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23.11.2006
 

Chinesische Metro

Hektik unter Hongkong

Von Martin Paetsch

Sauber, sicher, effizient: Unter der ehemaligen britischen Kronkolonie verbirgt sich eines der modernsten und betriebsamsten U-Bahn-Netze der Welt. Vor Zudringlichkeiten und Telefonterror ist man in den sterilen Katakomben Hongkongs dennoch nicht gefeit.

Die Nachmittagssonne brennt heiß auf die Kreuzung in Sheung Wan, einem der ältesten Stadtteile Hongkongs. Bürodamen trippeln über den Asphalt und schützen ihren blassen Teint mit aufgespannten Regenschirmen. Auf dem engen Fußweg gibt es kaum ein Durchkommen zwischen den immer eiligen Passanten und Säcken voller undefinierbarer Trockenware, bewacht von gelangweilten Händlern. Die Gegend ist bekannt für teure Delikatessen wie Vogelnester und Haifischflossen.

Im Gedränge macht sich eine Strömung bemerkbar, die auf eine unscheinbare Öffnung in der Häuserfront hinstrebt – die örtliche Station der U-Bahn, die hier MTR (Mass Transit Railway) heißt. Der Eingang zu Hongkongs Unterwelt ist für Uneingeweihte auf Anhieb kaum zu entdecken. Wäre da nicht der Menschenstrom, man könnte das kleine rote Logo nur schwer zwischen den riesigen Reklametafeln ausmachen, die hier jeder Vogelnesthändler über die Straße spannt.

Hinter dem Eingang führt eine Treppe abwärts ins Neonlicht. Die Kühle wäre angenehm, gälte es nicht, ständig anderen Leibern auszuweichen. Resolute Mütter schaufeln sich den Weg per Ellbogen frei. Dazwischen mühen sich einige Senioren am Krückstock die Stufen herab – das Geschäft mit getrockneten Meeresfrüchten und anderer Schrumpelware liegt fest in den Händen der älteren Generation. So diszipliniert die Hongkonger auch sein können, Rücksichtnahme gehört nicht immer zu ihren Stärken. Und an die gut gemeinten Bodenmarkierungen, die Herein- und Herausströmende in geregelte Bahnen weisen sollen, hält sich während der Rushhour kaum jemand.

Zahlen mit der Octopus-Karte

Dabei ist Sheung Wan, die Endstation der "Island Line" im Westen der Hauptinsel, fast noch ein Ruhepol in der Hongkonger Metro. An jedem Wochentag strömen mehr als 2,4 Millionen Menschen in die MTR, die zu den betriebsamsten und modernsten U-Bahnen den Welt zählt. In den Stoßzeiten fahren die Züge im Zwei-Minuten-Takt: Effizienz ist ein Muss in einer Stadt, in der Zeit immer knapp und Schlafen ein Hobby ist. Die "Island Line" zählt dabei zu den wichtigsten Lebensadern der Sieben-Millionen-Metropole: Sie verbindet die Wohn- und Büroviertel mit den Einkaufsgebieten, wo gestresste Angestellte ihre letzten Energiereserven beim Power-Shopping entladen.

In der unterirdischen Empfangshalle herrscht kühle Sachlichkeit. Die braun gekachelten Wände verunzieren weder Graffitis noch Plakate. Stattdessen prangen dort gerahmte Werbebotschaften, sorgsam ausgerichtet wie Gemälde in einem Museum. Auch der Boden ist fast klinisch sauber: Selbst den eigensinnigsten Passagieren würde es nicht einfallen, ihren Müll einfach fallen zu lassen. Vielleicht auch, weil in Hongkong schon eine unsachgemäß entsorgte Zigarettenkippe umgerechnet 500 Euro Strafe nach sich ziehen kann.

Der Ticket-Verkaufsstelle und den Fahrkartenautomaten schenkt kaum einer Beachtung. Fast jeder Hongkonger hat eine Octopus-Karte – ein praktisches Stück Plastik, das hier zur Grundausstattung des Großstädters gehört. Die mit Hongkong-Dollars aufgeladene Karte zieht man einfach über einen Sensor an den Kontrollschranken, und am Ende der Reise wird der fällige Betrag automatisch abgebucht. Echte Einheimische kramen dabei gar nicht erst umständlich nach ihrem Portemonnaie, sondern legen nur beiläufig ihre Umhängetasche auf den Sensor, der den Octopus-Chip auch durch mehrere Stofflagen hindurch erkennt. Auch außerhalb der MTR kann man mit dem Geldersatz zahlen – zum Beispiel in Bäckereien, Fast-Food-Restaurants, Supermärkten und an der Kinokasse.

