofs Zoo" gegründet. Vor allem in den gutbürgerlichen West-Bezirken Wilmersdorf, Charlottenburg und Schöneberg stößt ihre Initiative auf Sympathie.

Besonders ältere West-Berliner, berichtet Frisch, befürchten, durch die Einschränkung des Fernverkehrs am Bahnhof Zoo in ihren Reisemöglichkeiten benachteiligt zu werden. "Ich bin schon 83 Jahre alt, aber ich werde mich auf die Straße stellen und Unterschriften sammeln", schrieb ihr einer.

"Auf den Fernhalt am Bahnhof Zoo verzichten hieße, Berlin das Herz heraus zu reißen", beschwert sich ein Bürger bei der Protestleiterin Frisch. Auch sie selbst erklärt, "der Bahnhof Zoo ist ein Symbol für die gesamte westliche Stadt. Er liegt neben der Gedächtniskirche, vis-à-vis vom Kaufhaus des Westens."

City-Flughafen in Gefahr

Zu allem West-Berliner Unglück soll nun auch noch der Flughafen Tempelhof geschlossen werden. In den zwanziger Jahren war er der zentrale Flughafen der Hauptstadt und machte Berlin zum Verkehrsluftkreuz Europas. Diese Rolle hat er längst verloren. Doch der fast mitten in der Stadt liegende Flughafen wird immer noch von zahlreichen Fluggesellschaften angeflogen - und bietet vor allem kleine City-Hopper-Verbindungen an.

Gegen die Schließung von Tempelhof hat sich eine West-Berliner Bürgerinitiative nun gerichtlich zur Wehr gesetzt. Ausgerechnet mit einigen Anwohnern haben sie beim Oberverwaltungsgericht gegen die Schließungsgenehmigung der Senatsverwaltung geklagt, mit vorläufigem Erfolg.

Der riesige Bau ist das größte zusammenhängende Gebäude Europas - und ein Stück Berliner Geschichte mitten in der Stadt. Das Flugfeld in Tempelhof wurde 1923 eröffnet, der Flughafen 1934 in typischer Nazi-Monumentenmanier ausgebaut. Weltbekannt wurde der Flughafen dann während der Berlin-Blockade von 1948 bis 1949. Hier landeten die "Rosinenbomber" der West-Alliierten, die die Versorgung West-Berlins aus der Luft sicherten.

Am Flughafen Tempelhof: West-Berliner freuen sich über Lebensmittel-"Rosinenbomber"
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DPA

Am Flughafen Tempelhof: West-Berliner freuen sich über Lebensmittel-"Rosinenbomber"

"Die meisten Anwohner waren eigentlich für die Schließung des Flughafens", sagt der Bezirkbürgermeister Ekkehard Band von der SPD. Aber je näher das Ende rücke, desto mehr Freunde des Flughafens machen sich bemerkbar. "Wie können Sie den schließen, der hat uns einmal das Leben gerettet", entrüsten sich ältere Anwohner - Berliner Westalgie.

Wann die Verkehrsknotenpunkte des alten West-Berlins von der Stadtkarte verschwinden werden, ist bisher nicht klar. Die Entscheidung, "ob am Zoologischen Garten künftig Fernzüge halten, ist noch nicht gefallen", heißt es bei der Deutschen Bahn. Möglicherweise werden dabei die 55.000 Unterschriften, die Helga Frisch bereits sammeln konnte, berücksichtigt. Und die Berliner Senatsverwaltung meint zur Schließung des Flughafen Tempelhof: "Irgendwas kann immer dazwischen kommen." Man darf also gespannt sein, ob die Westberliner erreichen, wovon die Ostberliner nicht einmal zu träumen wagten: Das alles so bleibt, wie es ist.

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