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09.07.2009
 

Pyromusikale in Berlin

Feuerbälle überm Flughafen

Raketen und Feuertöpfe zu Händels Musik: Der Himmel über dem stillgelegten Flughafen Tempelhof wird während der "Pyromusikale" von gigantischen Feuerwerken erleuchtet. Mit einem besonderen Feuerbild wollen die Veranstalter einen Rekord für das Guinness-Buch aufstellen.

Berlin - Leise Töne sind nicht gerade Hans-Georg Kehses Ding. Wenn der 53-Jährige über seine Arbeit spricht, benutzt er mit Vorliebe die Wörter "Wamm", "Pau" und "Krach" und wirft im Takt dazu die Arme in die Luft, um vor dem geistigen Auge seines Gegenübers das Bild eines Feuerwerks entstehen zu lassen. Kehse ist der Initiator und Hauptorganisator der Pyromusikale - eines dreitägigen Festivals für Musik-Feuerwerke von bisher unerreichter Größe. Es findet in diesem Jahr zum ersten Mal statt. Veranstaltungsort ist der stillgelegte Flughafen Tempelhof.

Der Stolz auf "seine" Pyromusikale ist Kehse, der durch Zufall - als Beschäftiger in einem Agrochemie-Handel - seine Leidenschaft für das Feuerwerk entdeckte, mit jedem Wort anzumerken. Er ist aber auch froh, wenn es am Donnerstag endlich losgeht nach der stressigen Vorbereitungszeit - vor allem der Transport der Feuerwerkskörper sei sehr aufwendig gewesen, sagt Kehse.

Am Eröffnungsabend der Pyromusikale präsentiert Kehse selbst außer Konkurrenz ein Feuerwerk zu einem Stück von Georg Friedrich Händel. Der Wettbewerb wiederum besteht aus drei Disziplinen - einem Feuerwerk zu einem extra für den Wettbewerb komponierten Stück, einer freien Kreation, zu der unterschiedliche Solisten improvisieren, sowie einem Feuerwerk zu einem klassischen Titel. Sechs Pyrokünstler aus Italien, Portugal, Kanada, Japan, China und Spanien werden gegeneinander antreten. Eine Besonderheit der Pyromusikale ist, dass die Musik live gespielt wird - unter anderen von den Berliner Symphonikern.

Ein Musik-Feuerwerk sei ungleich komplexer umzusetzen als eines ohne Musik, erklärt Kehse. "Zunächst höre ich mir das ganze Stück an und überlege mir eine Dramaturgie", schildert er seine Vorgehensweise. Danach schreibt er in einer Art Drehbuch auf, an welcher Stelle genau welche Feuerwerksart in welcher Farbe gezündet werden soll.

Acht Stunden Arbeit für eine Minute Feuerwerk

Der Aufwand wird anhand eines Vergleichs greifbar, den Kehse an dieser Stelle anbringt: "In einer Minute Musikfeuerwerk stecken insgesamt etwa acht Stunden Arbeit", sagt er. Der Ablauf wird vor der Veranstaltung programmiert, die Zündungen erfolgen computergesteuert. In der Luft öffnen werden sich Feuerwerke mit einem Durchmesser von bis zu 500 Metern und einer Höhe von 850 Metern. Dabei kommt der größte Feuerwerkskörper aus Japan, er ist 65 Kilogramm schwer und hat einen Durchmesser von 600 Millimetern.

Kehse strebt einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde an: Für das "größte Feuerbild der Welt" sollen etwa 20.000 sogenannte Feuertöpfe innerhalb von fünf Sekunden am Boden gezündet werden und das neue Berlin-Logo entstehen lassen.

Dass die kunstvolle Inszenierung von Raketen, Feuertöpfen und Römischen Lichtern Kehses Passion ist, merkt man, wenn er über die Funktionsweise der Feuerwerkskörper spricht. Als er erklärt, wie sie aufgebaut sind, formt er mit beinahe liebevollem Gesichtsausdruck eine Kuhle mit seinen Händen. In einer solchen Halbkugel aus Papier und Pappe, sagt er, werden die sogenannten Sterne - bestehend aus Schwarzpulver und je nach gewünschter Farbe mit Kupfersulfat, Strontium oder anderen Stoffen vermengt - angeordnet.

"Feuerwerke waren seit jeher Teil der Kulturhistorie", sagt Kehse. "Erst im Bürgertum, als man anfing, Kosten-Nutzen-Rechnungen zu erstellen, wurden sie als Verschwendung angesehen", fügt er hinzu. Als Verschwendung wird das Feuerwerk vielfach auch heute wieder betrachtet. Aber es gibt auch andere Kritik an der Großveranstaltung - zum Beispiel an der Belastung durch Feinstaub. Solcherlei Kritik begegnet Kehse "mit Fakten", wie er sagt. Er habe Gutachten erstellen lassen, mit denen er nachweisen könne, dass die Grenzwerte eingehalten werden.

Naturschützer: Gefahr für brütende Vögel

Der Naturschutzbund (Nabu) Berlin wirft den Veranstaltern zudem vor, Natur- und Artenschutzrecht zu ignorieren. So könnten bei Mäharbeiten, dem Ausheben von Gruben für die Feuerwerkskörper und dem Feuerwerk selbst zahlreiche Vogelgelege zerstört und Tiere getötet werden, bringen die Naturschützer vor. Betroffen seien Feldlerche, Neuntöter und Grauammer, die mitten in der Brutsaison seien.

Sie habe nicht prinzipiell etwas gegen die Veranstaltung, erklärt Nabu-Sprecherin Gertrudis Kinscher. "Wenn man die Pyromusikale in den August verlegt hätte, wäre die Brutzeit vorbei und die Veranstaltung aus unserer Sicht unbedenklich", sagt sie.

Die Veranstalter hätten in einem gemeinsamen Gespräch auch mit den Naturschützern deutlich gemacht, dass die Rasenflächen durch die Aufbauarbeiten nicht geschädigt werden, hält Kehse dem entgegen. Dass Vögel durch das Feuerwerk getötet werden, bestreitet er ebenfalls. Das sei ihm in 28 Jahren nicht einmal passiert.

Ob trotzdem eine Ordnungswidrigkeit vorgelegen hat, will das Amt für Naturschutz nach Angaben der Veranstalter nach der Veranstaltung prüfen.

Jennifer Fraczek, dpp

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