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03.12.2007
 

Jogging durch Berlin

Sexy, weil arm

2. Teil: Russen-Punk und Brustgrabscherinnnen

Der gelassene Umgang mit Feiern und Einladungen zeichnet den fortgeschrittenen Berliner aus, zumal er zwei Erfahrungen gemacht hat. Erstens: Die allenthalben versprochene ultimative Party gibt es nicht. Zweitens: Die lustigsten Feten finden fast immer privat statt, so wie neulich bei Jochen oder bei Iris, die jeweils ihre Nachbarn eingeladen hatten. Nachbarn sind die Überraschungseier dieser Stadt, Menschen wie Cathy, die Kanadierin, die vor Jahren von der Liebe nach Berlin geweht wurde. Nun fühlt sie sich zu Hause hier, übersetzt für eine Softwarefirma Geschäftspost ins Englische und freut sich, dass der Regierende Bürgermeister ihr neulich beim Einkaufen in kurzen Hosen entgegenkam und gegrüßt hat, "einfach so, obwohl ich hier gar nicht wählen darf".

Iris hatte auch das russische Pärchen von oben eingeladen, das erst um halb drei kam, als die Party schon etwas lahmte, um umgehend nach Wodka zu verlangen. Er legte Russen-Punk auf, drehte auf maximale Lautstärke und begann, wie ein Berserker zu tanzen; sie machte sich einen Spaß daraus, allen Frauen mit ihren langen, roten aufgeklebten Fingernägeln in die Brust zu greifen. Vielleicht wollte sie nur wissen, welcher Busen künstlich vergrößert war. Bis heute ist nicht klar, ob die beiden als Spitzenwissenschaftler in der Grundlagenforschung an einer der drei Unis arbeiten oder eher mit Körpereinsatz in der Unterhaltungs- beziehungsweise Inkassobranche.

Unser Lauf führt am Holocaust-Mahnmal entlang, vorbei am Brandenburger Tor und Reichstag hinab zur Spree. Grauenvolle Geschichte und Postkartenmotive wechseln minütlich. Die Straßen sind voll, aber kaum ein Berliner ist auf den Beinen. Touristen sind die tapfersten Frühaufsteher dieser Stadt, die die Arbeit nicht erfunden hat. Nur wer gleich am Morgen kommt, erspart sich das Schlangestehen, auf den Treppen des Reichstags, vor der Nationalgalerie oder einer der vielen anderen Ausstellungen.

Ständig im Werden, nie im Sein

Touristen und Bewohner bilden eine Melange, in der sich niemand lange fremd fühlt. Wer hier Russisch, Englisch, Japanisch oder Polnisch spricht, muss noch lange kein Fremder sein. Pausenlos überrascht sich Berlin selbst mit seinen Einwohnern, denn sie wechseln unentwegt. Seit der Wende ist die Einwohnerzahl zwar halbwegs konstant geblieben, was aber darüber hinwegtäuscht, dass 1,7 Millionen Menschen die Stadt verlassen haben, während 1,8 Millionen neu hinzugekommen sind.

Während Düsseldorf und Hamburg und München relativ fest gefügte Städte mit etablierten Szenen und ausgelatschten Wegen sind, ist Berlin ständig in Bewegung, immer anders, häufig spannend. Eine Stadt, die ständig im Werden begriffen ist, aber nie im Sein verharrt, sagt der belesene Berliner. Inzwischen haben die Bundesbürger diese bewegte Hauptstadt sogar schätzen gelernt. Alle paar Wochen erscheinen neue Umfragen, in denen Berlin als coolste aller deutschen Städte abschneidet.

Berlins Reiz hat ganz entscheidend mit seiner wirtschaftlichen Situation zu tun. "Arm, aber sexy", hat Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister mit dem Talent zum Bonmot, einst gesagt. Eigentlich müsste es heißen: "Sexy, weil arm". Denn die Abwesenheit von protzig vorgetragenem Reichtum schafft ein Klima, das weit weniger von Hochnäsigkeiten bestimmt ist als an Rhein, Isar oder Elbe. In Berlin zelebriert Snobismus allenfalls der betagte Playboy Rolf Eden, ein Westberliner Fossil, das nie ohne cremefarbene Slipper, Rolls-Royce und einer sehr jungen Dame unterwegs ist. Living history.

