Von Marco Evers, London
Ein Flughafen. Das ist eine Hochsicherheitsanlage aus Beton, Glas, Stahl und Paranoia, wo Massen rastloser Menschen warten. Sie warten beim Einchecken, bei der Security, im Duty Free, in der Lounge. Sie warten auf Anweisungen und auf ihre Koffer, letzteres mitunter vergebens. Einen Flughafen bringt man am besten hinter sich, indem man sein Gehirn auf Autopilot stellt - nichts hören, nichts sehen, einfach durch.
Alain de Botton aber empfindet das ganz anders.
De Botton liebt Terminals. Für ihn sind das magische Orte, an denen sich die Essenz des modernen Lebens Anfang des 21. Jahrhunderts so verdichtet wie nirgendwo. Das Ganzweitweg so nah. Eine Bühne für menschliches Drama und für ganz große Gegensätze. Das Tempo! Die Technik! Wenn sein Flugzeug Verspätung hat, dann freut er sich, dass er noch mehr Zeit hat für den Terminal. Und jetzt lebt er sogar dort. Der Erfolgsschriftsteller ("Die Kunst des Reisens", "Trost der Philosophie") ist seit Dienstag der erste und vielleicht letzte Hausschreiber von Terminal 5 in London-Heathrow, einem der meistbeflogenen Mega-Flughäfen der Welt.
Eine Woche lang gewährte man dem gebürtigen Schweizer überall Zutritt, verschlossene Türen öffneten sich, er durfte hinter jede Glitzerfassade, durfte den gesamten Alltag des Großflughafens ausleuchten, alles anschauen, von den profansten bis zu den geheimsten Orten. Im Eiltempo schreibt de Botton, 39, über seine Erlebnisse ein Buch. Am Morgen des 21. Septembers gibt er es ab, und so wie er es verfasst hat, ohne Zensur oder Korrektur, wird es am Abend des 21. Septembers an Reisende in Heathrow verteilt, Startauflage: 10.000 Stück.
Einblick in den verschlossensten Ort der Welt
Heathrow ist unter Vielfliegern einer der meistgehassten Orte auf Erden. Und um dies zu ändern oder wenigstens ein bisschen Sympathie zu wecken, hat sich die Betreibergesellschaft BAA darauf eingelassen, von einem Schriftsteller heimgesucht zu werden. De Botton darf schreiben, was er will, auch wenn's wehtun sollte. "Eine neue Ära der Offenheit" sei das, lobt der Autor, der früher schon vergeblich versucht hat, über Heathrows öffentliche Räume hinauszukommen. "Dies war der verschlossenste Ort der Welt", sagt er.
Jetzt ist alles seins. So stand er kurz nach 23 Uhr auf einer der zwei Startbahnen von Heathrow. Der letzte Flieger des Abends war gerade eingeschwebt, der Flughafen geschlossen. De Botton lief über den für Menschen normalerweise unbetretbaren Teil der Piste, wo am Tage alle 80 Sekunden das Fahrwerk eines Jets Bodenberührung bekommt. Der Beton hier ist überzogen mit einer festen Schicht abgeriebenen Gummis. Aus dem Gras neben der Piste lugte ein Fuchs hervor, und de Botton ist einer, der an solchen Beobachtungen enormen Spaß hat.
Er sprach mit einer jungen Rumänin aus Transsilvanien, die Musikerin werden will, aber erst einmal besser Englisch lernen möchte. Jetzt arbeitet sie als Putzfrau im First-Class-Bereich, sie ist sehr stolz darauf, wie gut sie saubermachen kann; Engländerinnen könnten das nicht, hat sie de Botton gesagt.
Zwei Etagen unter der First-Class-Lounge hat die Polizei ein Quartier. Wer mit dubiosen Papieren ins Land will, der muss sich hier den Verhören aussetzen, nur Meter vom Champagnerbuffet entfernt.
Wenn er nicht unterwegs ist im Bauch des Molochs, sitzt de Botton im Abflug-Terminal an einem Schreibtisch. Er beobachtet Reisende, das macht er gerne. Und er findet, dass es dazu keinen besseren Ort gibt, denn seltsamerweise fühlten sich die Menschen im Gewusel eines Flughafens vollkommen unbeobachtet. Als leidenschaftlicher Voyeur genießt de Botton die Tränen derer, die gerade Abschied nehmen. Er spricht mit einem Paar, das zu einer letzten gemeinsamen Kreuzfahrt fliegt, denn die Frau hat Krebs im Endstadium.
Der Kofferchef, ein Mann mit Humor
Ein Flughafen, so glaubt de Botton, ist der Ort, an dem sich der Nationalcharakter am ehesten verrät. England ist, anders als Deutschland oder die Schweiz, keine Nation von Ingenieuren oder peniblen Handwerkern. Und so sieht es in T5 abseits der Renomierräume offenbar auch aus, gutmütig improvisiert, menschlich. Selbst in eigentlich hochtechnisierten Räumen schwimmen Zierfische im Aquarium, Teekessel kochen, Poster kleben an den Wänden, entspannte Techniker reißen Witze.
Anders als Amerikaner sind die Engländer auch nicht vernarrt in die Symbole von Macht, Stärke und Gewalt. Im Gegenteil. "Die Sicherheitsleute sind sehr darauf bedacht, nicht zu streng und waffenstarr zu erscheinen", hat de Botton beobachtet. Sie haben Waffen, aber sie zeigen sie so wenig wie möglich. Er traf die beiden Sicherheitschefs eines Flughafenbereichs. Er hatte sie sich vorgestellt als gedrungene Muskelpakete, ehemalige Armeeangehörige vielleicht, doch vor ihm standen zwei junge, attraktive Frauen.
Er war überrascht - und mehr noch, als er feststellte, dass beide "fanatische Krimifans" sind, "besessen von Geschichten über Flughafenkatastrophen" und erfüllt von einem regen Spezialinteresse für die Ereignisse vom 3. Juli 1976, als ein israelisches Kommando in Entebbe ein entführtes Flugzeug der Air France stürmte. Kein Entführer hat überlebt.
De Botton durfte auch den Mann sprechen, der jetzt verantwortlich ist für die Gepäckbeförderung. Er erwies sich als mit Humor gesegnet, und den braucht er wohl auch. Die ganze Welt erging sich im Spott vor anderthalb Jahren, als T5 schon am Tage der Eröffnung nicht in der Lage war, Zehntausende von Koffern mit ihren Eigentümern zusammenzubringen.
Das sei jetzt ganz anders, erläuterte ihm der Kofferchef wacker. Jetzt stünde T5 sogar im internationalen Vergleich ziemlich gut da. Das Problem sei nur: Absolut niemand wolle ihm das glauben.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Städtereisen | RSS |
| alles zum Thema London | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH