Von Lara Fritzsche
Über ihr die Sterne, unter ihr die silbernen Highheels: Judy Keepler genießt den Feierabend in einer New Yorker Midtown-Bar, auf dem Dach eines Hochhauses. In der einen Hand ein Wodka Cranberry und in der anderen Hand eine brennende Zigarette – ein seltenes Bild in New York City.
Die amerikanische Gesetzgebung, die den Konsum von Alkohol auf den Straßen und Zigaretten in den Bars verbietet, greift hier nicht. Schließlich befindet sich das "230 Fifth” nicht auf New Yorks Straßen, sondern quasi in New Yorks Luftraum und die Bar nicht im geschlossenen Raum, sondern unter freiem Himmel – eine glückliche Kombination. Nicht nur für Raucher.
Judy Keepler und ihre Kollegen arbeiten fünf bis sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag bei einer Versicherung, in einem Großraumbüro mit Klimaanlage, erzählen sie. Der Gute-Nacht-Drink hier oben in der Rooftop-Bar fühlt sich deshalb an wie Urlaub.
"Das ist die absolute Entspannung", schwärmt Judy. Rein in den Aufzug, ab auf das Dach und raus aus dem Aufzug, schon ist man zwischen Palmen und Sand angekommen. Hier oben entgeht man den Nachteilen der Großstadt: Es ist ruhig, nur ganz entfernt hört man mal ein Taxi hupen. Die Luft ist klar, es riecht weder nach Abgasen noch nach dem verbranntem Gummi der bremsenden Autoreifen, keine säuerliche Müll-Note liegt in der Luft. Die Musik wummert nicht gegen klebrige Kneipenwände, sondern verliert sich in der warmen Abendluft.
"Sex and the City" in luftiger Höhe
Spätestens seitdem hier oben die Premierenfeier für den Film "Der Teufel trägt Prada" stattgefunden hat, kann man das "230 Fifth" auf New Yorks Fifth Avenue nicht mehr als Geheimtipp bezeichnen. Obwohl der Eingang zur Dachbar durch die gediegene Lobby eines Bürogebäudes führt, kennt ihn scheinbar halb New York. Samstags ist die Schlange bis zu drei Blocks lang: junge Frauen mit knalligen Pumps und kleidlangen Hemdchen und Männer mit geöffnetem hellblauem Hemd unterm grauen Anzug fädeln sich hier auf.
Dachbars sind der Ausgehtrend des Sommers in New York – und der Sommer hält an. Am vergangenen Wochenende waren es 25 Grad Celsius in Big Apple. So gilt es, schnell noch ein letztes Mal in diesem Jahr das Lieblingsdach zu erklimmen. Inzwischen gibt es laut "New York Magazine" über 45 Dachterrassen mit Bar in der Stadt. Ein Großteil davon hat erst in diesem Frühling eröffnet. So wurde aus dem Ausgehgeheimnis Einzelner ein Massenphänomen. Jene Einzelne, die sich schon vor Jahren auf New Yorks Dächer zurückzog, hießen übrigens Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte. Die Vier von "Sex and the City" veredelten in Folge 81 der sechsten Staffel eine inzwischen geschlossene New Yorker Dachbar namens "B.E.D".
Heute ist das "230 Fifth" die Nummer eins unter den Rooftop-Bars, zumindest was die Größe angeht. Über 1000 Quadratmeter misst die Dachbar. Das bietet genug Platz für alle, die den Arbeitstag mit frischer Luft ausklingen lassen wollen. "Bei so schönem Wetter irgendwo in einem klimatisierten Raum zu sein, das wäre doch irgendwie dumm", erklärt die 26-jährige Judy Keepler. Die Kollegen nicken zögerlich. Eine Binsenweisheit für die meisten Europäer, aber scheinbar eine neue Erkenntnis für einige New Yorker.
Besser als jede Aussichtsplattform
Die Touristen schätzen die Dachbars aus mehreren Gründen: Sie können hier ihrem gewöhnlichen Trinken-Rauchen-Rhythmus nachkommen und müssen nicht für jeden Zug an der Zigarette das Glas abstellen und sich vor der Tür den Blicken der gesunden New Yorker Passanten aussetzen. Aber viel wichtiger: die meisten Bars sind besser als jede Aussichtsplattform.
Vom "230 Fifth" aus blickt man direkt auf das beleuchtete Empire State Building, im Hintergrund leuchten die Lichter all der anderen Uptown-Wolkenkratzer. Von der Hotelbar "Plunge" aus schaut man geradewegs auf die glänzenden Hochhäuser von Jersey City auf der anderen Seite des Hudson-Flusses. Der "Roof Garden" auf dem Dach des Metropolitan Museum of Art bietet eine unglaubliche Aussicht auf den Central Park, umrahmt von der Stadt. Und im "Delancey", einem ranzigeren, aber charmanten Laden mit Dachbar, liegt direkt vor einem die Williamsburg Bridge.
Wer nicht jedes Mal für touristische Aussichtspunkte bezahlen möchte, aber trotzdem einen umfassenden Überblick über die Stadt bekommen will, der hangelt sich von Dachbar zu Dachbar und investiert sein gespartes Geld dort in einen kalten Martini – im Plastikbecher.
Denn auch oben auf den Dächern New Yorks gibt es Gesetze: Glas ist absolut verboten, schließlich könnte es ein Betrunkener über die Kante des Wolkenkratzers schmeißen und damit einen Passanten unten in den Straßen verletzen. Obwohl das eher unwahrscheinlich ist. Denn auf den Dachbars gibt es keine Betrunkenen – dafür sind die Drinks einfach zu teuer.
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