New York - Als Erstes trug uns Professor Topping auf, "das Biest zu bändigen", wie er es ausdrückte. "Jeden Tag U-Bahn fahren", befahl Seymour Topping, Ex-Kriegsreporter, Veteran der "New York Times" und damals Vorsitzender des Pulitzerpreis-Komitees. "U-Bahn fahren, Block mitnehmen, mitschreiben. Nirgendwo sonst findet Ihr bessere Storys. Nirgendwo sonst findet Ihr das Herz von New York."
Über 13 Jahre ist das her. Es war meine erste Woche in New York City und mein erster Tag an der Journalism School der Columbia University. Topping war unser Drill-Sergeant. Ein Jahr lang würde er uns malträtieren, kritisieren, anfauchen und - selten - loben, um versiertere New Yorker aus uns zu machen und vielleicht sogar versiertere Journalisten.
Doch als Erstes schickte er uns in die U-Bahn.
Viel hat sich seither verändert. Topping ist heute emeritiert. New York ist sicherer und sauberer, gestorben und wieder auferstanden. Die Subway ist teuer geworden - zwei Dollar kostet eine Fahrt jetzt - und hat ihr geliebtes Markenzeichen abgeschafft, den Token.
Ansonsten aber ist die Mutter aller U-Bahnen die Gleiche geblieben, die einzige Konstante in dieser Megastadt, die täglich neu mutiert: laut, modrig, stinkend, rattenverseucht, klapprig, morsch, überfüllt, chaotisch, chronisch verspätet, bedrohlich, unfallgefährdet, nervenzerreißend, toll, und all das rund um die Uhr. Verflucht und geliebt, Zumutung und Faszinosum. Topping hat Recht behalten: Nirgendwo gibt es mehr Geschichten zu finden. Hier, irgendwo zwischen Gehweg und Grundgestein, schlägt das Herz New Yorks.
"Touristen!"
Rushhour am Times Square. Eine Familie quetscht sich in den Wagen. Vater, Mutter, zwei Teenager, vier Koffer. Akzent und Blässe nach zu urteilen aus Großbritannien. Der Vater dirigiert, die Subway-Faltkarte in der feuchten Faust. Die Mutter hat Panik im Blick. Es folgt ein lautes Hin und Her über den richtigen Weg zum Airtrain, der Hochbahn-Verbindung zum Kennedy-Flughafen. Der Vater rempelt, flucht, wünscht sich die Londoner "Tube" herbei. Die Leute beginnen, mit ihm zu diskutieren. An der Penn Station steigt die Familie entnervt aus.
Eine exquisit frisierte Dame mit Gucci-Tasche murmelt hinterher: "Touristen!" Ein Punk stimmt ihr zu: "Fucking Touristen!" Beide zwinkern sich zu. Upper East Side meets Lower East Side. Die Subway, die große Gleichmacherin: Hier einen sich Klassen.
Vor zwei Jahren feierte die U-Bahn ihren 100-jährigen Geburtstag. Das Alter merkt man ihr an: Die meisten der 468 Bahnhöfe sind mindestens 75 Jahre alt. Viele rosten und rotten. Trotz endloser Renovierungsarbeiten, die allein in den letzten zwei Jahrzehnten 26 Milliarden Dollar verschlungen haben. Rolltreppen, Aufzüge oder ähnliche Innovationen gibt es nur selten. Meist muss man sich über klebrige Steintreppen drängeln.
"Ich bring dich um", murmelt der Strubbelkopf mit stumpfem Blick. Er sagt das zu niemandem im Besonderen, sondern ins Leere hinein, zu einem imaginären Gegenüber. Er steht mitten im Waggon, trägt einen feinen, dunkelblauen Ausgehanzug, die Hosen etwas zu kurz. Seine Schuhe sind gebohnert. Er ist unrasiert. "Ich bring dich um, du Schwein", wiederholt er. Die Leute rücken diskret von ihm ab, keiner sagt was, keiner guckt hin. "Warte bloß, ich bring dich um." An der 96th Street steigt er aus. Die Tür schließt sich hinter ihm, und man widmet sich wieder seinen eigenen Gedanken.