In Wirklichkeit ist Berlin billig im Vergleich zu anderen Weltstädten. Wohnen, Essen, Ausgehen, das ist günstiger hier als in manch anderer deutschen Studentenstadt. Hier finden selbst junge osteuropäische Künstler mit knappen Budget ein günstiges Atelier, Startup-Firmen ein bezahlbares Büro. Wer wenig Geld hat, muss Ideen haben, deswegen ist die Mode überraschend und manches Restaurant ziemlich abgefahren. Berlin ist die Stadt des Anfangens, der Hoffnung und manchmal auch des Scheiterns.

Abgeordneten-Raumschiff

Die Schlussgerade des Sonntagslaufs führt zwischen den wuchtigen Klötzen von Kanzleramt und Hauptbahnhof hindurch zurück in den Tiergarten. Die Politik komme zurück zum Bürger, lauteten die hoffnungsvollen Prognosen zum Regierungsumzug vor knapp zehn Jahren. Das war eine Illusion. Die Volksvertreter bewegen sich in ihrem eigenen Raumschiff ohne viel Kontakt zu den Bürgern.

Mögen einfache Viertel wie Kreuzberg oder der Wedding ans Regierungsviertel grenzen, so bleiben die Kieze doch fein säuberlich getrennt. So war es immer. Den Kreativen ist das nur recht, wenn ihre Viertel nicht sofort von Hipstern und später dann von Besserverdienern erobert werden. Erst war es in Mitte so weit, dann am Prenzlauer Berg, nun in Friedrichshain. Es ist wie eine Verfolgungsjagd in Zeitlupe. Erst erobern kreative Pioniere ein verwahrlostes Stadtviertel, weil es billig ist. Wenig später kommen die Clubs, dann die Boutiquen, dann die Menge. So wird Stadtteil für Stadtteil im Fünf-Jahres-Rhythmus aufgemöbelt - ein vollautomatisches Sanierungsprogramm, das zugleich dauernd neue Spannungsfelder garantiert.

Nach dem Lauf ein entspanntes Frühstück auf dem Viktoria-Luise-Platz. Berlin ist gelassener als jede andere deutsche Stadt, schon aus dem Bewusstsein heraus, dass es im Moment eine gute Phase ist für eine Metropole, die viel mitgemacht hat. Hier ist es mal italienisch, mal britisch, mal ukrainisch, mal karibisch. Aber nie schwäbisch. Früher musste der Deutsche weit fahren für dieses Lebensgefühl.

Langweile weder dich noch andere

Es ist Sonntagmittag, die Stadt will erobert werden. Was tun? Erst eine geheimnisvolle Performance besuchen, die auf dem Dach eines Kreuzberger Bürohauses spielt. Dann Freunde besuchen und grillen auf einer versteckten Insel im Tegeler See. Wenn es eine Konvention gibt in Berlin, dann heißt sie: Langweile weder dich noch andere!

Das gilt natürlich auch fürs Abendessen. Sollen wir Promi-Spotten in der "Paris Bar"? Oder in die "Peking-Ente", weil Barbra Streisand dort neulich gegessen hat, auf Empfehlung des Pianisten Lang Lang? Die Entscheidung fällt schließlich aufs "Terzo Mondo" in der Grolmanstraße, ein Fleischplatten-Grieche, dessen Gäste nach dem zweiten Ouzo unablässig Flieger falten, um sie in die weichen Deckenplatten zu jagen, mit einer sehr ausgefeilten Technik, die der Wirt gern erklärt. Viele hundert Papierraketen hängen bereits wie Fledermäuse hoch über den Tischen.

"Ganz schön was los hier", sagt der Besucher kurz vor Mitternacht leicht ermattet. "Ooch", entgegnet der Berliner, "völlig normal."

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