Von Moritz Piehler
Zoe Ozereko blättert täglich durch telefonbuchdicke Wohnungsanzeigenblätter. Die Filmassistentin ist vor zwei Jahren nach Long Island City gezogen. Damals war die Miete in dem westlichsten Teil von Queens noch günstiger. Nach ihrem Studium im beschaulichen Amherst in Massachusetts gefiel ihr hier gerade die Mischung aus Kunst und Kleinstadt. Eine Nachbarschaft, in der man noch gegrüßt wird, und eine urbane Umgebung mit Künstlerflair. Hier hat sie schnell Anschluss an die Kunstszene gefunden und ihren Job bei einem Dokumentarfilmerin.
Eigentlich stehen gerade hektische Arbeitstage an, weil der Doku-Film beim renommierten Sundance Festival eingereicht werden muss. Aber die 25-jährige Zoe muss eine neue Wohnung finden: "Das Viertel verändert sich rasend schnell. Bald werde ich mir die Miete hier nicht mehr leisten können."
Nur einen U-Bahn-Stopp von Manhattan entfernt, wirkte Long Island City dank flacher Gebäude früher weit und offen. Kleine Ateliers waren seit den Achtzigern fester Bestandteil der Nachbarschaft. Aber auch Großunternehmen wie die Silvercup-Studios, in denen "Sex and the City" und die "Sopranos" produziert werden, sind schon lange hier angesiedelt. Die Künstler, die hier leben und arbeiten, sorgten für das besondere Flair.
Björk huscht vorbei
Nun droht das Viertel sein ursprüngliches Gesicht zu verlieren. Vor einigen Jahren wuchsen die ersten Apartmenthochhäuser am Ufer des East River in den Himmel. Sie versperren den Blick auf die Skyline Manhattans und lösten erste Streitigkeiten um den Zugang zum Ufer für alle Bewohner aus. Jetzt werden die Lofts von zahlungskräftiger Kundschaft bewohnt, die im Riverview-Restaurant die Kulisse genießen können.
In der Bar, in der Zoe Ozereko arbeitet, sitzen die alten Long Islander über ihrem Feierabendbier. Manchmal kommt der Medienkünstler Matthew Barney mit seiner Freundin Björk dazu. Die beiden Promis reisen mit dem Hausboot den Hudson River hinunter und verschwinden nach ihrem Stadtbesuch wieder. Auch Galerist Kenny Greenberg hat den Star schon getroffen: "Barney war mal hier in meiner Galerie. Hat aber kein Wort mit mir gesprochen."
Greenbergs "Art-O-Mat", die er mit seiner Frau Diane betreibt, liegt in einem kleinen einstöckigen Backsteingebäude am Vernon Boulevard, der Hauptstraße von Long Island City. Der Eingang ist trotz Leuchtschrift leicht zu übersehen. In den drei Räumen der Galerie ist eine Mischung aus Kitsch und Kunst versammelt, alles von moderner Fotografie bis zu Kühlschrankmagneten.
"Als wir vor 20 Jahren herzogen, war der Wohn- und Studioraum billig, und ich hatte die Nase voll von Tribecca. Hier gab es diese fast kleinstädtische Gemeinde, das hat uns gefallen", sagt Greenberg, der selber Künstler ist und inzwischen zu einer Institution der lokalen Kunstszene wurde. "Heute ist das anders, die alten Läden verschwinden und mit ihnen die Long Islander", beschreibt Diane Greenberg die Veränderung der vergangenen Jahre. Die Mischung aus Industriegebiet und alteingesessenen Betrieben wird mehr und mehr durch hippe Restaurants und Cafés ersetzt.
Der Galeriebesitzer erinnert sich noch gut an die frühen Tage, in denen Künstler wie sein Freund Mark Di Suvero das Viertel bevölkerten. Der Bildhauer Di Suvero gründete den Socrates Sculpture Park auf einem verlassenen Fabrikgelände am Flussufer im Norden des Viertels, wo auch der Sculpture Park von Isamu Noguchi liegt. Auch Noguchi hatte sein Studio über 20 Jahre in Long Island City. "Das waren berühmte Künstler, die trotzdem voll in die Gemeinde integriert waren", erzählt Greenberg.
