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25.06.2009
 

Köln kriminell

Im Schatten des Doms

Von Linus Geschke, Köln

Unterhalb der Domtürme wurde geraubt, gemordet und Ehebruch begangen: Das katholische Köln war nie so richtig heilig. Eine Führung nimmt Gruselfans mit zu den schaurigsten Schauplätzen kölscher Kriminalgeschichte - zu denen auch die bekannteste Wurstbude der Stadt zählt.

"Genau hier nahm das Unglück vor knapp 450 Jahren seinen Lauf", erzählt Ilona Priebe, "bei einer Rangelei." Die Stadtführerin legt eine dramatische Pause ein, ihr Zeigefinger deutet in Richtung des WDR-Rundfunkgebäudes: "Tillmann Iserhäupt wurde von einem Widersacher am Kopf getroffen, zog sein Schwert und verfolgte den Gegner bis in den Dom hinein, wo dieser Schutz vor der Attacke suchte. Vergeblich - schwer verletzt und blutend überlebte er Iserhäupts Angriff nur knapp."

So etwas wird gar nicht gern gesehen, auch nicht im mittelalterlichen Köln des 16. Jahrhunderts. Bald noch schlimmer als die Tat an sich: Der Dom wurde dadurch entweiht - und in dem Punkt verstehen die Kölner keinen Spaß, weder im Mittelalter noch heute. "Vom Gericht wurde Iserhäupt dann auch zum Tode durch den Strang verurteilt, ihm blieb nur noch eine Chance", die Zuhörer hängen an Priebes Lippen: "Nämlich die, 'freigeheiratet' zu werden. Sollte eine unbescholtene Bürgerin mit ihm die Ehe eingehen, hätte er die Chance auf Begnadigung. Und Iserhäupt schien ein wahrer Herzensbrecher gewesen zu sein - direkt zwei Damen erklärten sich dazu bereit."

Vielleicht war er ein Herzensbrecher, ganz sicher aber war er konsequent: Nach einem Blick auf die heiratswilligen Damen verkündete Iserhäupt, dass er den Tod durch den Strang dem Ehebündnis mit einer der beiden vorziehen würde. So überliefert es das Tagebuch des Kölner Ratsherrn Hermann von Weinsberg aus dem Jahre 1562 - ein Schatz, der den dramatischen Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 fast unversehrt überstanden hat.

Priebe hat ihre Zuhörer im Griff, sie johlen, solche Geschichten kommen an. "Sex&Crime", so nennt sich die zweistündige Führung, oder "Kriminaltour", je nachdem, worauf der Schwerpunkt gelegt wird: Ilona Priebe ist da flexibel, richtet sich nach den Kundenwünschen - für acht Euro pro Person ist man dabei. Rund um die Domtürme, zwischen dem Einkaufsparadies der Hohe Straße und der Kuppel des Hauptbahnhofs, zwischen H&M und einer Reibekuchenbude spielten sich im mittelalterlichen Köln die blutigsten Szenen ab.

Stöhnen aus dem Beichtstuhl

Es geht hundert Meter weiter, hin zu dem alten Hauptportal des Doms, auf dessen rechter Tür die Hand Gottes abgebildet ist. "Wer Ehebruch begangen hat, dem drohte eine entehrende Strafe. Oftmals musste er mit Stein und Kerze in der Hand öffentliche Demütigungen über sich ergehen lassen - wobei der Stein sinnbildlich für Steinigungen war, die Kerze für das Licht Gottes stand." Und warum standen manche dabei vor dem Dom? Priebe wirft dem Fragesteller einen treuherzigen Blick zu: "Ist doch ganz einfach: Die haben halt im Dom Ehebruch begangen!"

Heute zeigen Skateboardfahrer auf der Domplatte ihre Kunststückchen, mit Digitalkameras bewaffnete japanische Touristengruppen sind ihrem Guide auf den Fersen. Auf der Umrandung des Brunnens sitzen an heißen Tagen mit Einkaufstüten beladene Holländer, die ihre Füße ins kühle Nass baumeln lassen. Ein friedliches Bild - und deutlich züchtiger als das, was sich früher hier abspielte.

