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11.06.2009
 

Kinobustour in Berlin

Nächster Halt Hollywood

Von Christian Schreiber

Die Filmhandlung spielt in Amsterdam, Moskau oder Paris, doch der Zuschauer sieht Berlin: Die deutsche Hauptstadt mausert sich zum Liebling der Location-Scouts. Eine Bustour zeigt Drehorte und jede Menge Filmausschnitte - nur manchmal kann die Realität nicht mit der Fiktion mithalten.

Berlin ist es gewohnt, Double für Schönere und Größere zu sein. Filmemacher ließen hier schon Moskau, Paris oder London auferstehen. So wurde die britische Hauptstadt für "In 80 Tagen um die Welt" auf den Gendarmenmarkt verpflanzt. Der Deutsche Dom mimte dabei die Bank of England und das Schauspielhaus die Royal Academy of Science. Nur beim Big Ben mussten die Berliner Bauwerke passen, der wurde schließlich per Computer ins Bild geschmuggelt. "In 80 Tagen um die Welt" wurde vor sechs Jahren gedreht, jetzt flimmert der Film über die Bildschirme im Bus.

Es ist der Auftakt der "VideobusTour" über die Filmstadt Berlin. In London hätte die Filmcrew kaum einen geeigneten Platz gefunden, den sie zwei Wochen lang in Beschlag nehmen kann. Leichter geht es eben in Berlin. Die Stadt arbeitet sich stetig nach oben in der Liste der Location-Scouts, die überall auf der Welt nach geeigneten Drehorten für Komödien, Actionthriller oder Dramen suchen. In Deutschland hat sie München längst von der Spitze verdrängt. So haben die Veranstalter der filmischen Fahrt die Qual der Wahl und müssen sich auf rund 20 Filme beschränken, aus denen sie Ausschnitte zeigen.

Das Grundprinzip ist das gleiche wie bei jedem anderen Sightseeing-Trip: Der Bus hält vor dem Anschauungsobjekt, und der Mann am Mikro erläutert die wichtigsten Fakten. Doch statt am Gendarmenmarkt beispielsweise etwas über die Architektur von Karl Friedrich Schinkel zu erfahren, lernt der Reisende hier, wie die Schiller-Statue für Filmaufnahmen geschickt verhüllt wurde.

Und noch etwas ist ganz anders: Ständig wechselt der Blick zwischen Original und Illusion, dadurch verschwimmen die Grenzen. Plötzlich scheinen sich die Passanten wie Statisten zu bewegen, und die Filmszenen wirken echter als die Realität. In der Wedekindstraße, wo ein Großteil des Oscar-Gewinners "Das Leben der Anderen" spielt, strahlt die Sonne die bunten Graffiti der Hausfassaden an. Die Filmcrew musste fast täglich neue Schmierereien übermalen, um die Szenerie wieder in tristes DDR-Grau zu verwandeln. Das Original ist enttäuschend und bis zum nächsten Halt schon vergessen.

Von "Lola rennt" bis "Goodbye Lenin"

In "Das Leben der Anderen" immerhin darf Berlin sich selbst spielen. Es ist ja nicht so, dass die Stadt ausschließlich als Double auftritt. Schließlich hat ihre eigene Geschichte so viel Filmreifes zu bieten - auch wenn sie oft betrüblich und düster ist, geht es doch in erster Linie um Krieg und DDR-Vergangenheit.

Der Videobus-Reisende bekommt jede Menge Berlin-Schauplätze parallel in der Realität und auf dem Bildschirm vorgeführt: Zu sehen sind Ausschnitte aus "Herr Lehmann", "Lola rennt" und "Goodbye Lenin". Am interessantesten sind dennoch die Szenen, in denen Berlin eine andere Stadt spielt: Das Berliner Zeughaus macht einen auf Paris, der Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg verkörpert Amsterdam, und der Tiergarten-Tunnel gibt sich für eine Verfolgungsjagd durch Moskau her.

Dabei hat es Berlin doch gar nicht nötig, sich mit Selbstzweifeln herumzuschlagen. Wahrscheinlich ist die deutsche Hauptstadt einfach das bessere Paris, das bessere Amsterdam, das bessere Moskau. Im Film muss ja auch ein Stuntman die Hechtrolle übers Auto machen, weil das der hochbezahlte Star gar nicht kann, und ein Double streckt die Finger für eine Nahaufnahme in die Kamera, damit niemand die abgebissenen Nägel der Diva sieht.

Herr Lehmann und der Schweinebraten

Wer die Film-Tour bucht, fährt mit dem Videobus gegen den Touristenstrom. Die Hotspots hat man ohnehin schon gesehen, hier werden auch Notspots präsentiert. Plätze und Straßen und Häuser, die abseits liegen, aber vielleicht mehr verraten über Berlin und seine Bewohner als so manche Sehenswürdigkeit. Wie beim Stopp mitten in Kreuzberg. Die Gruppe steht vor dem "Weltrestaurant Markthalle", dessen Schweinebraten nationalen Ruhm erlangt hat, seit der Film-Antiheld "Herr Lehmann" hier ein- und ausging.

Es ist keine Touristenkneipe, draußen in der Frühlingssonne sitzen zwei Berliner Gören mit bunten Haaren und stecken sich eine Kippe an zum Cappuccino. Drinnen tischt ein älterer Mann Geschichten auf, die seinen Gegenüber immer wieder zu einem lauten, ungläubigen "Wat? Det glob ick dir nich" veranlassen. Unweit der Kneipe wirbt ein Friseur mit der "schärfsten Schere für den schärfsten Haarschnitt in Berlin", und das Schaufenster daneben preist "Underground-Mode aus der besten Stadt der Welt" an.

Und so wird eine Tour im Videobus zum vergnüglichen Zeitvertreib und Berlin-einmal-anders-Trip, auch für diejenigen, die mit Kino weniger am Hut haben. Die dürfen sich nur nicht vom Beginn abschrecken lassen, einem enorm kniffligen Quiz, bei dem Filmausschnitte erkannt werden sollten. Schon an der zweiten Aufgabe scheiterten alle, auch die Filmfreaks. Keiner wusste, welcher Kinoerfolg auf dem Gendarmenmarkt gedreht wurde.

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