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29.11.2005
 

Chicago

Santa Claus meets Christkindl

Der größte Weihnachtsmarkt der USA, aus Nürnberg importiert, hat seine Pforten in Chicago geöffnet. Rotweiße Holzbuden und ein riesiger Tannenbaum bemühen sich um Weihnachtsstimmung "made in Germany" - lautstark unterstützt vom globalen Evergreen "Stille Nacht" in Dauerrotation.

Chicago - Was haben sächsische Räuchermännchen mit modernen Wolkenkratzern zu tun und das Nürnberger Christkind mit einem amerikanischen Truthahn? Nicht viel im Allgemeinen, es sei denn, es geht um den größten Weihnachtsmarkt der USA. Zum zehnten Mal öffnet er dieses Jahr seine girlandengeschmückten Pforten in Chicago und wird voraussichtlich wieder mehr als eine Million Besucher anziehen.

Das Aroma von Glühwein und gebrannten Mandeln weht einem schon von weitem in die Nase. Vier Dutzend rotweiße Holzbuden und ein riesengroßer Tannenbaum bemühen sich um Weihnachtsstimmung "made in Germany". Sogar das Christkind ist anwesend, eingeflogen per Linienjet aus Nürnberg, dessen traditionsreicher Weihnachtsmarkt aus dem 16. Jahrhundert nicht nur als ideelles Vorbild dient, sondern auch personelle Unterstützung liefert.

Auf den ersten Blick wirkt alles wie zu Hause und auf den zweiten doch fremd. Wahrscheinlich irritiert vor allem die Umgebung am Daley Center Plaza: Hebt der Marktbesucher seinen Blick vom dampfenden Bratwurststand, sieht er keine gemütlichen Patrizierhäuser, keine Kirchturmspitzen, sondern hundert Meter hohe Fassaden aus kühlem Glas und Stahl.

Schmücken unter dem Motto Mehr ist mehr

Andererseits hat ein traditioneller Weihnachtsmarkt im hart arbeitenden Chicago, der ehemaligen Stadt der Schlachthöfe und Stahlindustrie, durchaus seinen Platz. Man könnte sagen, dass er in keine amerikanische Metropole besser passt. Für den passenden Flair ist es hier ausreichend kalt im Winter, manchmal schneit es sogar - stimmungsbezogen ein klarer Vorteil gegenüber San Francisco, Denver oder Dallas. Die eisigen Winde, die aus der kanadischen Tiefebene über die Großen Seen jagen, zwingen den Flaneur unter Umständen allerdings dazu, eine arktische Expeditionsausrüstung anzulegen, mit Skiunterwäsche, Daunenjacke, Fellmütze und Gesichtsschutz.

Man glaubt den drei Millionen Chicagoern sofort, dass sie Weihnachten lieben. Gerade noch warten sie Thanksgiving ab, das nationale Erntedankfest am vierten Donnerstag im November, wenn in den amerikanischen Familien der Truthahn aufgetischt wird, um sich gleich am Folgetag mit unvergleichlicher Verve in die Adventszeit zu stürzen. Millionen von Lämpchen erleuchten die Stadt.

Schon in den Vororten überbieten sich die Eigenheimbesitzer im Schmücken von Haus und Hof. Nicht "weniger ist mehr", sondern "mehr ist mehr" lautet der amerikanische Imperativ. So viele illuminierte Girlanden und Lichterketten werden über Giebel und Fenster, Bäume und Hecken geworfen, dass man das Ächzen der Elektrizitätswerke zu hören meint.

Doch der richtige Weihnachtsrausch bricht sich erst in Downtown Bahn. Den Straßenlaternen werden riesige Kugeln und rote Schleifen umgehängt, die Haltestellen der 100 Jahre alten Hochbahn verzieren glitzernde Fabelwesen. Selbst Geschäftsmänner im Dreiteiler tragen auf dem Weg zum Büro eine rote Nikolausmütze.

Weihnachten ist Shoppingzeit

Die Geschäfte in dem Viertel um die Magnificent Mile genannte Haupteinkaufsstraße Michigan Avenue fordern das Äußerste von ihren Dekorateuren. Allen voran das populärste Kaufhaus der Stadt: Marshall Field's an der State Street. So wie Plätzchenbacken und Krippenspiel bei uns, gehört es in Chicago zur Tradition, das Nussknacker-Ballett oder ein Singspiel zu besuchen und sich mit seinen Lieben unter dem großen Baum des 1868 eröffneten Konsumpalastes fotografieren zu lassen.

Shopping ist unverzichtbarer Teil der amerikanischen Weihnacht. Es eint das ganze Land über Konfessionsgrenzen hinweg. Mit innerer Einkehr und mit Besinnlichkeit hat das nichts zu tun. An jedem Adventswochenende fahren im Zentrum die Busse aus den umliegenden Bundesstaaten vor und spucken hunderte von Einkaufstouristen aus. In kleinen Gruppen drängen sie durch die Straßenschluchten, immer freundlich und vergnügt, mit einer stetig wachsenden Ansammlung von Tüten in den Händen und einem staunenden Blick, der demjenigen des Besuchers aus Übersee entspricht.

Diesem Besucher aus Übersee wiederum bleibt nicht viel übrig, als mitzumachen bei der Schnäppchenjagd, wenn er sich nicht fühlen will wie der Alkoholverächter auf einer Studentenparty. Nicht, dass es Dinge zu kaufen gäbe, die bei uns nicht in den Regalen stehen. Aber der günstige Umtauschkurs des Dollars, das enthusiastische Verkaufspersonal und die skurrilen Rabattaktionen - "Kaufen Sie drei Paar Handschuhe und bekommen Sie zwei weitere kostenlos" - verführen dazu, Koffer und Zollbestimmungen auszutesten. Neun Jahre Chicagoer Christkindlmarket

"Ja, Weihnachten ist eine große Sache in Chicago", sagt Ray Lotter. Seit 40 Jahren lebt der in Würzburg geborene Geschäftsmann in der Stadt am Michigansee. Der Christkindlmarket war seine Idee, er organisiert ihn mit der deutschen Handelskammer mittels einer eigens gegründeten Tochtergesellschaft. "1995 schickten wir eine Delegation zum Nürnberger Christkindlmarkt, um mal zu sehen, wie man so etwas macht." Im Jahr darauf fand dann schon die Premiere zwischen den Wolkenkratzern statt. Zunächst in kleinerem Maßstab mit nur 25 Buden und noch gegenüber dem berühmten Wrigley-Gebäude, vor dem Hochhaus der beteiligten Handelskammer.

In diesem Jahr warten vom 24. November bis zum 25. Dezember am Daley Center Plaza mit dem deutschen Christkind und dem amerikanischen Santa Claus mehr als 70 Stände auf Besucher. "Gut zwei Drittel der Aussteller sind Deutsche, viele davon aus den neuen Bundesländern", berichtet Lotter. Sie reisen mit ihren Waren eigens an. Thüringer Glaskunst und sächsischen Christbaumschmuck gibt es zu kaufen, aber auch Schnitzereien aus dem Schwarzwald und handgemachte Kerzen aus Niedersachsen. Der Rest der Marktbeschicker kommt aus den europäischen Nachbarländern, und auch ein paar Südamerikaner sind dabei und verkaufen Wollpullover aus Ecuador.

Ein Drittel der Einwohner Chicagos hat deutsche Wurzeln, schätzt Lotter. Ehemalige Bauern und Bierbrauer waren es, die vor zwei oder drei Generationen hergekommen sind, um in der aufstrebenden Stadt ihr Glück zu versuchen. Auch wenn sich die Deutschstämmigen stärker integriert haben als andere Einwanderergruppen und es nur noch ein kleines deutsches Viertel im Stadtteil Lincoln Square im Norden gibt, bemühen sie sich um Brauchtumspflege.

Ausnahmegenehmigung für Glühwein

Die deutschen Weihnachtstraditionen gehören dazu. Mitnichten müssen diese aus erster Hand bekannt sein. So sind die Mitglieder des Rheinischen Gesangsvereins, der zur Eröffnung des Christkindlmarket heimatliches Liedgut intoniert, längst nicht mehr am schönen Rhein geboren, sondern waschechte Amerikaner mit rheinischen Vorfahren - und manche nicht einmal das.

"Dennoch war es alles andere als einfach, in Chicago den Christkindlmarket ins Leben zu rufen", erzählt Lotter. Auch in den USA gibt es Stadtverwaltungen mit strengen Vorschriften. Und eine davon lautet, dass Alkoholkonsum auf den Straßen verboten ist. "Auf den Glühwein wollten wir aber nicht verzichten", sagt Lotter. Also bemühte man sich um eine Ausnahmegenehmigung beim Bürgermeister persönlich.

Außerdem handelt es sich um den wahrscheinlich am besten versicherten Weihnachtsmarkt der Welt. Lotter: "Mit Blick auf die amerikanischen Anwälte und ihr Faible für Schadenersatzklagen mussten wir eine hoch dotierte Haftpflichtversicherung für jeden Besucher abschließen."

Und noch eine Einmaligkeit gibt es zu berichten: Kein anderer Weihnachtsmarkt bietet eine vergleichbare Dichte an medizinischem Fachpersonal. Das ist allerdings purer Zufall. Denn zeitgleich mit dem deutschen Christkind tagt in Chicago jedes Jahr der größte Radiologenkongress der Welt. "Die Doktoren kommen nach Abschluss der Sitzungen immer auf unseren Markt", erklärt Lotter. Es ist eine hübsche Vorstellung, dass sich die Röntgenärzte gemeinsam am heißen Weinpunsch laben - sozusagen zur Erzeugung eines ganz natürlichen inneren Glühens.

Von Frank Rumpf, gms

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