Subkultur hat in der Subway nichts zu suchen

An den Drehschranken ziehen zwei buddhistische Mönche ihre Baumwollbeutel über die piependen Sensoren – offenbar findet selbst die Geistlichkeit Gefallen an der Ersatzwährung. Ist der Engpass am Einlass erst überwunden, eilt die Menge durch weite Hallen, während ein Echolot-ähnliches Signal immer lauter wird. Das Geräusch, das Blinden den Weg zum Fahrstuhl weisen soll, liefert den passenden Soundtrack zur sterilen Szenerie. U-Bahn-Musiker wie in der Pariser Metro darf man in Hongkong ohnehin nicht erwarten: Subkultur hat in der hiesigen Subway nichts zu suchen.

Zwei Rolltreppen tiefer sammeln sich die Menschen auf dem Bahnsteig. Von Gleisen ist nichts zu sehen: Die Passagiere stellen sich vor einer Glaswand auf, hinter der im Halbdunkeln Leuchtdisplays mit Werbung flackern. Auf dem Boden zeigen Pfeile an, wo sich die Fahrgäste vor den transparenten Türen aufzureihen haben. Ganz vorn in der Schlange nutzt eine junge Dame die Gelegenheit, um vor der spiegelnden Scheibe noch schnell die Frisur zu richten.

Dann rauscht der Zug in die Station, und zugleich ertönt eine Ansage in drei Sprachen: dem hier gesprochenen Kantonesisch, Mandarin für Besucher vom chinesischen Festland und Englisch. Während sich die Türen in Glaswand und U-Bahn mit einem pneumatischen "Puff" öffnen, erinnert die Sprecherin die Fahrgäste, auf den Spalt zwischen Zug und Bahnsteig zu achten. Dieser ist wahrlich nicht groß, doch in Hongkong, einer der sichersten Großstädte der Welt, wird lieber nichts dem Zufall überlassen. Risikovermeidung ist hier ein fester Bestandteil der urbanen Mentalität: Man ist panisch darauf bedacht, jede nur mögliche Gefahr auszuschließen.

Handy-Geplapper füllt die Abteile

Nach einer weiteren Warnung setzt sich der Zug in Bewegung. Noch sind die Abteile nur mäßig gefüllt, die Handgriffe baumeln zumeist ungenutzt herab. Doch schon beim nächsten Halt wird es eng: Auf dem Bahnsteig von Central, dem Zentrum der Hauptinsel, drängen sich Banker und Angestellte aus den Büroetagen der riesigen Wolkenkratzer. Einige Damen beweisen mit markenverzierten Tragetaschen, dass sie sich den Boutiquenbummel im Schatten der Skyline leisten können. Im Gewirr blitzen auch blasse Gesichter auf: Draußen liegt nicht nur das bei Westlern beliebte Restaurantviertel Soho, sondern auch die Partymeile Lan Kwai Fong und die reichen Wohngegenden der Midlevels.

Mit den Zusteigenden füllt sich das Abteil zugleich mit Geplapper. Fast jeder nutzt die paar Minuten U-Bahn-Fahrt für einen schnelles Gespräch auf dem Handy. Manche Passagiere lachen plötzlich ohne erkennbaren Grund auf, so dass man sich um ihren Geisteszustand zu sorgen beginnt – bis der Blick auf die zuvor verborgenen Kabel einer Freisprechvorrichtung fällt. Am Ohr einer elegant gekleideten Frau blinkt in regelmäßigen Abständen ein rotes Licht: die LED eines futuristischen Ohrclips, der nicht so recht zum Blumenkleid und den Stöckelschuhen passen will. Örtliche Zeitungskolumnisten wettern schon einmal gegen den Telefonterror und fordern eine mobilfunkfreie MTR. Solche Vorschläge dürften in Hongkong, nach jüngsten Statistiken der Ort mit der weltweit höchsten Handydichte, kaum Gehör finden.

