Von Klaus Schamberger
Das war nur eines von vielen Pogromen. Vom Jahr 1499 an haben Juden in Nürnberg kein Ansiedlungsrecht mehr. Im Jahr 1850, nach rund 350 Jahren, darf der erste jüdische Bürger seinen Wohnsitz wieder nach Nürnberg verlegen. Bis zur Pogromnacht des 9. November 1938 hat die jüdische Gemeinde der Stadt 8000 Mitglieder. Im Mai 1945, nach Kriegsende, sind es noch knapp 50.
Noch in den 60er Jahren erschienene Nürnberger Geschichtsbücher widmen dem gleichermaßen hässlichen wie folgenschweren Teil unserer Vergangenheit ein paar, oder noch barmherziger: gar keine Zeilen. Doch die Zeiten halb- bis dreiviertelblinder Nürnberger Butzenscheibensicht sind, nach langer Bedenkpause, vorbei.
Zu hoffen ist: für immer. Seit 1993 heißt die Gasse zwischen Germanischem Nationalmuseum und Gewerkschaftshaus "Straße der Menschenrechte", gestaltet von dem israelischen Künstler Dani Karavan. Seit 1995 wird alle zwei Jahre der Internationale Nürnberger Menschenrechtspreis verliehen. Und 2001 übergab die Stadtverwaltung ihren Bürgern das "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" – ein Museum gegen den Gedächtnisschwund. Der Grazer Baukünstler Günther Domenig hat das wie einen Pfahl in die alte Nazi-Kongresshalle stoßende Bauwerk entworfen. Es ist sieben Tage in der Woche geöffnet, auch oder vor allem: für uns Nürnberger.
Und wir möchten es hiermit von ganzem Lebkuchenherzen auch dringend unseren Gästen in ihre Erledigungsliste schreiben. Und drunter dann all die anderen schönen Nürnberger Kleinheiten: Sechs mit Meerrettich mit Bier, mit Schlehengeist und mit Spargelsalat (letzterer aber nur von April bis Johanni), Lebkuchen (besser nur von September bis Januar), das Volkstheaterstück "Schweig, Bub!" von Fitzgerald Kusz (seit 30 Jahren auf dem Spielplan), eine Ausstellung mit Bildern von Toni Burghart (von ihm stammt der gezeichnete Sinnspruch "Nürnberg ist am Arsch der Welt. Wer hat es da wohl hingestellt?"), einen Besuch im Theater der Puppen, einen Ausflug in die Fränkische Schweiz (kleinstes Gebirge der Welt), einen Spaziergang durch die vielen Kulturen in der Südstadt, eine Fahrt mit der U-Bahn nach Fürth zur Toleranzforschung (ohne Visum über die Stadtgrenze!), eine Gedenkminute vor dem Denkmal des Nürnberger Komikers Herbert Hisel (das es noch nicht gibt), eineinhalb Stunden im Frankenstadion beim Glubb (heißt heute Easycredit-Stadion, morgen vielleicht wieder ganz anders). Um nur ein paar Beispiele unserer Sehens-, Ess- und Trinkwürdigkeiten zu nennen, die wir Nürnberger auch sehr schätzen.
Und sollte dabei jemandem ein örtlicher Hirnheiner begegnen, der ihm was Schwülstiges vom sandsteinernen, vollgotischen Ruhmreichtum Nürnbergs durch die nach oben gerichtete Nase trompetet, dann möge er ihn bittschön in die uns angeborene Körpergröße zurückweisen mit dem Satz: "Häddn Sie’s nedd äweng glenner!?" Auch wenn das Erlernen dieses Satzes dem Christkindlesmarkt-Besucher aus Scheeßel an der Wümme so ganz leicht nicht fallen dürfte.
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