Leuchtende Graffiti, offene Ateliers
Mit dieser Offenheit und dem Miteinander von Kunst und Wohnraum brüste sich die Stadt auch heute noch gerne, um teuren Wohnraum zu verkaufen. In die Planung aber werden die Bewohner nicht mit einbezogen. Das Ehepaar Greenberg hat viel Zeit in den Kampf mit den Stadtplanern investiert. Ironischerweise ist es momentan der schwächelnde US-Immobilienmarkt, der die Modernisierung des Stadtteils noch bremst. Manchmal könne sie sich vorstellen, einfach hinzuschmeißen, sagt Diane.
Kenny Greenberg mag noch nicht aufgeben. Er hofft, dass das Long-Island-City-Gefühl nicht ganz verschwinden wird. "Oft werden auch die Zugezogenen angesteckt. Die treffen ja auch Frank vom Donut-Laden und kommen hier in die Galerie." Seine Frau ist skeptischer, sie hat die gleiche Entwicklung schon in Tribecca und Soho beobachtet, klassische Beispiele gentrifizierter Stadtteile. Mittlerweile glaubt sie nicht mehr daran, dass sie in zehn Jahren noch in Long Island City leben werden.
Noch finden sich an manchen Ecken innovative Kunstprojekte, direkt neben Fabriken und Läden. Direkt gegenüber des Court Square Diner leuchtet das Five-Points-Graffiti-Haus in bunten Farben, das als Spielplatz für diese Kunstform dient. Nur ein paar Straßen weiter liegt "The Space", eine offene Ateliergemeinschaft, die ansässige Künstler unterstützt und umsonst zu besichtigen ist.
Auch das P.S.1 war ursprünglich so konzipiert. Der kleine wilde Bruder des Museum of Modern Art (MoMA) in Manhattan gehört heute zu den ältesten Kunstinstitutionen im Stadtteil, aber auch der USA. 1971 gegründet, ist das P.S.1 in einer alten Schule in der Jackson Avenue beheimatet. Mittlerweile ist der modern designte Betoninnenhof im Sommer eine beliebte Party-Location, angesagte DJs spielen Elektromusik unter den hängenden Gärten.
Momentan läuft im P.S.1 gerade die Ausstellung "Arctic Hysteria" mit moderner finnischer Kunst. "Viele der Künstler hier beschweren sich , dass das P.S.1 keine lokale Kunst mehr unterstützt. Andererseits, wenn sie in Manhattan leben würden, würden ihre Werke auch nicht im MoMA hängen", beschreibt Kenny Greenberg die Gefühlslage der ansässigen Kunstszene.
"Kunst ist doch ein Markt"
Auch die Deitch-Studios, die eigentlich in Soho beheimatet sind, haben gerade eine Zweigstelle hier eröffnet. In einem Fabrikgebäude direkt am Hudson-River-Ufer läuft gerade eine schrille Pop-Art-Ausstellung mit viel Neon und Chrom. Gabrielle Shaw arbeitet seit März in der neuen Galerie. Sie wohnt in Williamsburg, Long Island City kann sich die PR-Studentin nicht leisten. Ob sie ein besonderes Long-Island-City-Gefühl unter den Künstlern ausmachen könne? Sie überlegt, sagt schließlich: "Kunst ist doch ein Markt, keine Gemeinschaft."
Greenberg schüttelt nur den Kopf, wenn er diese Einstellung zu hören bekommt. "Ich schätze mal, Long Island City war schon immer eher die Heimat etwas konservativer Künstler", sagt Greenberg zum Abschied. Manchmal wünsche er sich fast ein wenig frischen Wind in seiner Galerie, "dann könnte ich reinkommen und bewundern, was hier so alles passiert".
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