Inmitten der plappernden Passagiere haben übermüdete Büroangestellte noch Plätze auf den metallenen Bänken gefunden und lassen sich vom Geruckel der Bahn in einen Minutenschlaf schaukeln. Daneben sitzt eine ältere Dame mit Mundschutz. Spätestens seit 2003, als in Hongkong die tödliche Atemwegskrankheit SARS ausbrach, gehört es sich für Grippekranke, in der Öffentlichtlichkeit eine solche Maske zu tragen – sie soll verhindern, dass sich andere anstecken.

Ausflug in die glitzernde Konsumwelt

In Admiralty, wo die Bahn kurz darauf zum Stehen kommt, zwängt sich noch ein anderer Menschenschlag in die engen Abteile: einfache Leute in Vorstädterkleidung und gewagt frisierte Teenager, die aus der Masse der eher braven Angestellten herausstechen. Es sind Reisende von der Festlandsseite, die hier in die "Island Line" umsteigen. Die wenigsten Hongkonger können sich ein Apartment auf der Hauptinsel leisten. Der Großteil der Bevölkerung wohnt auf der Kowloon-Halbinsel oder noch weiter nördlich in den New Territories. Viele der Zusteigenden aus diesen Gegenden haben bereits eine Stunde Fahrt hinter sich.

Während überirdisch die Wolkenkratzerdichte zurückgeht, nähert sich der Zug seinem nächsten Halt. Dort wartet auf dem Bahnsteig eine bunt gemischte Menge: Alte Leute mühen sich mit schweren Taschen und Kisten ab, daneben turtelt ein in die Jahre gekommener weißer Mann mit seiner jungen philippinischen Freundin. Oben erstreckt sich der Stadtteil Wanchai in all seiner Widersprüchlichkeit – mit seinen Fleischergassen und Garküchen, dem hochmodernen Messezentrum und dem berüchtigten Vergnügungsviertel.

Kurz bevor die U-Bahn in die Station Causeway Bay einfährt, macht sich Unruhe breit. Zwar führt die "Island Line" noch weiter in die Wohngebiete im Osten der Insel, doch viele Passagiere haben ihr Ziel erreicht. Draußen lockt eines der Haupteinkaufsgebiete von Hongkong: Bis spät in der Nacht schieben sich hier Menschenmassen über die Straßen, um nach dem anstrengenden Arbeitstag in die glitzernde Konsumwelt einzutauchen.

Gegen einen Strom von mit Plastikbeuteln beladenen Teenagern geht es zu einem der Ausgänge, der stilgerecht im Untergeschoss einer Shopping-Mall liegt. Mit einem Piepston der Kontrollschranke entlässt die MTR ihre Fahrgäste ins Freie. Für den Kaufrausch bleibt noch genügend Geld: Die achtminütige Fahrt ins Einkaufsparadies hat umgerechnet nicht einmal 50 Cent gekostet.

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01.02.2008 von P-Berg:

Seit 00:00 Uhr ist - Dank des bis morgen 15:00 Uhr währenden Steikes - den meisten in Berlin wahrscheinlich der "Mythos U-Bahn" bis auf weiteres gründlich verleidet. Ungewohnt, heute mit dem Fahrrad zur Arbeit zu [...] mehr...

30.01.2008 von eine_oma:

Ja, über die könnte ich mich auch immer vor Lachen kugeln... mehr...

30.01.2008 von Jottenn:

In Frankfurt erlebe ich relativ oft Comedy LIVE in der U-Bahn und zwar wenn mir junge Menschen gegenüber sitzen und sich über etliche Stationen angeregt unterhalten und dabei mit gefühlten 10 Worten auskommen. Oder, wie gestern [...] mehr...

30.01.2008 von britta:

In der Münchner U-Bahn habe ich schon öfters erlebt, daß junge Leute alten Leuten Platz gemacht haben! Manchmal haben diese jungen Leute das Glück, daß die Alten "danke" sagen. Oft wird es aber leider vergessen... [...] mehr...

29.01.2008 von P-Berg:

Ach was ? Augen auf und nicht einfach im Raketentempo durch die Stadt schiessen ! Der Hausvogteiplatz ist doch da. Genauso, wie der Spittelmarkt. Kriegsbedingt sehen sie zwar nicht mehr aus, wie zu den Zeiten, als die [...] mehr...

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