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16.05.2006
 

Berliner Hauptbahnhof

Mehdorns gläserne Kathedrale

Von Anne Seith

Eine "Kathedrale des Verkehrs" wollte die Bahn mit dem neuen Berliner Hauptbahnhof schaffen: So wurde der Bau eine Geschichte architektonischer Rekordleistungen - und verschlang hunderte Millionen Euro. Nicht nur deshalb hat der Prachtbau viele Gegner.

Berlin - Das Panorama, das die gigantische Glasfassade auf der Südseite des neuen Berliner Hauptbahnhofs zeigt, dürfte Bahnchef Hartmut Mehdorn gefallen. Links der Reichstag, rechts das Bundeskanzleramt und in der Mitte der beiden vermeintlich wichtigsten Gebäude des Landes: Der Hauptsitz der Deutschen Bahn mit dem weiß-roten Logo.

Auch sonst kann Mehdorn zufrieden sein. Das gläserne Bauwerk ist seinem Traum von der "Kathedrale des Verkehrs" ziemlich nahe gekommen. Die Bahnhofshalle ist 321 Meter lang, darüber liegen wie Brücken zwei 46 Meter hohe Bürogebäude - und trotz der imposanten Dimensionen wirkt alles leicht und elegant.  

Und das wichtigste: Der neue Bahnhof ist pünktlich fertig. Am 26. Mai wird Bundeskanzlerin Angela Merkel den neuen Verkehrsknotenpunkt einweihen. So kann der Fahrplan rechtzeitig vor der Fußball-WM umgestellt werden. Regional- und Fernverkehr werden dann ab dem 28. auf einer Nord-Süd-Achse durch die Stadt geschleust und nicht wie bisher von Westen nach Osten.

"Die schaffen wir alle, die Termine", ruft Bauleiter Hany Azer fröhlich, als er eine Gruppe von Besuchern ins Innere des riesigen Glaskolosses führt. Zehn Jahre hat der Ägypter an dem Bau gearbeitet, der ihm im Laufe der Jahre einen Herzinfarkt und dicke Tränensäcke unter den Augen beschert hat. Jetzt endlich legen die Arbeiter letzte Hand an - und Azer marschiert voller Stolz und Energie über die fünf Ebenen, über denen sich, ganz weit oben, das riesige Glasdach wölbt. Freistehende Treppen ziehen sich elegant durch den Raum, in mehreren dicken gläsernen Röhren stecken Panoramaaufzüge. Die Arbeiter, die über die Brücken, Übergänge und Rolltreppen gehen, wirken winzig wie Playmobilmännchen.

"Genießen Sie...", fängt Azer seine Sätze immer wieder an. Es bereitet ihm sichtlich Vergnügen, seine Zuhörer mit Unmengen von Details und Zahlen in staunendes Schweigen zu versetzen. Die gläserne Hülle des Baus besteht aus über 9000 Einzelfenstern, die für die große Eröffnung derzeit von Hand poliert werde, erfahren die Besucher. Für die spätere Reinigung werde im Fraunhofer Institut eine eigene Maschine entwickelt. Der helle Naturstein auf dem Boden kommt aus Österreich und der dunkle aus China - sieben Wochen war er unterwegs.

Auf den Bahnsteigen im Untergeschoss wirkt Azer allerdings plötzlich ungeduldig. Bevor jemand eine Frage nach dem erbitterten Streit mit dem Architekten Meinhard von Gerkan stellen kann, deutet er mit ausgestrecktem Zeigefinger nach oben. "Gerkan - nicht Gerkan – Gerkan - nicht Gerkan", sagt er und klingt genervt. Wegen der Decke über den Gleisen ist Gerkan, der Schöpfer des Bahnhofs, vor Gericht gezogen. Aus Kostengründen weigerte sich die Bahn seine Gewölbekonstruktion umzusetzen, stattdessen ließ Konzernchef Mehdorn kurzerhand Glattblech einziehen. Vom Originalentwurf sind nur noch die Felder aus Lampen übrig, die an mehreren Stellen herunterragen wie Stalaktiten. Sein Gesamtkonzept sei verstümmelt worden, findet Gerkan.

