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27.03.2007
 

Mit der Ente durch Paris

Romantik im Wiegetakt

Von Kim Rahir

Baskenmütze und ein 2CV - das ist Frankreich! Und Frühling und Paris - das ist Romantik! Und alles kombiniert macht eine nostalgische Rundfahrt mit Ente zu den Highlights der französischen Hauptstadt.

Das Rendez-vous ist an der Garnier-Oper, dem einstigen Musiktheater im Herzen der Stadt, das jetzt vorrangig Ballettaufführungen dient. Die geflügelten goldenen Statuen auf dem Dach, Poesie und Harmonie, glänzen im strahlenden Sonnenlicht. Vor den Stufen des Gebäudes, auf denen immer Dutzende Touristen lagern, um sich von langen Fußwegen auszuruhen, steht meine Verabredung: grau, ein klein wenig verbeult - aber charmant ohne Ende. Ein 2CV, oder auch liebevoll Ente genannt, soll mich zu einer etwas anderen Stadtrundfahrt abholen.

Das offene Dach, der rote Samt auf den Rücksitzen und Iris, die junge Fahrerin mit der schwarzen Schirmmütze, haben schon vor dem Beginn der Tour die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Sie gibt spanischen Touristen bereitwillig Auskunft, bevor sie sich ins Auto setzt und sagt: "Wo soll es denn hingehen?"

Angesichts des herrlichen Wetters fällt die Wahl auf die "Tour classique", zu den prächtigsten und bekanntesten Monumente der Stadt an der Seine. Die Runde soll rund anderthalb Stunden dauern, und Iris wird maßgeschneiderte Auskünfte über die Geschichte von Plätzen, Gebäuden und Denkmälern geben. "4 roues sous 1 parapluie" (Vier Räder unter einem Regenschirm) - so heißt die Firma des jungen Franzosen Florent Dargnies, die die Parisrundfahrt im 2CV anbietet. Genauso hieß auch der Design-Auftrag der Entwicklungsabteilung von Citroën vor dem Zweiten Weltkrieg, die zur Präsentation des Autos mit den zwei Pferdestärken im Grand Palais 1948 führte.

Mit Rucken und Racken in die Rue Saint-Honoré

Der Regenschirm ist an diesem Sonnentag nicht nötig, das offene Dach lässt Licht und Pariser Luft ein, außerdem gewährt es einen sehr bodennahen Eindruck der meistbesuchten Hauptstadt der Welt. Kein Vergleich zu distanzierten Blicken aus einem verglasten Doppeldeckerbus. Von der Oper geht es gleich los in Richtung Place Vendôme. Die napoleonische Siegessäule, aus österreichischen Kanonen der Schlacht von Austerlitz gegossen, erzählt die Triumphe des selbstgekrönten Kaisers der Franzosen. Rund um den Platz gruppieren sich die Pilgerstätten des internationalen Jetset, Luxusjuweliere und das berühmte Hotel Ritz, von dem Lady Di zu ihrer letzten Fahrt aufbrach.

Geschwindigkeitsexzesse drohen uns allerdings nicht. Mit vertrauenerweckendem Rucken und Racken bedient Iris die Revolverschaltung, und der Blinker bringt ein gemütliches "klack-klack" hervor, als wir in die Rue Saint-Honoré einbiegen. Noch ein Spielplatz der Reichen und Schönen dieser Welt, die hier bei Lanvin oder Hermès einkaufen. Doch selbst die verwöhnten Bummler an der Luxusmeile halten inne, wenn an einer roten Ampel eine Ente hält.

Fast schon neidisch blicken sie auf das offene Dach, das gemütliche Interieur der alten Karosse und die junge Fahrerin. Die fährt weiter in Richtung Comédie française und Palais Royal, von wo sie rechts in den Innenhof des Louvre einbiegt. Der rechte Außenspiegel hat sich mittlerweile gefährlich in Richtung Asphalt geneigt. "Der hat eine Schraube locker", lacht Iris, "aber das ist auch das Tolle an diesem Auto: Man kann eigentlich alles mit einem Schraubenzieher reparieren."

Und Reparaturen sind unumgänglich: Seit 1990 wird der 2CV nicht mehr hergestellt. Trotzdem "kann man immer noch welche finden", sagt Florent Dargnies, der sich im Oktober 2003 mit "4 roues sous 1 parapluie" selbständig machte. "Die Frage ist dann immer nur, ob sie auch noch gut in Schuss sind." Der 27-Jährige hat rund 20 Enten in seinem Fuhrpark und 30 bis 40 Fahrer, die von der "Tour classique" bis hin zu maßgeschneiderten Rundfahrten alles anbieten.

