Lüneburg - Jetzt bloß nicht stolpern. Auf Kopfsteinpflaster geht es leicht bergauf, aus einer Senke, unter der in 30 Meter Tiefe pures Salz liegt: das weiße Gold, das Lüneburg im Mittelalter reich machte, dem Händler und Patrizier ihre prächtigen Fachwerk- und Backsteinhäuser verdankten.
Obwohl Jürgen Thies joggt und gleichzeitig redet, kommt der durchtrainierte Stadtführer nicht aus der Puste. Er hat ein halbes Dutzend wissbegieriger Läufer im Schlepptau. In einer Stunde wollen sie die Hansestadt erkunden und nebenbei noch etwas für ihre Fitness tun.
Für das "Sightjogging" interessieren sich außer Touristen vor allem Teilnehmer von Tagungen und Geschäftsleute. Gern liefen die auch schon vor dem Frühstück los, sagt Thies. "Die sind sonst zwei Tage hier und haben von Lüneburg nichts gesehen." Es ist kurz nach 18.30 Uhr, ein Frühlingstag geht zu Ende. Die Abendsonne taucht die liebevoll renovierten Fassaden der westlichen Altstadt in goldenes Licht. Früher war hier das Kleinbürgertum zu Hause. "Ein schönes Ambiente, fast wie im Mittelalter", schwärmt Thies.
Johann Sebastian Bach war hier Chorschüler
Auf dem Balken eines Hauses in der Unteren Ohlingerstraße fällt ein Schriftzug ins Auge: "Herr schütze mich und die hier hausen vor Planern und Kulturbanausen 1991." Das ist eindeutig nicht historisch, sondern die Handschrift des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt (ALA). Diese Bürgerinitiative verhinderte in den sechziger Jahren den Abriss des historischen Lüneburgs und setzt sich weiter für den Erhalt alter Gebäude ein.
Während sich die Läufer schaudernd vorstellen, dass um ein Haar Beton- und Flachdach-Sünden der Innenstadt die Seele geraubt hätten, taucht über den Giebeln der Turm der Michaeliskirche auf. Hier war Johann Sebastian Bach zwei Jahre lang Chorschüler. Vielleicht hat auch er die Eisenbügel in den Hauswänden bemerkt, am Eingang der Gasse "In der Techt".
Zwischen diesen Bügeln spannten die Anwohner im Mittelalter nachts Ketten, um mögliche Angreifer auf ihrem Ritt durch die Stadt zu stoppen. 80 dieser Kettenpunkte zur Verteidigung gab es einst in Lüneburg. "Und oben aus dem ersten Stock haben die Frauen dann Möbel auf die Angreifer heruntergeworfen", erzählt Thies. Jemanden vermöbeln wurde so zum geflügelten Wort.
Die Läufer stehen jetzt vor ihrer ersten Bewährungsprobe: Der Kalkberg, der seinem Namen zum Trotz aus Gips besteht, ist mit gut 55 Metern die höchste Erhebung Lüneburgs. Etwas außer Atem genießt die Gruppe den Blick über die Stadt - wie einst die Landesherren auf ihrer Luniburg, die die selbstbewussten Bürger 1371 zerstörten. Danach musste der Berg als Gipsbruch herhalten. Inzwischen grasen hier Ziegen - zur Landschaftspflege. Das Biotop steht unter Naturschutz.
Locker geht es bergab, zurück ins Senkungsgebiet bis ans "Tor zur Unterwelt" in der Frommestraße. Zwei Torpfosten aus dem 19. Jahrhundert zeigen die Folgen des bis 1980 betriebenen Salzabbaus. Durch die Bewegungen im Erdreich sind die Pfosten bereits 1,20 Meter aufeinander zugewandert. Auf der angrenzenden Brache plant ein Investor moderne Glaskuben. Die Anwohner fürchten, dass sich die Erdbewegungen durch Bauarbeiten weiter verschlimmern könnten. Viele Häuser in der Gegend haben Risse oder müssen gestützt werden. In den vergangenen hundert Jahren musste Lüneburg einige Gebäude sogar abreißen, darunter eine Kirche.
Im nahen Liebesgrund kann nichts die Idylle trüben. An der Befestigung, die einst außerhalb der Stadtmauern lag, tummeln sich wie im Mittelalter die Pärchen. Spaziergänger erfreuen sich an den zwitschernden Vögeln. Von den sechs Stadttoren steht heute keines mehr. Über dem zwölf Meter breiten Rest der eichenbestandenen Stadtmauer läuft die Gruppe wieder in die Altstadt. "Wenn die Stadtmauer noch ganz erhalten wäre, wäre Lüneburg sicher längst Weltkulturerbe", glaubt Thies. Aber noch ziert sich die Unesco.
Daran ändern auch die mutmaßlich ältesten Reihenhäuser Deutschlands nichts. Im Jahr 1558 wurden sie für die bewaffneten Ratsdiener in der Reitenden Dienerstraße gebaut, mit dunklen Klinkerfassaden, Wappen und kunstvoll gedrehten "Tausteinen", einer Lüneburger Erfindung.
"Schwangere Wände" aus Gips
Am Markt umrunden die Läufer das langgestreckte Rathaus. Dessen Backsteine sind 800 Jahre alt - kein deutsches Rathaus ist länger in Betrieb. Gegenüber in der Waagestraße wölbt sich eine Jahrhundertealte Fassade bedrohlich nach außen. Es ist die bekannteste "schwangere Wand" der Stadt, erklärt Thies. "Das ist der Gips vom Kalkberg, zu lange gebrannt, und dann quillt er durch Wärme und Kälte auf wie ein Hefeteig."
An der Nicolaikirche entlang geht es wieder in die Gassen und Straßen der Altstadt mit ihren prächtigen Handelshäusern. Manch schaurige Fratze äugt von einem Renaissanceportal auf die Kultursportler hinab. In der Baumstraße weist Thies auf das Fachwerkhaus mit der Nummer 3 von 1538. Der damalige Hausherr machte seinem Zorn gegen die Katholiken mit derben Schnitzereien Luft: Darunter sind ein Mönch mit einer Weinflasche in der Hand und eine Nonne, die sich entblößt.
Die Läufer joggen weiter, am Wasserviertel vorbei zum Stint, dem früheren Hafen. Heute gibt es hier Kneipen und Restaurants. Ein historischer Holzkran lud einst das Salz in die Ewer. Am Stint steht auch der älteste Wasserturm Deutschlands, der Abtswasserturm von 1530. Er speicherte auch Wasser für die einst 80 Brauereien - eine stolze Zahl für 14.000 Einwohner. Die "Plempe" war beliebt, nicht nur bei den schwitzenden Salzknechten, die in großen Pfannen das Salz aus der Sole sieden mussten.
Auf ein isotonisches Getränk müssen nun auch die Läufer nicht mehr lange warten. Auf dem letzten Stück ihrer sieben Kilometer langen Tour überqueren sie den länglichen Platz am Sande. Hier steht die Johanniskirche, ein Paradebeispiel norddeutscher Backsteingotik. Hier finden sich auch die ältesten Giebel der Stadt, hier trafen sich die Patrizier in Ballsälen zu rauschenden Festen. "Da kann man sich vorstellen, wie vor 500 Jahren die Post abging", sagt Thies und legt ein flottes Tempo vor.
Dirk Averesch, dpa
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