Münchner Oktoberfest: Stadt im Rausch

Von Karl Forster

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Leben auf der Wiesn heißt nicht Ignoranz, sondern Toleranz. Und Lebensklugheit,

Man spielt "Azzurro" im Armbrustschützenzelt. Und Fausto schiebt einen geklauten Einkaufswagen vor sich her, in dem sein Freund Maurizio selig schläft, stellt ihn am Tisch neben dem Seiteneingang ab und bestellt zwei, jawohl, zwei Maß. Und jedesmal, wenn Maurizio die Augen aufschlägt, führt Fausto ihm den Krug an die Lippen – wahre Freundschaft wie zwischen Don Carlos und Marquis Posa. Wie duettieren sie so schön? "Gott, du hast in unsere Seelen den Strahl desselben Feuers gesandt." Spät abends schiebt Fausto seinen "Posa" schwer atmend im Wagerl zu seinem Caravan, geparkt am "Italienerplatz" nahe der Rudi-Sedlmayr-Halle am Mittleren Ring, wo die in Eiergelb camouflierte Armada der Azzurri ihr Wiesnhauptlager aufgeschlagen hat. Und niemand fragt Fausto, wo er das Wagerl her hat.

Leben, Überleben auf der Wiesn heißt nicht Ignoranz, sondern Toleranz. Und Lebensklugheit. Keine Kellnerin wird dem, der ihr auf den Hintern haut, eine Ohrfeige geben, sondern nur das Gefühl, dass sie die Herrin ist über Tische und Bänke und er ein kleiner Wicht, wenn er es nötig hat, ihr auf den Arsch zu klopfen. Das ist wahre Größe.

Kein Wiesn-Wirt, der, neben der ausgeprägten Lust am Geldzählen, nicht auch ein Herz hätte für den Gast. "Keiner geht mir hungrig und durstig nach Hause!" Die Devise, sie gilt nach wie vor. Und nicht nur aus Umsatzgründen dulden sie alle und jeden, sofern er zahlt und einen Platz bekommt. Es gibt einen linken Kabarettisten-Stammtisch auf der Wiesn und ein Treffen der italienischen Rechtsradikalen. Es gibt den Professorenstammtisch, und am Maurermontag treffen sich die Handwerksgesellen.

Ein Held für fünf Minuten

Hier bin ich Mensch? Ja, jeder darf es sein. Auch der kleine, sonst so verklemmte Fastschriftsteller. Er zahlt den Obolus, wankt auf das Podium, sagt "Bayerischer Defiliermarsch" zur Band, hebt den Taktstock, und auf ein Kopfnicken des Trompeters geht es los. Fünf Minuten Glück, fünf Minuten "Tschäng dara-däng"-Illusion für diesen Mann, dort oben. Er ist ein Held. Für fünf Minuten.

Und Helden brauchen Verehrung. Dafür ziehen sie ihre Lederjacken an und stehen rund um den Autoscooter, so cool wie’s nur gerade geht, die Sonnenbrille ins gegelte Haar geklebt und das Handy SMS-bereit in der Gürteltasche. Helden im Sonderangebot, Helden zweiter Wahl. Denn die Mädchen schauen sehnsuchtsvoll jenem jungen Mann zu, der im verschmierten Overall mit der Lässigkeit eines Paul Newman oder Steve Mc- Queen die Elektroautos rückwärts aus der Bahn bugsiert.

Andere Helden steigen, bewundert von der Angebeteten, in die Rundum-Schiffschaukel und können, nachdem sie es wirklich einmal um die 360 Grad geschafft haben, nicht mehr gehen, weil die Oberschenkel vor Anstrengung explodieren. Sie stolzieren mit Plastikkeulen auf der Schulter und dummen Hüten auf den Köpfen durch die Reihen, trinken die Maß auf Ex und vergessen, dass das die potentielle Einsatzbereitschaft beeinträchtigen könnte. Und ab und zu hauen sie sich aufs Maul. Dann bleibt der Verlierer Sieger, weil Mädchen gerne den Verlierer trösten.

Haferlschuhe überleben alles

Sitzen und schauen. Spät ist es geworden, wieder einmal. Die roten Pumps sehen mitgenommen aus, Haferlschuhe dagegen haben, wie immer, alles überlebt. Ein italienischer Herrenschuh, einstmals elegant, pinkelt ins Gebüsch. Niemand schert sich drum. Die Senkel des Dreistreifenturnschuhs sind offen und schleifen im Dreck und über die Pferdeäpfel. Einer singt "Fürstenfeld", ein anderer die amerikanische Nationalhymne. Drüben, am Hippodrom, prügeln sich Aussies und Kiwis, zu Füßen der Bavaria küssen sich die Pärchen und knabbern am Lebkuchenherz.

Im Betriebshof warten die heillos Besoffenen auf den Abtransport in die Klinik. Ein kleiner Mann mit Trachtenhut dirigiert den "Tschäng dara-däng"-Marsch vor sich hin. Es war nichts. Nur ein Wiesn-Tag. Hier war’n sie Mensch, hier durften sie’s sein.

Morgen ist alles anders. Ganz normal.

  • 1. Teil: Stadt im Rausch
  • 2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Leben auf der Wiesn heißt nicht Ignoranz, sondern Toleranz. Und Lebensklugheit,
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  • Datum: Freitag 15.09.2006 | 09:29 Uhr
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