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15.09.2006
 

Münchner Oktoberfest

Stadt im Rausch

Von Karl Forster

Warum reist ein Australier um die halbe Welt, um sich im Bierzelt mit Neuseeländern zu prügeln? Warum benehmen sich gesittete Leute plötzlich so ungesittet? Weil auf der Wiesn Konventionen und soziale Barrieren nichts gelten. Eine Geschichte über das Glück der Maßlosigkeit.

Sitzen und schauen. Beine, Beine, Beine. Schlanke Fesseln, derbe Sprunggelenke, zarte Seidenstrümpfe, grauweißes Zöpfchenmuster über kräftigen Wadeln. Dort, ein roter Pump stöckelt elegant am Hundehäufchen vorbei, der Dreistreifensportschuh tappt mittenrein. Selbstbewusst schreitet ein schwarzer, italienischer Herrenschuh einher und bleibt in einem Pferdeapfel stecken. Ein Seidentaschentuch senkt sich, von manikürter Hand gehalten, und reibt den Schuh blank. Wird achtlos fallen gelassen, klebt nun an der Sohle eines Haferlschuhs, löst sich, fliegt davon. Irgendwohin.

Ein Seidentuch mit Pferdescheiße dran, Symbol für ein Volksfest, das, festgemauert zwischen Lodenjanker- Tradition und Looping-Hightech, zwischen mit Stoßseufzern beschworener Gemütlichkeit und knallharter Betriebswirtschaft, den größten gemeinsamen Rausch der Welt produziert: das Oktoberfest. Organisiertes Nichtstun, kollektives Müßiggehen, uniformiertes Sein, wie man wirklich ist.

Eingang Brausebad. So heißt der Menschenschlund im Norden der Theresienwiese im Jargon der Taxifahrer, obwohl es seit Jahrzehnten hier kein Brausebad mehr gibt. Sitzen und schauen. Füße eilen, Füße schlurfen, Füße bewegen sich wie im Sog einer rätselhaften Kraft in Richtung Süden, zum Zentrum des Platzes hin, um von dort abzuzweigen in eines der riesigen Bierzelte, oder, vorher noch, zu einem der mehr als 250 Schaustellerbetriebe; um das Pedal eines Autoscooters zu treten, das dreifache Körpergewicht beim Schiffschaukeln abzufedern oder sich in wohliger Angst einzuspreizen im Wägelchen des Superloopings. Später dann wird dieser Fuß, wie alle anderen auch, ein wenig unsicher sein, den Körper nur mit Mühe tragen, weil die Befehlskette von Gehirn nach unten nicht mehr perfekt funktioniert.

Prügeln, bis das Blut aus der Nase rinnt

Sitzen und schauen und darüber räsonieren, warum Misanthropen, Neider, Missgünstlinge seit Jahren und Jahrzehnten den Niedergang dieses Volksfestes in kernigen, bösen Worten beschwören; warum aber in Cincinnati auf dem Ganzjahresoktoberfest die Tische mit Zetteln geschmückt sind, von denen der Amerikaner phonetisch korrekt "Ein Prosit der Gemütlichkeit" absingen kann ("Eye'n pro sit dare gay mort lick kite"); warum der australische Rechtsanwalt Darryll Jones alljährlich erster Klasse nach München fliegt, um sich zunächst ganztägig heftigst zu betrinken und dann mit Neuseeländern ("Fuck you, Kiwi") zu prügeln, bis das Blut aus der Nase rinnt; warum Fausto della Donne mit seinem Caravan fast 1500 Kilometer fährt, um von München nicht einmal das Hofbräuhaus zu sehen.

Warum die 22 Jahre junge Chinesin Rong Xu in einem Brief an ihre Eltern über das Oktoberfest schreibt: "In einer Trinkhalle wurde ich von zwei Amerikanern angesprochen. Ihre Augen waren schon halb zu und ihre Zungen nicht mehr gerade. Tatsächlich, es gibt Betrunkene, sogar betrunkene Ausländer hier, dachte ich."; warum die Schweizer Schriftstellerin und begeisterte Wahlmünchnerin Fabienne Pakleppa sagt, sie ginge deswegen so gerne auf die Wiesn, "weil man dort so viele Menschen küssen kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu kriegen." Und warum es Menschen gibt, die 50 Euro dafür zahlen, dass sie eines der Podien in der Mitte der Zelte stürmen, einen Taktstock in Händen halten und dann so tun dürfen, als ob sie die Kapelle dirigierten.

Sitzen und schauen und trinken. Am besten links vom Haupteingang des Hofbräuhaus- Zeltes. Ein Auge im Sturm, Hort der Ruhe im lärmumtosten Areal kollektiver Ausgelassenheit. Drinnen im Zelt, das seit jeher fest in der Hand von Darryll Jones’ australischen Landsleuten und neuseeländischen Feinden ist, von Aussies und Kiwis also, kocht die Stimmung auf dem Siedepunkt.