Meist waren es Pilger, die sich im Bereich der heutigen Domplatte mit Huren vergnügten. Aber auch die Liebesdienerinnen mussten aufpassen: Welche zweimal bei der "Unzucht" erwischt wurde, konnte zum Dienst im "Haus der schönen Frauen" verpflichtet werden, damals so etwas wie ein städtisches Bordell. Zutritt hatten nur unverheiratete Männer, Witwer und Priester. Priester? Auch hier weiß die Führerin die passende Antwort: "Ein Mönch musste die Gelübde der Ehelosigkeit und der Keuschheit ablegen, der Priester nur das der Ehelosigkeit." In dem Punkt ist das Publikum einer Meinung: Manche Dinge ändern sich bis heute nicht.

Doch manchmal war es mit der nicht eingehaltenen Keuschheit nicht getan, wurden Geistliche gar als Mörder verurteilt. So wie Peter Joseph Schäfer, der Pfarrer der Kirche St. Maria in der Kupfergasse, direkt am Appellhofplatz: 1803 schlug er die Schwestern Barbara und Katharina Ritter in der Nähe des Rheins mit einem Weidenknüppel nieder und schlitzte ihnen dann die Kehle durch. In seinem Geständnis gab der Pfarrer an, mit einer der beiden "eine heimliche Ehe" eingegangen zu sein und später die finanziellen Forderungen der Schwestern nicht mehr erfüllen zu können.

Der Dompropst und der Zuhälter

Schlagzeilenträchtig war im Februar 1995 auch der Raub eines Vortragekreuzes aus dem 19. Jahrhundert. Am helllichten Tag, mitten aus der Schatzkammer, das Lieblingskreuz von Kardinal Meisner - man stelle sich das mal vor! Um dem Frevel Einhalt zu gebieten, wandten sich Kirche und Polizei an Heinrich Schäfer, wegen seines imposanten Riechorgans "Schäfers Naas" genannt. Der ungekrönte König der Kölner Unterwelt - aktenkundig unter anderem wegen Körperverletzung, Raub und Zuhälterei - befand dann auch direkt: "Dat jeht nit!"

Und so verkündete "de Naas" via "Bild" und "Kölner Express" dem unbekannten Täter: "Entweder, das Kreuz kommt zurück oder es gibt Ärger!" Eine Drohung, die zog - kurze Zeit später wurde das Kreuz einem Mittelsmann übergeben und fand unbeschädigt den Weg zurück in die Schatzkammer. Auf den Finderlohn von 3000 Mark verzichtete der Unterweltkönig, das Angebot von Dompropst Henrichs, für ihn eine Messe zu lesen, nahm er dagegen mit den Worten "Das tut meiner schwarzen Seele gut" gerne an. Als Schäfer dem Kirchenmann dann gestand, er "hätte da ein paar Pferdchen laufen", gab dieser später an, er habe dies missverstanden: "Ich dachte, der meint die Rennbahn in Weidenpesch."

Priebe könnte noch stundenlang erzählen: Vom Kardinal Frings, der in der Silvesterrede 1946 den Kölner Bürgerinnen und Bürgern quasi seinen Segen zum Klau von Kohle und Essen gab - im Kölner Sprachgebrauch als "fringsen" eingegangen. Von Geköpften, die in der Zeit der Franzosen als Letztes den Dom vor Augen hatten, bevor sie ihren Kopf verloren. Von der Sitte des "Freilaufens" vom Frankenturm zum Severinstor, wo die Einwohner der Stadt mit Knüppeln in den Händen Spalier standen: Wer es bis zur Bäckerei Schmitz Backes schaffte, war frei. Auch daraus ist ein kölsches Sprichwort entstanden: "Du bes och noch nit an Schmitz Backes vorbei." Für alle Anekdötchen rund ums katholische Köln, das nie so richtig heilig war, reicht die Zeit einfach nicht aus.

Stilecht kann man die Tour an der aus dem Kölner "Tatort" bekannten Imbissbude aus dem Jahre 1951 beenden. Im realen Leben findet man diese direkt am Schokoladenmuseum, nur für den Film wird sie auf die andere Rheinseite geschafft: Wenn die Kommissare Ballauf und Schenk sich eine Currywurst gönnen, muss im Hintergrund ja schließlich der Dom zu sehen sein - alles andere wäre in dieser Stadt auch ein Verbrechen.

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