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18.05.2009
 

München

Meine Stadt

5. Teil: Julian Nida-Rümelin - München war nie Dorf

Julian Nida-Rümelin, 54, Ex-Kulturstaatsminister, heute Professor für Philosophie
DPA

Julian Nida-Rümelin, 54, Ex-Kulturstaatsminister, heute Professor für Philosophie

Vor Jahren sah ich in einem New Yorker Reisebüro ein Plakat, das für einen München-Besuch warb. Auf diesem Plakat waren prächtige Brauerei-Rösser und eine blonde vollbusige junge Dame in Tracht zu bewundern. Im weiteren Text war vom "joyful life" die Rede, das man in München genießen könne, dazu noch ein Bild der gelb-leuchtenden Theatinerkirche vor schneebedeckten Alpen und unter strahlend blauem Himmel.

Das ist München für den Besucher eines New Yorker Reisebüros. Für den Berliner kommen das Ärgernis FC Bayern, die schwarze Dauerregentschaft von Strauß, Stoiber oder Seehofer, die teuren Läden an der Maximilianstraße, der schmucke Englische Garten und das schöne Nymphenburger Schloss hinzu. Manche lästern, zu Recht, über die schlecht geparkten teuren Sportwagen an der Maximilianstraße (meist mit Starnberger Kennzeichen), andere über die maßlosen Immobilienpreise. All diese Assoziationen haben zweifellos etwas mit München zu tun. Und dennoch reizen sie mich von jeher zum Widerspruch.

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Mein Vater, ebenfalls Münchner, meinte einmal: "Weißt du, woran man in München einen Preußen zuverlässig erkennt? Daran, dass er unter der Woche in Tracht herumläuft." Es gibt keine autochthone Münchner Tracht. Die Trachten kamen in die Stadt mit den Brauereiarbeitern im 18. und 19. Jahrhundert, also Dörfler vom Oberland, die sich in der Stadt nicht wohlfühlten und die gelegentlich am Wochenende Dorf spielten.

München war lange klein, aber nie Dorf.

Meine Berliner Freunde irritiere ich gelegentlich mit der Nachricht, dass der Ausländeranteil in München fast doppelt so hoch ist wie der in Berlin, dass München die Großstadt ist mit dem höchsten Ausländeranteil in Deutschland. Dass man diesen hohen Ausländeranteil nicht so deutlich merkt wie in vielen Berliner Stadtvierteln, hängt mit einer gelungenen Integrationspolitik der sozialdemokratisch geführten Stadt zusammen.

München ist multikulturell, die Stadt mit dem höchsten Single-Anteil und einer großen Vielfalt von Lebensformen. München ist nicht das traditionelle, konservative Millionendorf.

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