Junge Männer stülpen sich Präservative über den Kopf und pumpen sie, im Rhythmus ihres Atems von den Nachbarn angefeuert, auf, bis sie platzen oder davonfliegen. Mädchen schwenken, auf Tischen tanzend, ihre Büstenhalter wie Trophäen nach einem Damencatch in der Linken, während das, was diese Körbchen halten sollen, wogt und kreist zu "New York, New York", geblasen und getrommelt von den "Plattlinger Isarspatzen".

Wer grunzen will, darf grunzen

"Kellnerin, no a Mass." Sitzen und trinken und ein Prosit auf diese Welt, auf diese kleine, mit der Lust am nur hier erlaubten Unerlaubten voll gepfropfte Insel der Seligkeit. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein." Die faustische Erkenntnis, hier bekommt sie ihre wahre Auerbachsche Dimension. Denn wie im Saufkeller zu Leipzig wird auf der Wiesn der Mensch zur Sau, die er endlich rauslassen darf. Wer grunzen will, darf grunzen, wer quieken will, quieken.

Wie eine gewaltige Schere schnippelt die Wiesn die sozialen Barrieren ab, sie macht Chefs zu Menschen und Menschen zu Tieren, also auch Chefs. Hier küsst die Mauerblum’ den Besenstiel, hier schunkelt Miss "Rührmichnichtan" mit dem Blaustrumpf, der später verschämt an den Laternenpfahl kotzt. Es lacht der Miesepeter, wenn er der Petra eine Rose ins Dekolleté steckt, es fasst die Lesbe dem Schwulen zwischen die Beine beim großen Homotreff am zweiten Sonntag im Pschorr-Zelt "Bräurosl". Es ballert der Wehrdienstverweigerer mit Lust und Luftgewehr auf die Walzen und schießt seiner Geliebten ein paar Schraubenzieher. Die Wiesn - ein im besten Marxschen Sinne Hort der internationalen Solidarität mit dem Ziel, ganz individuell die Höheren Weihen und die Glückseligkeit des Rausches zu erlangen.

Ein zufällig eingefangener Dialog an einem ganz normalen Wochentag, eingefangen an der Pissrinne des Armbrustschützenzelts, sei Indiz für diese Behauptung.

Der eine: "Jetz hob i meine Schua obisld. Scheiße. "

Der andere: "Nachad muasst’n hoid bessa festhoitn."
Der eine: "Hob i ja, aba mei Hand is ma ausgrutscht."
Der andere: "Jaja, des is wos."
Der eine: "Ja Sie sans, Herr Doktor."
Der andere: "Ja, griaß eana Gott, Herr Meier. Und moing wieda frisch bei da Arbeit, gell!"
Der eine: "Moing is moing, und heit is heit."
Der andere: "Genau. Trink ma no a Mass."

Eine Art Woodstock für alle

Die Wiesn ist eine Art Woodstock für alle, nicht nur für die Freaks. Gigantischer in ihrer sozialen Dimension, vor allem aber alljährlich und damit Institution, wogegen Woodstock eher nur eine zufällige Schlammparty war, der man die sozialkritische Dimension erst im Nachhinein aufgedrückt hat. Die Wiesn ist Schlammparty für all jene, die sonst keinen Krümel auf der Tischdecke sehen können und die korrekt ihre Schleife binden, egal ob auf dem Haferl- oder auf dem Ballyschuh.

Für all jene also, die bei Jimi Hendrix’ "Star Spangled Banner" einen Gehörsturz bekämen. Der Unterschied zu Woodstock: dass hier der Bally- mit dem Haferlschuh tanzt, der Hendrix-Fan mit dem Punk anstößt und beide dann mit Bally- und Haferlschuh schunkeln. Und das zu "Macarena", dem scheußlichsten aller Wiesn-Hits.

Hier bin ich Mensch? Sehr wohl: Hier darf man's sein. Denn die Wiesn ist, wie Faust, ja nur Theater. Oder große Oper. Nicht inszenierbar, und doch so perfekt un-wirklich wie 'Tristan' oder 'La Traviata' oder 'Don Giovanni'. Nur dass die Champagnerarie "Oans zwoa gsuffa" heißt. Man spielt den Triumphmarsch aus "Aida", und der Genießer verschmiert sich das Gesicht beim Biss in die köstlichste aller Fleischsemmeln in der Ochsenbraterei, anstatt an Radames zu denken, der mit der Geliebten verhungert im felsigen Verlies. Man spielt Walzer in der "Krinoline", und Oma erzählt der Enkelin, wie sie Opa kennen gelernt hatte: "Schönes Froillein, darf ich’s wagen . . . Tschuldigung, den Rest hab’ ich vergessen." Er durfte trotzdem.

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