Ein paar Stunden in der Subway präsentieren einem alle Facetten der Stadt auf engstem Raum. Der Betrunkene, der in den Waggon pinkelt. Bürgermeister Mike Bloomberg auf dem Weg ins Büro. Die Nutte auf dem Weg zur Anschaffe. Der Wall-Street-Broker auf dem Weg zum Geld. Die Sopranistin, die auf dem Bahnsteig gegen den Lärm ankämpft. Der Magier im spitzen Hut, der von einer Dame geohrfeigt wird, als er ihr spielerisch hinters Ohr fasst. Schüler mit Gameboys, Mütter mit Kinderwagen, Mönche mit Rosenkranz. Gestern landete ich in einem Waggon des B-Trains, in dessen Mitte sich ein Mann auf dem dreckigen Boden niedergelassen hatte und auf einem elektronischen Keyboard "Yesterday" spielte.
Seelenruhig auf die Gleise gestiegen
Ed, der Subway-Cop, nimmt mich mit auf Streife. Und zwar im größten unterirdischen Bahnhofnetz New Yorks, dem Knotenpunkt zwischen Wall Street und City Hall. Ein Dutzend Linien bündeln sich hier in einem gruseligen Gewirr aus Tunneln, Stiegen, Durchgängen, Geheimtüren, Kavernen und Katakomben. Überall tropft es. Stalaktiten hängen von den Decken. In der düstersten Ecke wartet ein Friseur auf Kundschaft.
"Die meisten fragen mich, ob ich den ganzen Tag U-Bahn fahre", grinst Ed, dessen kurze Uniformärmel mächtige Bizeps entblößen. "Dabei verbringe ich damit die wenigste Zeit."
Stattdessen jagt Ed Taschendiebe, Säufer, Kiffer, Irre. Er sucht nach Obdachlosen, die in den Tunneln übernachten - die Erben der mythischen "Mole People". Oder hilft alten Ladys die Treppe hoch. Neulich, sagt er, sei ein Chinese seelenruhig vom Bahnsteig auf die Gleise gestiegen, um Papiere aufzusammeln, die ihm aus der Tasche gefallen seien. Dann sei er ebenso seelenruhig wieder zurückgeklettert - Sekunden bevor der Zug einfuhr.
"Komm mit", sagt Ed und führt mich zu einem entlegenen Plattformende der Fulton Street Station. Ölpfützen schimmern im Neonlicht. Ein Poster warnt: "Vorsicht, Rattengift!" Ed weist auf eine dunkle Ecke, die nur aus der Nähe einsehbar ist. Auf dem Boden liegen Bierdosen - und zwei benutzte Kondome. "Manchmal", sagt Ed, "erwischen wir sie auf frischer Tat."
Als Manhattan am 11. September 2001, nicht weit von dieser Stelle, in Schutt und Asche versank, fuhr die Subway weiter. Die Station unter dem World Trade Center wurde zerstört, doch niemand kam dort um. Der Bahnhof ist teils wieder geöffnet, auch wenn er bisher nur zu einer Baugrube führt. Ein alter Durchgang wurde liebevoll restauriert, ein paar Meter, samt Orginal-Kacheln und Bodenfliesen. Wie ein Memorial, durch das Passanten hetzen. Die Haltestelle heißt bis heute World Trade Center, und so heißt auch die Endstation des E-Trains.
Coney Island, 0.41 Uhr: Pünktlich rollt der N-Train in die nagelneue, überirdische Station an der Stillwell Avenue. 300 Millionen Dollar hat der Glaspalast gekostet, er sieht aus wie ein europäischer Schnellbahnhof. Der Stolz der Subway: vier Bahnsteige, ein Solarzellendach, von Flutlicht illuminiert. Eine Fata Morgana zwischen den Rummelplatz-Bruchbuden. "Passt gar nicht zu uns", sagt Ingenieurin Cosema Crawford von der Betriebsgesellschaft NYC Transit. "Sieht gar nicht aus wie das, was man erwartet, wenn man an die Subway denkt."
