Der Countdown auf dem Platz nahe der Universität zählt in orangefarbenen Digitalzahlen die Sekunden herunter: Bis zum wahrscheinlichen Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union sind es in diesem Moment noch genau 210 Tage, 14 Stunden, 44 Minuten und 59 Sekunden. Im politischen Bukarest geht niemand davon aus, dass sich dieser Termin noch verschieben könnte.
Wenngleich diese Einschätzung im Rest Europas nicht unbedingt von jedem geteilt werden dürfte, ist Rumänien in den vergangenen Wochen doch verstärkt ins öffentliche Interesse gerückt. Das gilt in besonderem Maße für die Hauptstadt Bukarest - eine Stadt, die im Westen nicht den besten Ruf hat. Geschichten von Straßenkindern und streunenden Hunden in einer vom architektonischen Wahnsinn des ehemaligen Diktators Nicolae Ceausescu geschundenen Stadt bestimmten das Image.
Und ein bisschen von all dem gibt es tatsächlich. Bukarest ist eine Mischung aus Licht und Schatten. In der Innenstadt fallen überraschend viele gut erhaltene Prachtbauten wie das Konzerthaus Athenäum, die Zentralbank oder das Museum für rumänische Geschichte auf. In ihrer Opulenz und Größe beweisen sie, warum Bukarest einst den Beinamen "Paris des Ostens" trug. Zwischen den Vorzeigegebäuden, gesichtslosen Wohnblocks und einigen funkelnden Neubauten verstecken sich Dutzende von Kirchen, aus deren Inneren beständig der dunkle Gesang der rumänisch-orthodoxen Gläubigen strömt.
Doch Ceausescus Städtebauwahn hat in den achtziger Jahren tiefe Wunden in das Stadtbild geschlagen, von denen sich Bukarest wohl nie erholen wird. Besonders deutlich zu sehen ist das in der Gegend um das ehemalige "Haus des Volkes", das heute das Parlament beherbergt. Um Platz für ein vermeintliches Vorzeigeviertel entlang des 3,6 Kilometer langen "Vereinigungs-Boulevards" zu schaffen, ließ der Diktator rund ein Fünftel der Altstadt niederreißen.
Die Fertigstellung des Palastes an der Spitze seiner Prachtstraße erlebte Ceausescu nach dem Umsturz im Dezember 1989 nicht mehr. Nachdem der riesige graue Koloss nach der Wende zunächst halbfertig vor sich hin gegammelt hatte, entschied man sich schließlich doch dafür, ihn fertig zu stellen.
Michael Jackson statt Ceausescu
Innen ist das nach dem Pentagon in Washington zweitgrößte Gebäude der Welt überraschend prunkvoll. "Wir werden bei unserem Rundgang ungefähr fünf Prozent des Palastes besichtigen", sagt Touristenführerin Isabela. Das ist beruhigend, denn immerhin hat das Haus rund eintausend Räume. Allein eine Million Kubikmeter Marmor wurden hier verbaut. Zu einem vermeintlichen Geheimbunker Ceausescus unter dem Gebäude gibt sich Isabela wortkarg: "Offiziell gibt es keine Informationen über einen Bunker."
Mythen und Geschichten gibt es trotzdem viele über den Palast. So etwa über den Balkon, von dem aus sich Ceausescu an sein Volk wenden wollte. Weil die Weltgeschichte ein Einsehen hatte, kam alles anders. "Die einzige berühmte Person, die jemals von diesem Balkon aus gesprochen hat, war Michael Jackson", sagt Isabela.
Dann ist da noch der Mythos, dass der größte der Prunksäle im Palast dem Diktator als Fluchtpunkt hätte dienen sollen. Es heißt, dass er im Falle des Falles von hier aus mit einem Helikopter entkommen wollte, der durch das Oberlicht herein geschwebt wäre. Doch unter den Milchglasscheiben, auf einem riesigen Prunkteppich, macht die Touristenführerin auch mit dieser Geschichte kurzen Prozess: Für eine solche Aktion wäre die Konstruktion des Milchglashimmels "viel zu stabil" gewesen. Außerdem sei eine Hubschrauberlandung in dem Saal allein wegen der vielen Kronleuchter am Rand viel zu gefährlich.
Touristen und Einheimische lächeln der Sonne entgegen
Wie viel Schein und wie wenig Sein die kommunistischen Prachtbauten darstellen, zeigt sich nur wenige Meter vom Palast entfernt, wo kaum ein Tourist hinkommt. Direkt hinter den Neubaublocks der kommunistischen Prachtstraße verrotten Altbauten, liegen Müllberge, streunen Hunde. Hier, wo ein Teil der ursprünglichen Bebauung erhalten geblieben ist, zeigt sich der oft hoffnungslose Zustand der originalen Bausubstanz: verdreckte Fassaden, heruntergebrochene Balkone, schlaglochübersähte Straßen und Fußwege.
Etwas weniger traurig sieht es im sogenannten Lipscani-Viertel aus. In dieser Gegend, die nach Leipziger Kaufleuten benannt ist, beginnt sich in den teils renovierten Häusern - oft mit opulent dekorierten Fassaden - langsam eine Club- und Kneipenszene zu entwickeln. In Bars wie dem "Fire Club" tanzt das junge Bukarest. Im Innenhof der einzigen noch erhaltenen Karawanserei der Stadt, dem "Hanul lui Manuc", sitzen Touristen und Einheimische und lächeln den ersten Strahlen der Frühlingssonne entgegen.
Tausende von Einkaufswütigen
Wer es heute in Bukarest zu etwas gebracht hat, wohnt nicht mehr im Stadtzentrum, sondern eher in den Villenvierteln im Norden der City. Hier liegen die Grundstückspreise schon längst weit jenseits von denen in Berlin. Dass die wohlhabende Mittelschicht in Bukarest durchaus präsent ist, zeigt sich spätestens beim Besuch in einem der großen Einkaufszentren der Stadt. Jeweils mehrere tausend Einkaufswütige drängen sich in der "Bucuresti Mall" oder der "Plaza Romania" und verkörpern so in gewisser Weise das Rumänien der Zukunft: westlich, schön und einigermaßen wohlhabend.
Einen Blick in das Rumänien der Vergangenheit kann man nur wenige Kilometer Entfernung erhaschen. Am Rand des Stadtparks Herãstrãu befindet sich das riesige Freilichtmuseum "Dimitrie Gusti". Hier stehen auf rund zehn Hektar Fläche insgesamt 340 Gebäude, die aus dem ganzen Land zusammengetragen wurden. Mit ihren Dächern aus Holz, Stroh und Schilf sollen sie Zeugnis ablegen vom Leben auf dem Lande. Zwischen der 35 Meter hohen Holzkirche aus Dragomiresti, geschnitzten Toren aus der Walachei und den Erdhäusern Süd-Olteniens streifen Architekturstudenten hin und her und zeichnen Skizzen.
Bukarest hat von allem ein wenig: große und kleine Geschichte, eine traurige Vergangenheit und eine hoffnungsvolle Zukunft.
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