Tatsächlich wirkt die Decke bedrückend, als stünde man plötzlich in einem Plattenbau aus den siebziger Jahren. Doch Bauleiter Azer will darüber nicht diskutieren. "Am Bau wird immer gestritten, ihr Lieben", hakt er das Thema ab.

Krach um den Fahrplan - und um die Kosten

Tatsächlich ist es nicht der einzige Streit, der sich an dem neuen Bahnhof entzündet hat. Auch wegen des neuen Verkehrskonzepts der Bahn gibt es ordentlich Krach. Künftig nämlich wird der Fernverkehr nicht mehr über den Bahnhof Zoo im Westen Berlins geleitet. Damit verkürzt sich der Bahn zufolge zwar für viele Strecken die Fahrzeit. Doch der Bahnhof Zoo liegt direkt neben der berühmten Einkaufsmeile Kurfürstendamm. Den Einzelhändlern dort graut vor dem Tag, ab dem die Touristenströme plötzlich vorbeigeleitet und in der städtebaulichen Brache abgeladen werden, die den neuen Bahnhof umgibt.

Viel mehr noch erregen aber die Dimensionen des Prachtbaus die Gemüter. Der Bauplan wurde vor mehr als zehn Jahren für ein Berlin entworfen, das einmal fünf Millionen Einwohner haben sollte. Stattdessen schrumpfte die Stadt auf rund 3,4 Millionen Menschen zusammen. Statt der einkalkulierten 500 Millionen Mark verschlang der Bau Gerüchten zufolge bisher 700 Millionen Euro.

Der Bau sei ein Produkt der Nachwendezeit, gesteht Azer ein und erklärt mit fröhlich blitzenden Augen: "Ich habe nur gebaut, was die Berliner und die Politiker bestellt haben." Am Ende seiner Tour schwelgt er lieber noch ein bisschen in Erinnerungen an die Rekordleistungen, die im Laufe der Jahre vollbracht werden mussten. Um die Baustelle überhaupt möglich zu machen, habe er die Spree an dieser Stelle nach Norden verlegen müssen, erinnert er sich stolz. Auch die Konstruktion der Bürogebäude Jahre später sei spektakulär gewesen: Erst wurden zu beiden Seiten der Bahnhofshalle Teilstücke - die jeweils 1250 Tonnen wogen - senkrecht in die Höhe gebaut und dann in Zentimeterarbeit wie eine Zugbrücke heruntergelassen.

Ab und zu übertönt das Grollen einer vorbeirauschenden S-Bahn Azers Erzählungen und durchbricht die merkwürdige Stille in der riesigen Glaswelt, die noch verlassen wirkt wie die Kulisse für einen Science-Fiction-Film. Wenn hier bald, wie von der Bahn prophezeit, 300.000 Reisende pro Tag unterwegs sind, wird das Gebäude mit seinen Geschäften, Bars und Cafés wohl wirken wie eine futuristische, komplett überdachte Kleinstadt. Hany Azer will dann erst einmal in den Urlaub fahren, sagt er.

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01.06.2007 von Bert Olson:

Ich finde es schon toll, wie Sie in Foren mit Ihrer Idee die Diskussion lenken. Für aktuelle Probleme der Bahn schlagen Sie eine utopische Idee vor. Eigentlich schade, ich fahre und nutze die Bahn sehr gern, daher bin ich an [...] mehr...

01.06.2007 von Juan Pérez: Wer soll das bezahlen?!

Eh, nette Idee fehlt aber eine ganz substantieller Punkt zu dem ich mal eine Frage habe? Und wer soll das bezahlen?! Der Herr Müller selbst, ein Investor, der Staat? Fragen über Fragen! mehr...

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