Von Christoph Ruf
Wien - Die Medien sind schuld. Und das, obwohl das mediale Pingpong zwischen Wiener und Hamburger Boulevard (A ist arrogant, B ist beleidigt und umgekehrt im täglichen Wechsel) hier keinen Menschen interessiert. In einer Stadt, in der die Straßenverkäufer Dutzende Tagezeitungen feilbieten, stoßen Schlagzeilen, die sich wie Klosprüche lesen, auf gepflegte Gleichgültigkeit: "Ösiwürstchen wegputzen?" "Wer's braucht", sagt ein österreichischer Fan auf der Fanmeile gleichgültig, "scheint's ja ganz schön Angst zu haben", schäkert seine Freundin. Geschenkt.
Die Medien sind trotzdem schuld - an den leeren Betten in Wien. Dass die deutschen Zeitungen berichtet hätten, in Wien sei kein Quartier mehr zu bekommen, das sei dann doch ein starkes Stück, heißt es am Taxistand vor dem Westbahnhof: "Ja, san die deppert?", erregt sich Dragan, ein aus Belgrad stammender Taxifahrer, der seit 13 Jahren in Wien lebt: Stundenlang stehe er mit seinen Kollegen vorm Bahnhof herum: Leer seien die Züge, "genau wie die Hotels", in vielen stehe jedes zweite Bett leer, schätzt er. "Wenn die Leute lesen, da ist kein Platz mehr in der Stadt, bleiben sie lieber zu Hause."
Am Montagnachmittag rechnet Dragan mit besseren Geschäften. Man merke schon, dass viele Leute aus Neugier in die Stadt kämen. "Sie wissen schon, Cordoba 2 und so." Ob er selbst an einen österreichischen Sieg glaube? "Na, wirklich ned."
Auch Peter, ein Rapid-Fan, ist skeptisch, was die Erfolgsaussichten der österreichischen Equipe angeht. Dass er sich gerne eines Besseren belehren lassen würde, merkt man jedoch. Nach ein paar Sekunden, eigentlich war er schon Richtung Eisdiele entfleucht, kehrt er noch einmal um. Man habe ja am Sonntagabend beim türkischen Sieg gesehen, sagt er, dass es bei dieser EM auch einmal ein 3:2 geben könne, "wie damals…". Peter lacht.
Lebensqualität spricht für Österreich
Wie der Schlachtenbummler scheint auch die österreichische Medienlandschaft zu empfinden: "Hoffen auf ein Wunder", titelt der "Kurier" und geißelt wie die meisten Medien das derzeitige Makroklima. Wenn alte Klischees auf beiden Seiten so inbrünstig gepflegt würden, hätte das wohl nur zum Teil mit der tatsächlichen deutschen Arroganz zu tun, schreiben auch andere Zeitungen. Offenbar leide Österreich nach wie vor unter Minderwertigkeitskomplexen gegenüber dem Nachbarn, der immerhin zehnmal so viele Einwohner habe.
Viele Gründe dafür gebe es allerdings nicht: Die Pro-Kopf-Ausgaben für Kunst, die Lebensqualität in den Städten, die Exportdaten - alle Rahmendaten sprächen derzeit für Österreich. Und gegen Minderwertigkeitskomplexe. Nicht zu vergessen der Humor: Denn die Deutschen lachten über Furzkissen und über Pocher, konstatiert der "Kurier" erstaunt, wohingegen sich die "Salzburger Nachrichten" über Atze Schröders Beliebtheit wundern.
Kurzum, zwar sei man verbunden durch "die gemeinsame Sprache, die uns trennt", heißt es im "Kurier" unter Berufung auf Karl Kraus. Doch der Humor sei nun mal kein Meister aus Deutschland: "Die Deutschen sehen so aus, als seien sie drauf und dran einen Weltkrieg anzufangen oder einen jämmerlichen Witz zu erzählen", wird ein (anonymer) "Kenner der deutschen Seele" zitiert.
Tickets zu Marktpreisen
Wie humorbegabt die deutschen Fans tatsächlich sind, ist in diesen Tagen in Wien nur schwer zu ermitteln. Fest steht jedoch, dass sie gut gelaunt sind. Rund um den Stephansplatz haben sich alle die versammelt, die die Stammklientel der deutschen Nationalmannschaft ausmachen. Fußballfans im klassischen Sinne. Fröhlich, friedlich, durstig.
Als zwei deutsche Polizisten an einem vollbesetzten Straßencafé vorbeigehen, werden sie aufgefordert, die "Welle" zu machen. Dass sie der Aufforderung nachkommen und dreimal eine La-Ola-Welle starten, erheitert nicht nur die österreichischen Kollegen: "Deutsche Polizei, deutsche, deutsche, deutsche Polizei", schallt es über den Domplatz. Zu beobachten ist auch, dass - Boulevardschlagzeilen hin oder her - die beiden Fanlager sich an vielen Stellen ohne größere Anlaufschwierigkeiten beim gemeinsamen Bier verbrüdern.
Bei einem anderen Thema endet jedoch der Gruppengeist der Fußballfans. Ein Fan, der seit zwei Tagen versucht, noch ein Ticket für das Spiel zu ergattern, ist angeblich auf "fast 30" Fans gestoßen, die "noch ein Ticket über hatten". Zu einem halbwegs zivilen Kurs wollte es jedoch keiner verkaufen. "Da redet der letzte Besoffski plötzlich wie ein Banker", hat er bemerkt, "Marktkurs und so." Selbiger habe gestern bei "450 bis 500 Euro" gelegen, so der Fan. Am Montagmittag waren es bereits 100 Euro mehr.
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