Von Henning Lohse
Sieht so das Hotel der Zukunft aus? Wuchtig reckt sich der Betonklotz sieben Stockwerke hoch in den Himmel von Paris. Einladend wirkt der Neubau mit seinen Glas- und Stahlelementen nicht. Im Gegenteil. Das 25 Millionen Euro teure Hotel "Mama Shelter" ähnelt einem Bürohochhaus, liegt weit ab vom Schuss am östlichen Rand der Hauptstadt.
Die fatale Außenansicht ist nur der erste Eindruck, und der täuscht. Im Inneren empfängt "Mutterns Zuflucht" seine Gäste mit dicken Teppichen und Pianomusik, Kerzenlicht und Großbildschirmen, Graffiti an den Wänden und einer Lawine technischer Neuerungen.
"Mama Shelter steht für Wärme und Geborgenheit. Unsere Gäste sind hier geschützt wie bei Muttern, das ist ein Unterschlupf, ein Bunker", so versucht der 62-jährige Hotelerfinder Serge Trigano den sonderlichen Namen seines Hauses zu erklären. Sein im Oktober vergangenen Jahres eröffnetes Hotel soll ein Ort der Begegnung sein, der die Gäste "wie ein urbaner Kibbuz aufnimmt".
Und wie in einem Kibbuz ist auch das Personal des "Mama Shelter" jung, außerdem von unterschiedlicher Hautfarbe. Für die meisten ist es der erste Job, sie kommen von der Schule, oder direkt von der Straße. Kellner und Zimmermädchen, fast alle wurden in der direkten Nachbarschaft rekrutiert, einem ärmeren Stadtteil, in dem viele Künstler und Arbeiter wohnen.
In das abgelegene 20. Arrondissement hat sich bisher kein Hotelier mit einem Millionenprojekt getraut. Serge Trigano aber glaubt an die Zukunft des "Mama Shelter". Ein Hotel als soziales Sprungbrett? "Oui, c'est possible", sagt er. Der Außenseiter unter den Managern will es dem Establishment zeigen. "Unsere Leute sind unerfahren, aber hochmotiviert", beschreibt der Patron sein Team. "Man muss schon mal seine Bestellung wiederholen, es passieren Fehler, aber dafür ist es hier authentisch."
Unvergesslich ist etwa der Türsteher im braunen Parka, der so vertieft mit seinen Freunden diskutierte, dass er den Gast erst bemerkte, als die schwere Eingangstür schon wieder ins Schloss fiel. Um die Belegschaft auf Trab zu bringen, hat Trigano dem renommierten Pariser Luxushotel "Plaza Athénée" den Chefconcièrge Jean-Claude Elgaire abgeworben - Pariser Insider waren erstaunt.
Philippe Starck erschafft schwarze Zimmer
Mut und Erfindungsgeist liegen bei Trigano in der Familie. Vater Gilbert hat in den 1950er Jahren den Club Méditerranée mitgegründet. Von ihm übernahm Sohn Serge den Chefposten, doch seine Karriere endete abrupt, als er 1997 vom italienischen Mehrheitsaktionär Agnelli aus dem kriselnden Unternehmen gedrängt wurde.
Vor zehn Jahren hatte Serge Trigano erstmals vom Hotel der Zukunft geträumt. Im Herbst 2008 setzt er dem kritischen Pariser Publikum seinen Bunkerklotz vor: "Viel Komfort zu sehr vernünftigen Preisen, unser Hotel soll sexy und ökologisch sein." Sexy sieht das "Mama Shelter" von außen weiß Gott nicht aus. Zu überlegt und vernünftig wirkt der Kasten, der Außenansicht fehlt Kreativität und die spielerische Lust am Neuen. Innen trumpft das Hotel aber auf. Dabei freut sich Serge Trigano diebisch, mit Philippe Starck einen Weltstar für die Inneneinrichtung gewonnen zu haben.
Im Hotelbunker hat der Meister der Dekoration so richtig zugelangt. Starck hat zwar schon Luxushotels wie das "Meurice" in Paris gestylt, hier aber war von Beginn an dabei. Schwarz, Grau und Weiß sind die dominierenden Farben in den Gängen und Zimmern. Die dunklen Wände und niedrigen Decken sind auf Starcks Weisung mit Graffiti bemalt. Das wirkt zwar extrem düster, aber manche finden es cool. Die Gäste glauben sich eher in New York als in Paris, mit einem Touch "Peace and Love."
