Von Alia Begisheva
Die Metro in Lissabon ist nicht so hektisch wie die Metro in Paris, nicht so monumental wie die in Moskau. Sie hat nichts gemein mit den so überwältigend urbanen Labyrinthen des New Yorker Subways oder dem schäbigen Schick der Berliner U-Bahn. Die Lissaboner Metro ist sauber, leer und großzügig.
Touristen können ohne Eile einen Zug nach dem anderen davonfahren lassen - um nur für wenige Augenblicke ganz allein am Bahnsteig entlangzuschlendern, ihre Sonnenbrillen in die Haare gesteckt, ihre Jacken um die Hüften gebunden. Sie werden nicht beschimpft, wenn sie links auf der Rolltreppe stehen bleiben, mitten in der Rushhour, einen sperrigen Rucksack auf den Schultern, und auf die roten Sternchen auf der blauen Decke starren.
Die Lissaboner schmunzeln lediglich, wenn einer mit Mühe "Onde fica do Metro Parque?" aus einem dicken Reiseführer abliest und dann prompt in den falschen Zug steigt, um sich für immer in den unterirdischen Sälen zu verirren. Wahrscheinlich wird ihnen gerade dann klar, wie einmalig ihre U-Bahn ist, wenn jemand in letzter Sekunde aus dem Zug springt und gleich zu seinem Fotoapparat greift. Dann werden sie vermutlich stolz auf dieses riesige unterirdische Museum, das so öffentlich ist wie kein anderes.
Azulejo-Kunst macht die Metro einmalig
Die Verbindung zwischen Kunst und Alltag ist in Portugal allgegenwärtig. Doch nirgendwo ist sie so präsent wie in der Metro, deren erste Stationen in den fünfziger Jahren eingeweiht wurden. Damals wählte der Architekt Keil do Amaral, fasziniert von ihrem Glanz, Fliesen als Material zur Verzierung und zum Schutz der Wände. Und seine Frau, die berühmte Malerin Maria Keil, legte dann die bunt bemalten Kacheln zu psychedelisch anmutenden Kompositionen zusammen – ganz im Geiste der Zeit.
Das Ehepaar hat nicht nur eine der schönsten Metros dieser Welt geschaffen, sondern würdigte einmal mehr die Kunst der Azulejos, der Kachelmalerei, die auch nach ihrer 500-jährigen Geschichte immer noch als bloßes Kunsthandwerk abgetan wird. 25 Jahre lang war Maria Keil die einzige Künstlerin der Lissaboner Metro und gestaltete insgesamt 19 Stationen – eine Alleinherrscherin im unterirdischen Kachelreich.
Einige ihrer Azulejos existieren heute nicht mehr. Und unverändert sind Keils Kompositionen nur an wenigen Stationen zu sehen, wie an der "Praça de Espanha", wo sie seit etwa 50 Jahren den Wänden die Illusion des Dreidimensionalen verleihen. Richtig gefeiert – als ein Meisterwerk der modernen Azulejo-Kunst – wurde aber die Station "Intendente", dessen Mischung aus braunen und türkisblauen Rechtecken entfernt an eine Großstadt, fotografiert aus dem Weltall, erinnert. Als einen "Höhepunkt der zweiten Periode ihrer Arbeit mit Azulejos, wenn nicht ihres ganzen Schaffens" bezeichnete ein portugiesischer Kritiker die 1966 eröffnete Station.
Viele namhafte Künstler haben sich seitdem an der Gestaltung der Metro beteiligt. Eine neue Künstlergeneration veränderte 1988 die Metro entscheidend: Rolando Sá Nogueira machte aus der Station "Laranjeras" einen blühenden Orangengarten, das berühmte Gemälde von Maria Helena Vieira da Silva, "Luftschutzbunker", ist das zentrale Element der Station "Cidade Universitária", und Júlio Pomar skizzierte die großen portugiesischen Literaten, Camões, Bocage, Pessoa und Almada, im klassischen Azulejo-Blau an den Wänden der "Alto dos Moinhos". Die Station "Oriente" wurde anlässlich der Expo 1998 gleich von elf Künstlern aus verschiedenen Ländern in eine Kunsthalle verwandelt – Friedensreich Hundertwassers "Unterwassersetzung von Atlantis" ist nur eines der überdimensionalen Azulejos, wegen der die Touristen die rote Linie bis zu ihrem nördlichsten Ende fahren.
Trauriger gekachelter Goethe
Die Lissaboner allerdings stehen in der Mehrheit abgewandt vom Wandschmuck an der Bahnsteigkante. Da hat sich Maria Keil wohl getäuscht, als sie einmal sagte: "Ob von großer Einfachheit oder von großer Vielfalt – Azulejos bewegen immer." In Gedanken versunken starren sie auf die Gleise. Oder sie setzen sich zum Plaudern oder Zeitunglesen auf die Bänke, mit dem Rücken zu den schönen Kacheln. Und für einen kurzen Augenblick scheinen sie auch ein Teil der Komposition zu sein, wie der stählerne Marquês de Pombal, der Retter des heutigen Lissabons, der mit einer wilden Perücke auf dem kleinen Kopf zwischen den Gleisen an der nach ihm benannten Station steht.
Es sind auch diese kleinen Details, die der Lissaboner Metro ihre zauberhafte Atmosphäre verleihen. Zum Beispiel die Tiere am Eingang zur schönsten Station der Stadt, "Parque", – jedes auf einer neuen Kachel gemalt. "Papagaio, Girafa, Rinoceronte", steht unter den Bildchen in Kinderschrift. Oder der gekachelte Goethe an der "Marquês de Pombal", der so traurig auf die unter sein Bildnis gekritzelten portugiesischen Zeilen schaut. Die beiden Marmorbischöfe an der "Martim Moniz", deren Augen ganz klein sind und die Nasen rosa. Oder auch das weiße Kaninchen aus "Alice im Wunderland", das an der "Cais do Sodré" natürlich blau ist, aber genauso hektisch mit seiner Uhr rennt wie im Original.
Selbst die Metrolinien unterscheidet man in Lissabon nicht nur nach Farben, sondern nach Symbolen. Für die Linha azul steht eine Möwe, die über dem Meer schwebt. Und für die gelbe Linie strahlt eine Sonnenblume.
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Ja, über die könnte ich mich auch immer vor Lachen kugeln... mehr...
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