Der rockende Rabbi
Dass New Yorker bei der Subway an Chaos, Pannen und Pleitewirtschaft denken, liegt an alltäglicher Erfahrung. "Entgleist", betitelte das Magazin "New York" einmal eine Cover-Story über den desolaten Zustand des Systems.
Da hatten die U-Bahn und wir, die wir darauf angewiesen sind, ein hartes Jahr hinter uns. Regengüsse überfluteten die Tunnel und ließen das gesamte Netz zusammenbrechen. Eine mysteriöse Welle von Schießereien und Morden verunsicherte Passagiere. Zwei Bahnarbeiter fanden in einem Subway-Tunnel eine Mülltüte mit einem Arm und zwei Beinen. Ein Brand zerstörte eine Schaltstation und legte zwei Linien zwei Wochen lang lahm. Eine halbe Million Pendler mussten auf Busse ausweichen.
Meinen Nachbarn Billy stört das alles nicht. Billy, alias Vic Thrill, ist ein Performance-Künstler und Indie-Rockmusiker und hat ein modernes Tonstudio in Brooklyn, wo er seine Songs aufnimmt. Sein Zweitstudio ist die Subway.
Seit Jahren sammelt Billy die Töne von U-Bahn-Musikanten. Sein Ziel: Sie eines Tages zu einem Orchester zu versammeln, bei einem Galakonzert in der Haupthalle der Grand Central Station, mit Hunderten Teilnehmern. "Der Erlös kommt Obdachlosen zugute", sagt Billy, "und wir drehen einen Dokumentarfilm."
In seinem Regal hat Billy bereits Dutzende Ton- und Videoaufnahmen von Kandidaten archiviert. Die allgegenwärtigen peruanischen Panflötisten, der asiatische Erhu-Spieler, die schwarze Gospelsängerin im Rollstuhl, der Topf- und Tonnenschläger namens Tony Potts.
Phobien eines einstigen Provinzkinds
Mit meiner eigenen Musik im Ohr bin ich auf dem Weg von Inwood nach Downtown, im A-Train, den sie auch "Animal Express" nennen. Es ist spät nachts, mir gegenüber hockt der einzige andere Passagier. Der weckt alle Vorurteilsphobien eines emigrierten Provinzkinds: dunkel, hünenhaft, Goldkettchen, Seidenstrumpf ums Haar gespannt. Gang-Look, denke ich instinktiv.
Horrorszenarien irrlichtern durch mein Hirn. Erinnerungen an Bernhard Goetz, den Subway-Schützen von 1984. Wann kommt die nächste Station? Wo ist der schnellste Fluchtweg? Mein iPod glitscht mir aus den Fingern, schlittert vor seine Sneakers. Der Typ beugt sich vor, schnappt sich das Gerät - und reicht es mir lächelnd zurück: "Here, man, be careful."
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Seit 00:00 Uhr ist - Dank des bis morgen 15:00 Uhr währenden Steikes - den meisten in Berlin wahrscheinlich der "Mythos U-Bahn" bis auf weiteres gründlich verleidet. Ungewohnt, heute mit dem Fahrrad zur Arbeit zu [...] mehr...
Ja, über die könnte ich mich auch immer vor Lachen kugeln... mehr...
In Frankfurt erlebe ich relativ oft Comedy LIVE in der U-Bahn und zwar wenn mir junge Menschen gegenüber sitzen und sich über etliche Stationen angeregt unterhalten und dabei mit gefühlten 10 Worten auskommen. Oder, wie gestern [...] mehr...
In der Münchner U-Bahn habe ich schon öfters erlebt, daß junge Leute alten Leuten Platz gemacht haben! Manchmal haben diese jungen Leute das Glück, daß die Alten "danke" sagen. Oft wird es aber leider vergessen... [...] mehr...
Ach was ? Augen auf und nicht einfach im Raketentempo durch die Stadt schiessen ! Der Hausvogteiplatz ist doch da. Genauso, wie der Spittelmarkt. Kriegsbedingt sehen sie zwar nicht mehr aus, wie zu den Zeiten, als die [...] mehr...
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