Damit die Rechnung aufgeht, wurden 172 Zimmer in dem Hotelklotz untergebracht. Die meisten sind lediglich um die 17 Quadratmeter groß, mit baren Betonwänden. Mit etwas Glück ist eine Nacht im Doppelzimmer für 79 Euro zu haben, allerdings ohne Frühstück, frühzeitig gebucht und nicht mehr stornierbar. Das ist Rekord für ein Drei-Sterne-Hotel, das Tendenz zum Fünf-Sterne-Palast hat. Suiten gibt es auch, in den oberen Etagen. Sie sind maximal 35 Quadratmeter groß, manche mit Terrasse, und kosten ab 209 Euro.
Zwar verfügt jedes Zimmer über einen iMac mit 24-Zoll-Flachbildschirm, der zugleich TV, Radio, CD- und DVD-Spieler ist und Skype und freien Internet-Zugang bietet. Doch der Drang zum Sparen ist sichtbar: Als Nachttischlampe hat Starck einfache Baustellenleuchten an die Wand gehängt, mit venezianischen Karnevals- oder auch "Star Wars"-Masken abgedeckt. Die Badezimmer sind klein, Badewannen gibt es nicht. Auch finden anspruchsvolle Gäste im "Shelter" kein Spa, dafür ist ein Yogaraum im Gespräch: schon lange angekündigt, aber noch nicht installiert.
Auch einen Roomservice sucht man vergebens, "zu aufwendig", erklärt Jeremie Trigano, jüngster Sohn des Hotelerfinders und Marketingdirektor des Hotels. In der Kochecke mit Kühlschrank, Kaffeemaschine und Mikrowelle können sich hungrige Gäste Snacks zubereiten, die in der Eingangshalle im Automaten verkauft werden. Da wirkt die von Trigano verheißene Zukunft der Hotellerie schon sehr automatisiert und ein bisschen trostlos.
"Die Luxushotels mit ihren völlig abgehobenen Zimmerpreisen kann sich heute nur noch eine verschwindend kleine Zahl Privilegierter leisten", sagt Serge Trigano. Fünf-Sterne-Paläste sind für ihn genauso Vergangenheit wie spritschluckende Geländewagen und Urlaubsreisen ans andere Ende der Welt. "Die Zukunft liegt im Städtetourismus. Die Menschen werden für eine Ausstellung in eine andere Stadt reisen, im TGV oder ICE. Und wollen am Ziel komfortabel wohnen."
TV-Nachrichten im Frühstückstisch
Im Erdgeschoss drängeln sich mehrere Bars und ein Restaurant mit groben Holztischen, das den Spagat zwischen rustikaler Gemütlichkeit und hoher Cuisine wagt. Küchenchef Alain Senderens ist einer der Erfinder der Nouvelle Cuisine. 2005 machte er Schlagzeilen, als er nach 28 Jahren seine drei Michelin-Sterne zurückgab, weil die Auflagen der Restaurantkritiker "angemessene Preise für meine Kunden unmöglich" machen. Jetzt arbeitet der Mann mit der weißen Mütze fürs "Mama Shelter", ein Zwei-Gang-Menü zur Mittagszeit wird mit 25 Euro berechnet.
Daneben windet sich ein zwölf Meter langes Esstischungetüm. Morgens Frühstückstreff, am Abend Rendezvous zur Happy Hour. Der Clou: Unter Plexiglas flimmert eine Armada an Bildschirmen, die TV-Nachrichten aus aller Herren Länder zeigen - Tischkommunikation für den urbanen Nomaden!
In Jugendherbergen gab es früher Veranstaltungsbretter, im "Mama Shelter" haben große Spiegel die Rolle übernommen. Sie stehen auf jeder Etage. Die Rezeption listet dort täglich die Kultur- und Spaßangebote der Metropole auf. Tango am Seine-Ufer, avantgardistische Vernissagen und last but not least das Programm der Flèche d'Or. Der Tempel der europäischen Rock-Pop-Szene wird für seine Live-Musik heiß geliebt und ist ein direkter Nachbar des Hotels. Gastierende Künstler wohnen und essen im "Mama Shelter".
"Sexy und ökologisch" wie das Hotel soll auch die urbane Mobilität daherkommen, die das "Mama Shelter" vermittelt: Kleinwagen wie Smart oder Fiat 500 können gemietet werden und Motorroller, darunter auch das berühmte französische Moped Solex in der Elektroversion.
Oder man springt einfach auf den Pariser Stadtbus Nr. 76, der in 15 Minuten das Pariser Marais-Viertel erreicht.
Mama Shelter
109 rue de Bagnolet
75020 Paris
E-Mail: paris @ mamashelter.com
Telefon: +33 (0)1 43 48 48 48
Fax: +33 (0)1 43 48 49 49
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Städtereisen | RSS |
| alles zum Thema Frankreich-Reisen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH