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20.02.2009
 

Karneval für Eingeweihte

Typisch Kölsch!

Von Linus Geschke, Köln

Nordlichter mögen dem jecken Trubel oftmals ratlos gegenüber stehen - dem Kölner ist dies ziemlich schnuppe. In der fünften Jahreszeit feiert er zwischen Karnevalsküssen und Rosenmontagszug, was das Zeug hält: Besucher müssen nur wissen, wo!

Über zwei Millionen Touristen werden zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch wieder in der rheinischen Domstadt einfallen. Die meisten von ihnen versinken im Bermuda-Dreieck zwischen Altstadt, Dom und Rathaus. Dort finden sie alles, was man bundesweit mit Kölner Karneval verbindet: Kölsch, Karnevalslieder und ausgelassene Stimmung - nur keine echten Kölner.

Für die gibt es meist nur eine Variante, den "Fasteleer" richtig zu feiern: In der "Weetschaft op d'r Eck", mitten im "Veedel" und fernab der Touristenströme. Eine größere Variante der Eckkneipe, mehr ein Gasthaus, ist das "Früh im Tutt" im Kölner Stadtteil Neu-Ehrenfeld. Schon bevor das "Tutt" an Weiberfastnacht um 11.11 Uhr die Türen öffnet, drängen sich die wartenden Jecken auf der Straße. Mitten drin die 28-jährige Petra Köster, die im dritten Jahr in Folge hier feiert: "In den Veedelskneipen ist die Stimmung einfach lockerer als in der Innenstadt. Es gibt keine Randale, und man wird auch nicht so blöde angebaggert."

Zwei Stunden später hat der Wahnsinn von dem Wirtshaus Besitz ergriffen. Wo es sonst nach rheinischem Sauerbraten und Schnitzeln duftet, riecht es jetzt nach Bier, Schweiß und purer Lebensfreude. Die Temperatur - vor der Türe nahe dem Gefrierpunkt - erreicht tropische Werte, Kondenswasser läuft die Scheiben herunter. Und die Kellner, in der Domstadt "Köbes" genannt, kommen mit den Bierlieferungen nicht so schnell hinterher, wie durstige Kehlen in geschminkten Gesichtern nach Nachschub verlangen.

Das 1926 eröffnete Haus Tutt hat sich dem Anlass entsprechend herausgeputzt: Die farbenprächtige Deckendekoration, ein glitzernder Himmel aus Blau und Gold, das der Nibelungenhalle nachempfundene Podest und die diversen Accessoires in den Stadtfarben Rot und Weiß sind dennoch lediglich der Rahmen für die Hauptdarsteller des Tages - die Gäste.

Kölsch sein verbindet

Und diese feiern neben dem Karneval vor allem eines - sich selbst. Die Geschwindigkeit, mit der die Stimmungen dabei wechseln, ist atemberaubend und für Außenstehende kaum nachvollziehbar: Wo bei "Superjeile Zick" noch lauthals mitgegröhlt wird, zu "Echte Fründe" Hände klatschend zusammenschlagen, da haben auch Hartgesottene Minuten später Tränen der Melancholie in den Augen, als die Gruppe Bläck Fööss "En unserem Veedel" den Zusammenhalt in der Nachbarschaft besingt.

Alles liegt sich in den Armen, vereint in der Überzeugung, ein Teil von Deutschlands großartigster Stadt zu sein - für den echten Kölner eine ebenso zweifelsfreie Tatsache wie die, dass der 1. FC Köln mit Lukas Podolski wieder in der Champions League mitspielt: "Hey Kölle, du ming Stadt am Ring…"

Karneval ist immer auch ein Teil gelebter Lokalpatriotismus, der sich quer durch alle Generationen zieht. Für Horst Dierkes, den Geschäftsführer der Wirtschaft, gar die "Kultur des kleinen Mannes, die er sich in den Veedelskneipen noch leisten kann. Was sonst nur für Stars möglich ist, kann im Karneval jeder: auftreten und sich feiern lassen."

Und sie feiern alle zusammen: die 20-Jährige mit dem Rentner, die Oma mit dem Enkel. Touristen zieht es dagegen nur selten hier hin, für die als Mechanikerin verkleidete Susanne Bautz ein klarer Vorteil: "In den Kneipen außerhalb der Altstadt sind wir wenigstens nicht die Einzigen, die alle Lieder mitsingen können. Außerdem sind die Läden nicht so überfüllt, hat man noch ein wenig Platz, um sich entfalten zu können."

Kölsch zu sein, das verbindet scheinbar. Bestätigt auch Remzi Somsur, der Besitzer des 1.FC Kiosk direkt um die Ecke. Nichts verabscheut der Fußballfan so sehr wie die Bezeichnung "Deutschtürke", erzählt er schmunzelnd: "In erster Linie bin ich Kölner - alles andere ist zweitrangig." Dann ist er auch schon eingekreist, gefangen zwischen schunkelnden Körpern, aus denen lauthals "Da simmer dabei, dat ist prima, Viva Colonia..." ertönt. Mit dem organisierten Frohsinn einiger großen Sitzungen hat der Karneval hier nur wenig zu tun - eher schon mit einem seelischen Konjunkturprogramm: In Köln hat die Lebenslust Tradition, trotz Bankenkrise, Wirtschaftsrezession und Jobängsten.

Römische Ursprünge und knutschende Piratenbräute

Oberster Wächter aller Traditionen ist das "Festkomitee des Kölner Karnevals 1823 e.V.", ein Verein, unter anderem verantwortlich für die Bestimmung des Dreigestirns aus Prinz, Bauer und Jungfrau sowie für die Ausrichtung des Rosenmontagszugs: ein gut sechs Kilometer langer Lindwurm, der sich durch Kölns Straßen windet und jährlich weit über eine Million Besucher anzieht.

Die karnevalistischen Anfänge jedoch reichen zurück bis in die Römerzeit, in der während des "Fest der Saturnalien" bereits Masken- und Kostümzüge veranstaltet worden, bei denen sich jeder "auf das Lächerlichste verkleiden" sollte und Herren ihre Sklaven bedienten. Hierbei wurde auch ein festlich geschmückter Schiffswagen mitgeführt, der "carrus navalis": Aus diesem Begriff leitete sich dann das Wort Karneval ab, nicht aus dem lateinischen "carne vale" (Fleisch lebe wohl), wie oftmals vermutet. Aber wenn interessieren noch solche Feinheiten, wenn in einer ganzen Stadt der Ausnahmezustand gilt?

Auch wenn es kaum einer offen zugeben mag: Der Karnevalskuss - in der unschuldigen Variante mit geschlossenen Lippen "Bützje" genannt - ist an Weiberfastnacht unter allen Traditionen die beliebteste. Die Vereinigung der Lippen klappt auch über Grenzen hinweg, wenn ein Indianer aus dem rechtsrheinischen Stadtteil Porz die Piratenbraut aus Ehrenfeld küsst.

Warum feiert der Eroberer der Freibeuterin eigentlich nicht in seinem Viertel? "Biste bestusst? Da süht mich nachher noch minge Frau…"

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