ThemaUSA-ReisenRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
24.02.2006
 

Mardi Gras in New Orleans

Tanz auf den Trümmern

Von Sebastian Moll

New Orleans feiert wieder. Der schrille Karneval Mardi Gras ist für die vom Hurrikan zerstörte Stadt wichtiger denn je: Er ist ein Symbol, dass das Leben weitergeht, Atempause im schwierigen Alltag - und dringend notwendige Einnahmequelle.

Es ist fünf Uhr am Nachmittag, und der breite Grünstreifen in der Mitte der Napoleon Avenue beginnt sich langsam mit Menschen zu füllen. Drei alte Damen haben sich Klappstühle in den traditionellen New Orleanser Karnevalsfarben Lila, Grün und Gold mitgebracht und sichern sich einen Platz mit bester Aussicht auf den Faschingsumzug, der hier in einer halben Stunde beginnt. Fastnachtserprobte Eltern haben kleine Holzkisten auf Leitern geschraubt und ihren Kindern so einen mobilen Hochsitz gezaubert. Hier, im ruhigen und von der Flutkatastrophe völlig unversehrten Wohnviertel Uptown, ist der Karneval eindeutig eine Angelegenheit für Familien.

Alle Umzüge der diesmal von zwölf auf acht Tage verkürzten Saison starten in diesem Jahr hier auf der Napoleon Avenue. Viele Variationsmöglichkeiten gibt es ja auch nicht mehr - die meisten Stadtviertel, durch die die insgesamt 34 "Krewes" genannten Fastnachtvereine früher zogen, sind zerstört. Nur ein schmaler Streifen entlang der Mississippi-Biegung ist trocken geblieben, als die Dämme der Stadtkanäle brachen. Vielleicht zehn Kilometer ist dieser Streifen lang, und er endet im French Quarter - der historischen Altstadt und Haupttouristenattraktion von New Orleans.

Dort wartet ein ganz anderes Publikum auf die "Floats", die von Traktoren gezogenen bunten Themenwagen, von denen aus die Fastnachter billige Perlenketten und bedruckte Pappbecher in die Menge werfen. Einheimische, die für ein paar Stunden ihren Ärger mit ihrem beschädigten oder verlorenen Eigentum, mit Versicherungsagenten, mit der Katastrophenbehörde Fema und vor allem die Sorge um die Zukunft ihrer Stadt vergessen wollen, verirren sich nur selten ins Quarter. 

Hier versammeln sich jene Sorte vorwiegend junger Touristen, die den Ruf von New Orleans' als The Big Easy - als die Stadt, in der vieles entspannter gesehen wird, als anderswo - ausnutzen, um sich völlig gehen zu lassen. Hier wird gesoffen bis zum Umfallen, gegrölt und randaliert; Frauen ziehen auf offener Straße ihre Oberteile aus.

Bacchanal für College-Studenten

Es gibt nicht einen Mardi Gras, sondern zwei. Das war schon immer so. Uptown feiern die New Orleanser, wie Redakteur Chris Rose in der Lokalzeitung "Times Picayune" schreibt, "ihre Musik, ihre Tradition, ihre Küche, ihre Kreativität, ihre Stadt und ihre Liebe zum Leben." Downtown, im French Quarter, ist Mardi Gras hingegen ein Bacchanal für College-Studenten aus den gesamten USA, die es nicht mehr bis zu den berüchtigten Gelagen in den Frühjahrsemesterferien in Florida abwarten können.

In diesem Jahr braucht New Orleans beide Feiern dringender als je zuvor. "Dass Mardi Gras stattfindet", sagt Jim Benson, ein alteingesessener Uptowner, während die extravaganten Floats der reinen Damenkrewe "The Muses" auf der Napoleon Avenue vorbeiziehen, "bedeutet für uns alle in diesem Jahr, dass es eine Normalität gibt. Es bedeutet, dass das Leben weitergehen kann." Mindestens ebenso sehr wie diese kleine Dosis an Mut und Hoffnung hat die Stadt jedoch das Geld nötig, das die Feierwütigen im French Quarter lassen.

Und nicht nur das - die wirtschaftliche Bedeutung des diesjährigen Mardi Gras geht weit über den unmittelbaren Umsatz an diesem Wochenende hinaus. Tourismus ist eine Schlüsselindustrie für New Orleans. Vor "Katrina" verdiente die Stadt mit dem Fremdenverkehr 5,5 Milliarden Dollar pro Jahr - knapp ein Drittel des gesamten Steueraufkommens. 300 Millionen davon gingen am Mardi-Gras-Wochenende über die Schanktheken und Hotelrezeptionen. "Mardi Gras ist der Grundstock unserer Tourismus-Industrie", sagt Stephen Perry, Chef des New Orleanser Fremdenverkehrsamtes.

Für New Orleans hängt viel daran, dass das Wochenende ein Erfolg wird. "Mardi Gras ist für uns unglaublich wichtig", sagt auch Sandy Shilstone, Direktorin der New Orleans Tourism Marketing Corporation. "Es ist die Gelegenheit zu zeigen, dass wir wieder dazu in der Lage sind, ein Großereignis auszurichten." Wenn Mardi Gras gut läuft, so hofft man, kommen auch die Messen, Kongresse und Sportveranstaltungen wieder in die Hoteltürme, die sich auf der Canal Street am Westrand des French Quarter aufreihen.

Alltag scheint Lichtjahre entfernt

Als die Wagen der "Knights of Babylon", der "Muses" und der "Knights of Chaos" am Donnerstag aus Richtung Uptown hier einbiegen, hält sich der Andrang an Touristen noch in Grenzen. Auch auf der Bourbon Street, der Amüsiermeile quer durch das Carree mit den Stripclubs und billigen Bierkneipen, um die man am Rosenmontag und am "fetten Dienstag" noch mehr als sonst lieber einen großen Bogen macht, ist der Betrieb zwar lebhaft, aber nicht erdrückend. Für das Wochenende sind die Prognosen des Tourismusbüros allerdings optimistisch: Die 15.000 verfügbaren Hotelbetten sind ausgebucht, und von den 21.000 Plätzen auf Flügen nach New Orleans sind nur noch 3000 zu haben.

An der Napoleon Avenue verläuft sich die Menge derweil wieder, nachdem die letzten "Floats" auf der St. Charles Street in Richtung French Quarter verschwunden sind. Die meisten gehen nach Hause. Wenn noch gefeiert wird, dann privat, bei Anwohnern in der Nachbarschaft. In den Restaurants und auf den Straßen zwischen St. Charles und dem Mississippi erinnern schon bald nur noch die bunten Glasperlenketten, die die Menschen um den Hals tragen, daran, dass hier Mardi Gras ist. Wo man noch zusammensteht, wird über die Dekoration der Wagen diskutiert und über die neuen Könige der Krewes, deren Namen immer bis zu den Umzügen geheim gehalten werden.

Morgen wird es wieder einen Umzug geben und auch am Samstag und am Sonntag und dann noch zwei Tage lang. Der Alltag in der verstümmelten Rest-Stadt New Orleans scheint wenigstens in diesem Augenblick Lichtjahre weit entfernt.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Städtereisen
alles zum Thema USA-Reisen

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP