Von Burkhard Maria Zimmermann
Draußen auf dem Bordstein ist es nicht so laut, da plaudert es sich viel besser, hast du mal Feuer, na klar, wo gehst du denn heute noch hin, weiß nicht, dann lass uns doch erst mal was trinken, oh ja, sehr gern.
Auch Tom Kuras verbringt diesen Abend in der Park Street, und zwar auf der Bühne - Tom ist Sänger und Gitarrist der Band "Decoys", gerade endet ihr Auftritt im Club "The Cooler". "Decoys" spielen zum Abschluss den Song "Make Believe", und in dem melodischen Stück liegt alles, was englischen Rock so lecker macht: ein Hauch verregneter Melancholie, eine Prise achselzuckender Zuversicht und ein gutes Pfund warmherziger Freundlichkeit.
Macht es dem 17-Jährigen nichts aus, nüchtern zu bleiben, wenn alle um ihn herum feiern? "Nein, es soll ja gut klingen", erklärt Tom gelassen. "Wir räumen jetzt unser Equipment in den Bus, danach ist immer noch Zeit für ein Bier." Tom ist professionell, er nimmt die Musik ernst, zurzeit ist er Schüler bei "Access To Music", der einzigen Musikschule in Bristol.
"Wir haben vor zehn Jahren diese Schule eröffnet, um jungen Menschen eine solide Basis für das Musikgeschäft zu vermitteln", erklärt Dale Fry, 48, einer der Gründer. Geeignete Schulräume fanden sich in einer früheren Farbenfabrik in Hengrove, einem verschlafenen Wohngebiet, wo jetzt Kurse für Tasten- und Saiteninstrumente, Gesang, Studiotechnik und Marketing gegeben werden. Fry begann im Jahr 1999 mit 30 Studenten, heute sind es 270, auf viele von ihnen wartet eine echte Karriere: "Billy Fuller, einer meiner ehemaligen Schüler, spielt heute Gitarre in der Band von Robert Plant", freut Fry sich. "Als ich einmal gesehen habe, wie er live vor 80 000 Leuten gerockt hat, war ich so stolz, dass ich weinen musste."
Am unteren Ende der Park Street steht die Bristol Cathedral, eine imposante gotische Hallenkirche, im 19. Jahrhundert nach mittelalterlichen Plänen fertig gestellt. Es ist Samstagnachmittag, ganz wenige Schäfchen haben sich vor dem Altar zum Evensong eingefunden, einem kurzen Gottesdienst aus Bibellesung und Chorgesang, Reverend Canon Wendy Wilby liest heute Psalm 104. Zum Schluss erheben sich alle gemeinsam, und endlich singt der Chor mit präzise dosierter Kraft "Let All The World In Every Corner Sing", eine Hymne des englischen Komponisten Ralph Vaughan Williams.
Aus dem aufwendig verzierten hölzernen Chorgestühl schwingt sich der Gesang hinauf bis in die Kreuzverstrebungen des Deckengewölbes, und für einen Moment scheint in Bristol diesseits und jenseits der bunt leuchtenden Kirchenfenster nichts zu existieren als der Klang der Musik.
Aus dem "Merian"-Heft "Cornwall"
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