Von Marc Pitzke, New York
New York - Der Baum ist grün. Nicht nur im klassischen Sinne, sondern grün wie Al Gore. Dieses Jahr zieren ihn keine Glühbirnen, sondern mehr als 30.000 energiesparende Leuchtdioden - gespeist von eigens dazu errichteten Solarpaneelen auf dem Dach des Rockefeller Centers. Außerdem wurde er stromfrei gefällt: mit zwei großen Handsägen, zu deren Betätigung vier Männer nötig waren.
In dem Jahr, in dem Klimapapst Gore den Friedensnobelpreis bekam, sollte auch das Weihnachtsspektakel an der Konsummeile Fifth Avenue ökologisch korrekt ablaufen. Und so wurde sie gestern Abend vor mehr als 100.000 Schaulustigen mit eingeweiht und angeknipst - die 25 Meter hohe Fichte am Rockefeller Center, das Zentrum des New Yorker Feiertagstrubels. Zum 75. Mal jährt sich diese Tradition, und auch wenn der Baum diesmal nicht der höchste der Geschichte ist - er sei der erste wirklich grüne, sagen einem die PR-Vasallen rastlos.
Der allererste "Tree at Rockefeller Center®" - heute ein geschütztes Markenzeichen - stand 1931 noch mitten in der leeren Baugrube des Gebäudekomplexes in Midtown Manhattan, es war eine Balsamfichte, gerade mal sechs Meter hoch. 1941 hatten sie die Fenster der Wolkenkratzer ringsum mit Hunderten Kerzen geschmückt, angezündet wurden die jedoch nie: Die USA befanden sich schließlich im Krieg, und die Kerzen hätten im Verdunkelungsfall nicht schnell genug gelöscht werden können. Die Bäume blieben bis 1945 vorsichtshalber ganz dunkel.
250 Kilo schwerer Weihnachtsstern
Hernach gab es silbern angesprühte Bäume (1949), Bäume mit Wunderkerzen und Alu-Girlanden (1952), Bäume mit 6000 Eiszapfen (1953), Plastikglocken in rot-weiß-blau (1965) und reflektierenden Disketten (1973). Der höchste von allen maß 1999 exakt 100 Fuß (30,5 Meter), und im Jahr der Terroranschläge von 2001 war die gesamte Rockefeller Plaza von patriotischen US-Sternenbannern flankiert.
Der diesjährige Ehrenbaum stammt aus Shelton im Bundesstaat Connecticut, wo er im Garten des Galvaniseurs Joe Rivnyak und seiner Gattin Judy stand. "Wir hatten viel Spaß darunter", berichtete Rivnyak, bevor er seine norwegische Fichte aufgab, die übrigens genau so alt ist wie das Rockefeller-City-Baumritual selbst. "Wir werden sie vermissen." Jahrelang hatten die Rivnyaks sowieso gedacht, sie besäßen eine ganz ordinäre Kiefer - bis die Weihnachtsgärtner der Immobilienfirma Tishman Speyer, der das Rockefeller Center gehört, sie botanisch eines Besseren belehrten.
Die verfrachten den Baum dann auf einem gigantischen Sattelschlepper nach Manhattan, wo er mit einem 280-Tonnen-Spezialkran aufgerichtet, in ein Gerüst gepackt und dann in wochenlanger Kleinarbeit mit mehr als acht Kilometern LED-Kabeln umkränzt wurde - jeder noch so kleine Zweig einzeln. Zum Schluss kam, wie seit 2004 üblich, der "Swarovski-Stern" oben drauf, handgefertigt von dem gleichnamigen Juwelier, drei Meter im Durchmesser, 250 Kilogramm schwer und aus 25.000 Kristallen bestehend.
Sägemehl gegen Bodenerosion
Alles eben auch tolle PR. Für Swarovski. Für den Fernsehsender NBC, der im Rockefeller Center beheimatet ist und die zweistündige Zeremonie live übertrug. Für Tishman Speyer, das seinen Namen auf alle greifbaren Flächen an der Plaza druckte. Für die Rockettes aus der benachbarten Radio City Music Hall, die auf der Eisfläche ihre Porzellanschenkel schwangen. Für Tony Bennett, der "Santa Claus is Coming to Town" von seinem alten Christmas-Album "Snowfall" summte, das jetzt wieder im Handel ist.
Auch Celine Dion trällerte ihren neuesten Song "Taking Chances". Allerdings nicht auf der eisigen, windigen Plaza wie die gewöhnlichen Stars, sondern hoch oben im 65. Stock, im warmen Nobelrestaurant Rainbow Room. Dort konnte sie vor einer Kulisse aus kleineren Weihnachtsbäumen die nackte Schulter zeigen, ohne frieren zu müssen.
Um 20.58 Uhr Ortszeit war es so weit: Tony Bennett, Bürgermeister Mike Bloomberg und Immobilienmogul Jerry Speyer betätigten gemeinsam den Lichtschalter, und der Baum erstrahlte. Es war eine adäquate New Yorker Troika: Entertainment, Politik und Geld. "Let it shine!", zwitscherte der Playback-Chor.
Wenn alles vorbei ist, der Werberummel, Weihnachten und Neujahr, dann wird alles am 9. Januar wieder abgerissen. Der Großteil des Baumstamms wird "im öko-freundlichen Geiste" zu Hürden für Pferdeturniere verarbeitet, der Rest zu Sägemehl für Pfadfinder, auf dass diese damit "Bodenerosion bekämpfen".
Grün bis zum Schluss.
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