"Venedig hat seine Gondeln - und Paris hat seine 2CV"

Rund 150 Euro kostet die typische Tour von anderthalb Stunden, Abholung im Hotel inklusive, und natürlich gibt es Fahrer die Deutsch sprechen - oder auch Spanisch oder Englisch. Die Idee für seine Firma kam Dargnies übrigens in Deutschland. Er studierte ein Jahr lang in Berlin und war mit der Ente seiner Eltern dort angekommen. Das Auto fiel pausenlos angenehm auf - und Dargnies die Sache mit den Stadtrundfahrten ein. "Venedig hat seine Gondeln - und Paris hat jetzt seine 2CV", sagt der junge Mann lachend, auch deshalb gehöre der rote Samt auf den Rücksitzen zum Programm.

Iris fährt vom Louvre in Richtung Seine-Ufer weiter, wo Bouquinisten ihre Ware ausbreiten. Die Notre-Dame-Brücke führt zur Île de la Cité, hier ist das wahre Herz von Paris, Kilometer 0, wo heute immer noch der Blumenmarkt an alte Zeiten erinnert. Und natürlich Notre Dame. Die Kathedrale ist frisch gesandstrahlt und liegt erhaben im Sonnenschein, Iris dreht eine Runde um die Kirche, die aus jedem Blickwinkel völlig anders aussieht. "Ach, der Verkehr rollt so gut, wir fahren noch auf die Île Saint-Louis", entscheidet sie sich. Auf der zweiten Seine-Insel gibt es trotz der städteplanerischen Reformen des Baron Haussmann Ende des 19. Jahrhunderts immer noch die eine oder andere kleine Gasse. Für dieses Terrain ist die Ente wie gemacht, mit wohligem Schnarren rollt sie über das Kopfsteinpflaster.

Am Flussufer entlang geht es jetzt in Richtung der Place de la Concorde - und wieder erregt das Auto an jeder Ampel Aufsehen. Die meisten Blicke sind fröhlich, manche nostalgisch. Auf dem Place de la Concorde heißt es eine große Runde um die reich dekorierten Springbrunnen drehen. Dann geht es schon links ab auf die Champs-Elysées, die Pracht-Avenue, die schnurgerade mitten durch die Hauptstadt führt und am Triumphbogen endet.

Wer diese Avenue mit einer Ente befährt, kann den mächtigen Eindruck der Verkehrsarterie und des Monumentes an seinem Ende erst richtig wahrnehmen. Ewig verstopft, ermöglichen die "Champs", wie die Pariser sagen, nur ein mühseliges Erklimmen der Höhen um den Triumphbogen. Die Revolverschaltung hört nicht auf zu knacken, während das Auto im Stop-and-go-Rhythmus in Richtung Place de l'Etoile schleicht.

Gefährliches Kreiseln mit Ente

Am Platz um den Triumphbogen angekommen, wartet die größte Herausforderung der Tour auf Fahrer und Fahrgast. Dies ist womöglich der einzige Kreisverkehr der Welt, bei dem der Hineinfahrende die Vorfahrt hat. "Da hilft nur Draufhalten", sagt Iris und stürzt sich ins Getümmel. Mit atemberaubender Chuzpe stößt die Ente zwischen die Autos, die sich mühevoll einen Weg um das Siegestor bahnen. "Das ist den meisten Gästen schon etwas unheimlich", räumt Iris ein.

Doch es funktioniert: Dreist schiebt sich die Ente in den Kreisverkehr, und alles was Eifvon links kommt, gibt nach. Aber halt, da kommen schon die ersten Autos von rechts, diejenigen nämlich, die von den folgenden sternförmig zusammenführenden Avenuen auf den Platz stoßen - und die nun ihrerseits die Vorfahrt haben. Ein wenig Aufatmen ist da schon erlaubt beim Erreichen der Avenue Kléber, die direkt zum Trocadéro, dem Platz vor dem Eiffelturm führt. Fünf Minuten später steht die Ente auf dem Marsfeld, von dort geht es zum Invalidendom, wieder einmal über den Fluss, quer über die Champs-Elysées und über die Madeleine, die eher einem antiken Tempel als einer christlichen Kirche gleicht, zurück zur Oper. Kaum angekommen, muss Iris schon wieder neugierigen Touristen Frage und Antwort stehen.

Doch zum Träumen bringt die Ente nicht nur Touristen - auch die Pariser haben den neuen Service längst ins Herz geschlossen. So zum Beispiel die Frau, die einen Fahrer mit Päckchen zu ihrem Mann ins Büro schickte. Im Päckchen waren Baby-Schuhe - und der zukünftige Vater wurde per Ente zur Arztpraxis gefahren, wo seine Frau mit einer freudigen Nachricht auf ihn wartete. Oder der Kunde, der genau 17 Jahre nach dem Tag, an dem er seine Angebetete kennengelernt hatte, 17 Runden um den Triumphbogen bestellte.

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