New York - Harlem war in den zwanziger Jahren ein blühendes Viertel mit vielen Clubs und Theatern. Mit der Depression in den Dreißigern begann dann der Niedergang: Die Gebäude verfielen, und wer konnte, verließ die Viertel am Nordrand des New Yorker Central Parks. Harlem verslumte und wurde zum größten schwarzen Ghetto Amerikas. Nachdem ein weißer Polizist 1964 einen Teenager erschoss, gab es Zusammenstöße zwischen Polizei und Bevölkerung. Später beherrschten Kriminalität und Drogen das Straßenbild, und viele Stadtpläne für Touristen hörten auf der 110. Straße auf, wo Harlem beginnt. Doch seit einigen Jahren entwickelt sich Harlem wieder zum Trendviertel.
Bürgermeister Rudolph Giulianis oft kritisierte, aber wirksame "Law and Order"-Politik in den neunziger Jahren senkte auch in Harlem die Kriminalitätsrate deutlich. In den folgenden Jahren wurden immer mehr alte "Brownstones"-Gebäude renoviert und in schicke Residenzen umgewandelt. Der Disney-Konzern, Pizza Hut, Starbucks und Modeketten eröffneten in Harlem Filialen. Heute kommt die junge New Yorker Elite in die Night-Life-Szene des Viertels. Im Jahr 2001 bezog sogar Ex-US-Präsident Bill Clinton an der 125. Straße sein Büro. Es ist also kein Wunder, dass inzwischen von einer zweiten "Harlem-Renaissance" gesprochen wird.
Rappen, Tanzen, Klatschen
Die erste "Harlem- Renaissance" gab es in den zwanziger Jahren. Es war eine künstlerische Bewegung afroamerikanischer Schriftsteller, Maler und Musiker. Im Apollo-Theater an der 125. Straße traten Louis Armstrong, Josephine Baker und Billie Holiday auf. 1934 wurde hier die "Amateur Night" eingeführt, bis heute ein fester Programmpunkt. Jeder, der glaubt, Talent zu haben, kann auf die Bühne gehen und vor Publikum auftreten. Schwarze Musiker spielten in den zwanziger und dreißiger Jahren auch im berühmten "Cotton Club" - allerdings nur für ein weißes Publikum, denn schwarze Zuschauer hatten keinen Zutritt.
Heute kommen wieder viele New Yorker und Touristen nach Harlem, um Jazz, Soul und HipHop zu hören oder einen Gospel-Gottesdienst zu besuchen, zum Beispiel in der neugotischen Abyssinian Baptist Church. Der stimmgewaltige Chor schmettert jeden Sonntag Gospels und die "Zuschauer-Tribüne" ist vollständig besetzt.
Doch das ist nicht der einzige außergewöhnliche Gottesdienst in Harlem. Donnerstagabends gibt es in der Greater Hood Memorial Ame Zion Kirche einen HipHop-Gottesdienst. Die Idee dazu hatten Pastor Stephen Pogue und der HipHop-Veteran Kurtis Blow. Rund 100 Teenager kommen jede Woche und rappen lautstark für Gott. "Es geht hier nicht um Unterhaltung, und es ist auch keine Aufführung. Wir lobpreisen Gott. Nur machen wir das anders als in traditionellen Gottesdiensten", sagt der Pastor. Den Kindern gefällt es: "Die HipHop-Kirche bedeutet mir wirklich sehr viel", sagt der 18 Jahre alte Todd. "Ich kann hier rappen, tanzen und klatschen, und niemand verurteilt mich dafür, dass ich Gott auf diese Weise lobpreise."
"Seelennahrung" aus Maisbrot und Bohnen
Wer zeitgenössische Werke afroamerikanischer Künstlern sehen möchte, sollte das Studio Museum of Harlem besuchen. Dort gibt es eine große Sammlung mit Skulpturen und Gemälden sowie Photographien des alten Harlem. Im Kulturzentrum Schomburg Center for Research in Black Culture werden mehr als fünf Millionen Bücher, Dokumente und Fotos zur Geschichte der Schwarzen aufbewahrt. Das Zentrum gilt als größtes Forschungszentrum für afroamerikanische und afrikanische Kultur in den USA und war schon in den Dreißigern Zentrum der "Harlem Renaissance".
Das Tanzensemble Dance Theatre of Harlem wurde von Arthur Mitchell und Karel Shook gegründet und ist schon seit 30 Jahren erfolgreich. Wem das noch nicht genug Kultur ist, der sollte im Sommer nach Harlem kommen: Jeden August findet die Harlem Week/Harlem Jazz & Music Festival mit Kunstausstellungen, Konzerten und Kursen statt.
Auch zum Einkaufen ist Harlem einen Besuch wert. Auf den Straßen stehen fliegende Händler, die Duftöle, Räucherkerzen und afrikanische Seife verkaufen. Afroamerikanisches Kunsthandwerk findet man auf dem Malcolm Shabazz Harlem Market an der 116. Straße West. Samstags gibt es den Flohmarkt "Green Flea" an der 135. Street West/Lenox Avenue.
Anschließend kann der Besucher auch hervorragend Essen gehen, etwa im Soulfood-Restaurant "Sylvia's". Hier gibt es "Seelennahrung" aus Maisbrot, Bohnen und Reis, gegrillte Rippchen und Kartoffelsalat. Bei "Sylvia's" treffen sich am Sonntag nach dem Gottesdienst Gospel-Sänger, Künstler und viele andere New Yorker - und sie alle freuen sich, dass das einst gebrandmarkte Viertel wieder "in" ist.
Von Claudia Steiner, gms
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