Der Bayer und sein Bier
Auch sonst engagiert sich der Münchner am liebsten politisch, wenn’s um die bayerische Lebensart geht. Und deren Zentralgestirn ist bekanntlich das Bier. Schon 1874, als die Brauer den Literpreis von acht auf neun Kreuzer erhöhen wollten, ging das Volk in den kollektiven Trink-Streik. Allerdings hielt man’s nicht lange durch – macht ja durstig, so eine Aktion. Dieser weltanschauliche Pragmatismus hat freilich auch sein Gutes: Statt zu lamentieren und zu diskutieren, sagt man allenfalls "mei", zuckt mit den Schultern und macht dann aus allem das Beste.
Auch aus Katastrophen. So entstand das Olympiagelände auf einer Ansammlung von Schuttbergen aus dem Zweiten Weltkrieg. Sportstätten und Park sind heute ein Naherholungsgebiet, mit Gratis-Popkonzerten auf der Open-Air-Bühne "Theatron" und dem sommerlichen Musik- und Kleinkunstfestival Tollwood. Oder das protzige "Haus der Deutschen Kunst", gebaut vom Hitler-Vertrauten Paul Ludwig Troost: Statt es abzureißen, wurde es nach dem Krieg einfach in "Haus der Kunst" umgetauft.
Und stellt seither besonders gern die Art von Malerei aus, die zuvor als "entartet" gebrandmarkt wurde. Zur jährlichen "Langen Nacht der Museen" zeigt das Haus avantgardistische Kunstaktionen, das Foyer wird kurzerhand zur Bar, die Ausstellungsräume werden zur Tanzfläche. Dazu legen DJs coole Negermusik auf, bis sich die alten Nazis in ihren Gräbern umdrehen. Hoffentlich.
Auch das ist München: Man arrangiert sich. Mit der Geschichte und miteinander. So mancher, der sich im Lodenfrey-Trachtenjanker auf eine der Bierzeltbänke auf der Wiesn zwängt, kommt eigentlich aus Viernheim, Eisenhüttenstadt oder Geislingen/Steige. Als echte Münchner fühlen sie sich trotzdem, spätestens wenn sie nach der dritten Maß anfangen, über die Bierpreise zu schimpfen. Und auch die "Zugroasten" von noch weiter her gehören selbstverständlich dazu: Wer in Giesing oder im Westend Lust auf einen Apfel bekommt, wird eher von Aphrodite oder Ayshe bedient als von Anja oder Anneliese. Allerdings wird’s im Sommer schwierig, in Vierteln wie diesen überhaupt ein Stück Obst zu kaufen. Denn da sperren die Münchner Griechen und Türken ihre Geschäfte ab und fahren für zwei Monate in die Heimat, wo die Sonne noch heißer brennt als über dem Westpark.
Wurstsalat-Demokratie und Liebe zum Luxus
Und damit kommen wir zum letzten der Münchner Widersprüche: Von seltenen Ausnahmen abgesehen, geben die 1,3 Millionen Einwohner ein Musterbeispiel für Multikulti-Miteinander, teilen demokratisch ihren Wurstsalat mit dem Nachbarn auf der Biergartenbank – und gleichzeitig sind sie pathologische Selbstdarsteller. Durch alle sozialen Schichten hindurch.
Die Traditionslinie luxusverliebter Partyprinzen führt vom Kurfürsten Max Emanuel, der sich am liebsten von Poeten und Musikern feiern ließ, ohne sich sonderlich für Politik zu interessieren, bis zu den notorischen Fußballkönigen und -kaisern der Neuzeit. Deren Verbreitungsgebiete sind neben der Allianz-Arena auch Bussi-Bussi-Events wie die Bambi-Verleihung, wo sie wahlweise mit blonder Ehefrau oder blondem Gspusi auftreten. Das Gspusi wird dann gelegentlich zur Gattin Nummer zwei befördert, nach ein paar Jahren aber durch ein noch jüngeres Modell ersetzt.
Intendantenkopf auf Satyrkörper
Und was Franz und Co. recht ist, ist dem gemeinen, nicht-prominenten Münchner nur billig – Statussymbole gibt’s ja in allen Preisklassen. Der Personalchef fährt samstags die Gattin oder Geliebte zum Workout ins "Body-and-Soul"-Fitnessstudio, auf der Heckscheibe des BMW-Cabrios leuchtet das Logo eines Golfclubs vom Starnberger- oder Tegernsee. Die BWL-Studentin trinkt wenigstens ihren Latte Macchiato in der Haidhauser WG-Küche aus dem Käfer-Haferl vom gleichnamigen Feinkostladen.
Und die allerschlimmsten Selbstdarsteller überhaupt sind Kulturmenschen: Man muss nur einmal ins Prinzregententheater gehen und sich das klassizistische Fresko an der Decke des Foyers anschauen. Unter den Fabelwesen befindet sich ein Satyr, stilecht mit Lendenschurz und Keule in der Hand, und dem Gesicht August Everdings, des verstorbenen Generalintendanten der Bayerischen Staatstheater. Ihm verdankt das Haus die Renovierung und Wiedereröffnung als Opern- und Konzertbühne.
Das kann man arrogant finden. Aber auch wieder ganz liebenswert. Das Fries war nämlich eine Überraschung des Landesbauamtes, der Herr Everding konnte also gar nichts dafür, dass er dort verewigt wurde. Wahrscheinlich sind es Details wie diese, die Münchens Geheimnis verraten: Egal was er tut, man kann diesem Charmebolzen von Stadt einfach nichts übel nehmen. Höchstens so lange wie es dauert, einen Hocker vor eine Kaffeebude zu stellen, in Pumps über den Marienplatz zu rennen oder einmal aus vollem Herzen "mei" zu sagen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Städtereisen | RSS |
| alles zum Thema Städtereisen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH