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26.10.2005
 

Fotobuch Venedig

In der schönen Hölle der Knipser

Von Werner Theurich

Noch ein Bildband über Venedig - muss das wirklich sein, möchte man stöhnend fragen. Ja sicher, heißt die Antwort, wenn gleich fünf Edelfotografen ans Werk gehen. Da erscheinen selbst die Touristen um San Marco in ganz neuem Licht.

Venedig kann sehr kalt sein, heißt einer von Patricia Highsmiths doppelbödigen Thrillern. Wie unterkühlt, ja herzlos La Serenissima tatsächlich erscheinen kann, zeigen die fast menschenleeren Fotografien von Mark Power, der das übliche Bilderbuch-Venedig der Touristenschwärme zwischen Rialto, San Marco und Accademia konsequent vermeidet. Der Blick macht's: Power ist einer von fünf Fotokünstlern, die die oft abgelichtete Lagunenstadt für den Band "Venedig" (mare dreiviertel verlag) noch einmal aufs Korn genommen haben. Ein Werk der Kontraste und Überraschungen kam dabei heraus: Wie ein vermeintlich zu Tode fotografiertes Sujet neu aufleben kann, dokumentieren fünf vollkommen unterschiedlich sehende Bildkünstler. Und sie zeigen noch mehr: Venedig fordert Fotografen nach wie vor heraus.

Robert Voit:  Vertraut und unwirklich zugleich, wie in einem bizarren Traum
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Mare/Robert Voit

Robert Voit: Vertraut und unwirklich zugleich, wie in einem bizarren Traum

Mark Powers Motive liegen weit abseits der gängige Venedig-Klischees und Postkartenoptiken. Er stöberte Winkel auf, wo weniger betuchte Venezianer wohnen, wie La Giudecca, er fand wuchernde Natur auf Murano, eine öde Tankstelle in Pellestrina, aber auch sonnenglänzende Plätze wie den Friedhof auf der Insel San Michele. Allerdings definiert Power (der 1959 im englischen Harpenden geboren wurde) seine Fundstücke nie in plakative Schönheit zum Schwärmen um, es gibt keine Kunstschätze, kaum Historie, nicht mal "das" Venedig: Die Herausgeber des Buches stellten die klaren, analytischen Hintergrundbilder von Mark Powers wohlweislich nicht an den Anfang des Bandes - der Betrachter könnte sich im "falschen Film" wähnen.

Selbstironie des gnadenlosen Beobachters

Fast kälter noch wirken die brutal geblitzten Bilder des inzwischen in Museen und Sammlungen reichlich vertretenen Star-Fotografen Martin Parr (wie Power Engländer, 1952 in Epsom geboren), der vor allem die Besucher in der Lagunenstadt sieht: Venedig als Anlauf- und Auslaufort für Otto Normalverbraucher, die Invasion der Tagestouris rollt. Kameras allerorten auf Martin Parrs Bildern, Besucher knipsen sich durch die Gassen: eine charmante Selbstironie des gnadenlosen Beobachters, der hier die Architektur und Geschichte zu bloßen Kulissen macht. Sein Thema sind wie stets die Menschen, die an den Ort des Faszination pilgern, um dort das zu tun, was sie immer tun: Fotos schießen, Eis essen, shoppen und flirten.

Wer dann doch lieber im vermeintlich Wohlbekannten schwelgen möchte, für den bietet der "Opener" des Buches, Robert Voit aus Erlangen, immerhin ein paar bekannte Szenarien, wenn auch meist in überraschendem Licht. Das fotografische Handwerk erlernte Voit in Düsseldorf bei Thomas Ruff. Seine mal in Sepia getönten, mal farbig hart konturierten, mal sanft vernebelten Aufnahmen erscheinen vertraut und unwirklich zugleich, wie in einem bizarren Traum. Übertrieben in ihrer äußerlichen, visuellen Wirkung, werden die Orte durch Lichtwirkungen mystifiziert und gewinnen in der Übertreibung der Farben und Kontraste beinahe etwas Surreales. Seine mit Großformat-Kamera eingefangenen Venedig-Panoramen erinnern stilistisch an die Irland-Fotografien von Elke Ollertz, die ebenfalls im Mare-Buchverlag erschienen sind.

Askese als Triumph

Der Kontrast zu den schwarzweißen "Wasserwelten" des gebürtigen Römers Paolo Pellegrin könnte nicht größer sein: Detailversessen und voller eigenwilliger Perspektiven sind die Ausschnitte des venezianischen Lebens, die Pellegrin mit dem Auge des Reporters und Liebhabers der Stadt sieht. Seine Bilder erinnern an die kultivierte "Merian"-Optik der fünfziger Jahre, fängt Menschen, Kanäle und Stadt als symbiotische Einheit in stetig fließender Bewegung ein, wie sie nur in Venedig aussieht. Trotz aller Dynamik sind seine strengen, düsteren Fotografien die majestätischsten des Bandes: Askese als Triumph.

Mare-Buch "Venedig"

Mare-Buch "Venedig"

Die farbige Entsprechung dieser stilisiert schlichten Sicht der von Schönheit überbordenden Stadt bietet der aus Moskau stammende Gueorgui Pinkhassov, der bei seinem Thema "Glanz" sehr verschiedenartige Motive in unterschiedlichen Sichtweisen präsentiert. Menschen tauchen meist als Schatten auf und unter, Regen verwischt die Realität, während ein paar Seiten weiter der Markusplatz in überirdischem Lichterglanz entrückt. Stets stellt Pinkhassov Kleinigkeiten wie Tücher und winzige Brücken gegen die historischen Größe der Stadt: Alles ist Venedig, alles ist gewichtig und ausdrucksvoll.

Die Entscheidung, fünf so unterschiedlichen Künstlern ein Forum zu bieten, war vom Verlag richtig gedacht, denn der Markt für Venedig-Bücher ist zwar scheinbar unendlich, aber reich an Mittelmaß und immer gleichen, perfekt, aber langweilig gestalteten Kunstpostkarten. Dieses realistische und manchmal abstoßende "Venedig" jedoch kann Fans wie Neugierige visuell gleichermaßen befriedigen, wie auch die sparsamen und kurzen Texte angenehm unaufdringlich die Themen anreißen und atmosphärisch einstimmen. Lediglich die Informationen zu den Fotografen gerieten ein wenig spärlich, aber deren Arbeiten sprechen dafür umso deutlicher. Venedig darf wieder auf den "Coffee Table" gelegt werden.


Mare-Bildband "Venedig". mare dreiviertel verlag, 136 Seiten, 49,90 Euro.

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