Von Jürgen Bröker
Der Januar-Wind weht durch die schmalen Gassen von Bredevoort. Kalt und feucht bläst er an den schiefen Häusern mit ihren grünen Blendläden und der wechselvollen Geschichte vorbei. Auf dem Platz Opt Zand steht Henk Ruessink. Seine dünnen grauen Haare haben den Kampf gegen den kräftigen Wind längst verloren. Der 73-jährige Stadtführer erzählt einer Gruppe Pädagogen, dass an dieser Stelle einmal ein prunkvolles Schloss gestanden habe. "Bis der Blitz in den Pulverturm eingeschlagen hat. Da ist alles explodiert", sagt Ruessink. Er spricht mit etwas heiserer Stimme. Dabei baumelt eine Lesebrille über seiner Jacke.
Das Schloss wurde nicht wieder aufgebaut. Heute steht an seiner Stelle ein einfacher grau-weißer Bau mit flach ansteigendem Dach. Eine Zeit lang war dort die Grundschule des Ortes untergebracht. Jetzt sind hier Antiquariate und Ateliers zu finden. Manchmal auch Ausstellungen. Vor dem Gebäude sind an diesem Samstag Stände aufgebaut. Blauweiße Planen schützen die Händler und ihre Ware vor dem einsetzenden Regen.
Stöbern nach dem "wichtigsten Medium der Menschheit"
Bücher werden dort angeboten, was sonst. Bredevoort ist offizielle Bücherstadt. Seit gut 14 Jahren. "1992 haben wir diese Idee entwickelt. Ich war damals Mitglied im Bürgerverein, der sich für die Interessen Bredevoorts einsetzt", erinnert sich Henk Ruessink. Dabei wirkt er selbst wie ein Buch, in dem man blättern kann, wenn man etwas über Bredevoort erfahren möchte.
Das alte Städtchen mit seinen nicht einmal 1600 Einwohnern hat mehr als 60 Häuser, die unter Denkmalschutz stehen. Für viele Händler waren es Anfang der 90er Jahre schwierige Zeiten. Sie verließen Bredevoort. Immer mehr alte Häuser standen leer. "Das ist nicht gut für denkmalgeschützte Häuser. Also haben wir überlegt, was wir tun können", sagt Ruessink. Der ehemalige Sprach- und Literaturdozent hat seit jeher eine ganz besondere Wertschätzung für Bücher. Sie seien das wichtigste Medium der Menschheit, sagt er.
Damals gab es eine neue Bewegung, die von Wales aus wie eine Welle über Europa schwappte. In Hay-on-Wye hatte Richard Booth schon 1962 die erste Bücherstadt auf dem Land gegründet. Doch erst Ende der achtziger Jahre setzte sich seine Idee auch in anderen Ländern durch. Zuerst in Schottland, dann in Frankreich und Belgien, schließlich in Bredevoort in den Niederlanden.
Inspiration für Malaysia
"Inzwischen gibt es in Europa mehr als 20 Bücherstädte. Jede hat ihren eigenen Weg gefunden", sagt Johan Klein Nibbelink. Er ist Projektmanager bei der Touristeninformation Bredevoorts und gehört zum Vorstand der "International Organisation of Book Towns". Schon manches Mal hat er Delegationen interessierter Städte durch Bredevoort geführt. "Selbst aus Südkorea und Malaysia kamen die Menschen zu uns, um zu sehen, wie wir das gemacht haben", sagt er. Offensichtlich mit Erfolg - seit einiger Zeit gibt es in Malaysia eine Bücherinsel.
"Die Idee war einfach grandios", schwärmt Rainer Heeke noch heute. Er ist einer von sechs Antiquaren der ersten Stunde in Bredevoort. Heeke hatte damals einen Bücherladen im deutschen Bocholt, nur 15 Kilometer von Bredevoort entfernt. Er kannte Hay-on-Wye und war seit Beginn der neunziger Jahre im Osten Deutschlands unterwegs, um auch dort eine Bücherstadt zu gründen. "Aber die Menschen waren damals mehr an Bau- und Supermärkten interessiert. Weniger an Büchern", erinnert er sich. Als dann in Bredevoort das Konzept umgesetzt wurde, war er sofort dabei. Heeke zog in die Niederlande, in eine ehemalige Metzgerei. Dort wo einst die Wurst von der Decke hing, stapeln sich nun alte Bücher. Mehr als 20.000 überwiegend deutsche Titel auf gerade einmal 70 Quadratmetern. Sie liegen auf Tischen oder auf dem Boden, stehen in Regalen und Schränken.
Hinten in seinem Büro hat er einen besonderen Schatz verborgen. "Das ist eine Moraltheologie aus dem Jahr 1626", sagt er und holt ein dickes Buch im Ledereinband mit kräftigen Eisenverschlüssen hervor. 500 Euro müsste ein interessierter Käufer dafür schon auf die Ladentheke legen, die vor lauter Büchern kaum zu sehen ist.
Heekes Lieblingsbuch ist derzeit aber ein anderes. Es heißt "Der wohl unterwiesene Apothecker" und stammt aus dem Jahr 1735. Manchmal sitzt er abends mit seinen Kollegen aus den umliegenden Antiquariaten zusammen und liest daraus alte Rezepte vor. Nur ungern möchte der 53-Jährige sich davon trennen. "Aber das ist der tägliche Kampf. Ich bin ja auch Büchersammler. Da fällt es mir manchmal schon schwer, diese Bücher zu verkaufen", sagt er. So wie bei der "Cosmographia" vor einiger Zeit - er konnte das kostbare Werk von Sebastian Münster aus dem Jahr 1550 für 20.000 Euro verkaufen.
Solche bedeutenden Schätze gibt es auch in Bredevoort nicht häufig. Aber in der Bücherstadt finden Liebhaber dennoch immer wieder nicht mehr aufgelegte Bände, alte Lexika und Ausgaben aus längst vergriffenen Auflagen. "Meistens finden die Menschen hier, was sie gar nicht gesucht haben", sagt Heeke und lacht. Er selbst kommt über Anzeigen, Stände auf Büchermessen oder Menschen, die ihre Erbschaft loswerden wollen, an die alten Bücher.
Bücher per Selbstbedienung
Neben seinem Antiquariat liegt eine Art Büchersupermarkt. Dort werden Bücher, Comics und seit einiger Zeit auch Schallplatten von unterschiedlichen Antiquaren angeboten. In der Gasse zwischen beiden Geschäften ist ein kleines Regal an die Wand geschraubt. Darüber steht schwarz auf gelb "Honesty Bookshop". Ein Selbstbedienungsladen für Bücher. Der Käufer wirft einen oder zwei Euro in den Briefkasten und nimmt sich ein Buch.
In Bredevoort sieht man diese Ehrlichkeits-Bücherläden an vielen Stellen. Selbst in und vor einfachen Wohnhäusern stehen Verkaufsregale. "Bei uns in der Altstadt braucht man keine Genehmigung, um in einem Wohnhaus einen Laden zu haben. Ein Drittel des Hauses darf als Laden benutzt werden", sagt Henk Ruessink. Damit wollte man vermeiden, dass die Innenstadt nach Ladenschluss wie ausgestorben wirkte.
Zwischenzeitlich gab es in Bredevoort 30 Antiquariate und Buchhandlungen. Heute sind es noch gut 20. Hinzu kommen einige Galerien und Ateliers, etwa die Buchbinderei eines italienischen Ehepaares. Kunstvoll reparieren Grazia Boschi und ihr Mann Guido Pracca alte Bücher oder binden nach japanischer Methode neue Werke.
Größter Konkurrent: das Internet
Zwei Mal im Jahr pilgern bis zu 10.000 Besucher zu den großen Internationalen Büchermärkten nach Bredevoort. Außerdem gibt es kleinere Büchermärkte für Jedermann und regelmäßige Lesungen und andere Kulturveranstaltungen. Die Idee der Bücherstadt Bredevoort hat funktioniert. Die Häuser in der Altstadt waren wieder voller Leben. Inzwischen stehen einige jedoch schon wieder leer. Es sind keine leichten Zeiten für Antiquare. "Das Internet hat uns einfach überrannt", sagt Rainer Heeke. "Das ist eine große Konkurrenz für uns. Außerdem sterben die Buchliebhaber langsam aus."
Auch sein Kollege Henk Visser merkt die wachsende Konkurrenz deutlich. Er hat sich in seinem kleinen Laden mit dem Namen "Bolwerk" vor allem auf Kunstbücher spezialisiert. Die hohen Wände des kleinen Geschäfts sind bis oben mit Büchern gefüllt. Der gelernte Lehrer sitzt in einem Stuhl in der Ecke. Vor ihm auf dem Boden döst sein Hund vor sich hin. "Das Internet macht inzwischen den Großteil unseres Geschäfts aus. Nur selten kommen die Leute hierher und wollen ein Buch anfassen, bevor sie es kaufen", sagt er.
Dann nimmt er einen Zettel, reißt einen schmalen Streifen und teilt von diesem erneut ein kleines Stück ab. "Das ist der Anteil des Buchladens", sagt er und wirft das kleine Stück in den Papierkorb. Den großen Rest, der das Internetgeschäft symbolisiert, hält er noch kurz in der Hand. "Das ist das Internet", sagt er dann leise und lässt auch dieses Stück im Papierkorb verschwinden.
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