Von Marc Pitzke, New York
Es ist eine niedrige Bank, kaum mehr als ein Marmorstein. Sie steht auf einem grünen Hügel in Brooklyn, flankiert von zwei Rhododendronbüschen und zwei Buchsbäumen. Von hier geht der Blick über den East River, jenseits funkelt die Skyline von Lower Manhattan, links erstreckt sich die weite Hafenbucht, im Dunst schimmert die Freiheitsstatue. Vögel trällern.
Die Idylle trügt. Die Bank markiert ein Grab. "Bernstein", steht auf ihr gemeißelt. Wer näher hinschaut, findet im Gras versteckt drei flache Grabsteine. Shirley Anne Bernstein. Felicia Montealegre Bernstein. Leonard Bernstein.
New Yorks berühmtester Komponist und Dirigent ("West Side Story") starb 1990 an einer Lungenentzündung. Er fand seine letzte Ruhestätte auf diesem Hügel in Brooklyn, wo bereits seine Frau Felicia lag und später auch seine Schwester Shirley begraben wurde.
Besucher haben Kiesel und Münzen auf seinen Grabstein gelegt, eine jüdische Tradition. Die Stätte ist in ihrer unprätentiösen Einfachheit eher die Ausnahme hier auf dem bombastischen Green-Wood Cemetery. Auf einem der ältesten, größten Friedhöfe Amerikas versuchen sich die reichen und nicht so reichen New Yorker selbst im Tod noch zu übertrumpfen, mit monumentalen Mausoleen und elaborierten Statuen, fast alle mit Fernblick.
"Wir sind voll"
Bald wird das ein Ende haben: Dem 1838 nach Vorbild des Pariser Prominenten-Friedhofs Père Lachaise eröffneten Green-Wood mit seinen derzeit rund 600.000 Gräbern geht rasant der Platz aus. Die erdigen Kubikmeter können nicht mehr mithalten mit der Sterberate der New Yorker: "Wir sind im Prinzip voll", seufzt Friedshofdirektor Richard Moylan, der die Amtsbezeichnung "Präsident" trägt. "Noch ein oder zwei Jahre, dann ist Schluss, ehrlich."
Dieses Schicksal teilen natürlich alle Friedhöfe. Bei Green-Wood freilich, dessen 13-Millionen-Dollar-Jahresbudget sich aus Grabverkäufen und der Rendite einer Aktienstiftung finanziert, wirft das ein Problem auf. Denn anders als etwa bei deutschen Friedhöfen kennen sie hier keine "gesetzlichen Ruhezeiten", nach denen Gräber recycelt und neu verkauft werden. Wer einmal in Green-Wood liegt, der bleibt liegen, und eines Tages versiegt diese Umsatzquelle.
Mit 193 Hektar ist Green-Wood zugleich aber viermal so groß wie Père Lachaise - eine der letzten massiven Parkflächen der Stadt. Und die erfordert Rund-um-die-Uhr-Unterhalt. Zumal Green-Wood 2006 zum Nationaldenkmal erhoben wurde: Hier liegen Generäle und Großbankiers, Millionäre und Mörder, Erfinder und Entertainer - Geschichte "six feet under".
Deren morschen Monumente wollen täglich gepflegt werden, die Wiesen gemäht, die Wege geharkt. Wer soll das aber fortan bezahlen?
Also hat sich Moylan, ein Freund der schönen Künste, etwas einfallen lassen. Er will Green-Wood in eine Touristenattraktion verwandeln. Mehr noch: zu einem Ausflugsziel und Erholungspark für die verwöhnten New Yorker. Ausstellungen, Events, historische Führungen, selbst die gelegentliche Filmnacht sollen die Leute in diesen romantischen Park in Brooklyn locken, unter dem die Toten mittlerweile dreifach gestapelt liegen.
"Ich freue mich schon", strahlt Moylan über dieses buchstäbliche Tanzen auf den Gräbern. "Wir wollen auch in Zukunft relevant sein."
Das klingt makaber und ist doch völlig nachvollziehbar. Denn Green-Wood ist nicht nur eine kulturhistorische Kostbarkeit, sondern ein seltener Geheimtipp - eine Oase des Friedens in New York. Wer sich einmal an den Gedanken gewöhnt hat, unter Toten zu wandeln, kehrt mit dem Picknickkorb zurück.
Kutschfahrt zu den Gräbern
Neu ist das nicht. In den Jahrzehnten nach seiner Eröffnung war das Gelände mit seinen Wegen, Teichen und Hainen, majestätisch gelegen über der New York Bay, schon mal ein beliebter Treffpunkt für Tagesausflügler. Es gab Kutschfahrten, die Leute besichtigten die Gräber wie Sehenswürdigkeiten. Nur die Niagarafälle lockten mehr Besucher.
"Der Tod", sagt Moylan, "wurde damals noch als Würdigung des Lebens zelebriert." Doch dann änderten sich die Sitten. Sterben wurde zum Tabu und der Friedhof zum Gruselort.
"Weine nicht", steht auf den 32 Meter hohen, neugotischen Eingangstoren. Jedes Mal, wenn eine Trauerprozession hindurchfährt, läutet eine Glocke. Rund 1400-mal im Jahr geschieht das noch, viel seltener als früher, als Green-Wood fast 20 Begräbnisse pro Tag sah. Die meisten "lots" sind längst langfristig vergeben. Voriges Jahr verkauften sich nur noch 232 Gräber, 8000 bis 20.000 Dollar, 2,7 Meter lang, 1,2 Meter breit, Etagenplatz für drei.
Eine Landkarte, die es am Eingang gibt, zeigt, hinter (und unter) welchen Gräbern, Katakomben, Mausoleen und Skulpturen sich die tollsten Geschichten verbergen. Der grobe Index listet 225 nennenswerte Grabstätten, nach Kategorien sortiert: "Morde", "Skandale", "Prominente", "Katastrophen", "Hunde".
Zum Beispiel ein viktorianisches Denkmal aus Terrakotta, Sandstein und Granit unweit der Kapelle, eine Art Domturmspitze, zwölf Meter hoch, mit Wasserspeiern und einem Marmor-Sarkophag. Hier liegt ein Heiliger anderer Art - John Matthews, der Erfinder des Sprudels. Matthews entwarf sein Grab selbst, den Marmor besorgte er sich von den Bildhauern, die an der St. Patrick's Cathedral meißelten.
Am entgegengesetzten Ende Green-Woods ragt ein richtiger Säulentempel auf, ein von einem Engel bewachtes Mausoleum. Dieses mächtige Denkmal gilt dem Hannoveraner Charles Feltman, der mit 14 Jahren in die USA auswanderte. Der Metzger "erfand" den Hot Dog und machte Coney Island zum Vergnügungszentrum.
Ein von Grabsteinen umringter Marmor-Obelisk gedenkt Thomas Freeborn, einem Lotsen, der 1846 mithalf, das Schiff "John Minturn" durch einen Schneesturm gen Hafen zu steuern. Das Schiff brach auseinander, 42 Menschen ertranken. Freeborn, so schrieb die Historikerin Jeannette Rattray, gab seinen Mantel noch der Frau des Kapitäns, "dann erfror er". Die Statue auf der Spitze des Obelisken heißt "Hoffnung".
Jede Ecke birgt neue Namen, neue Anekdoten. Spielzeugbaron F.A.O. Schwarz, ebenfalls ein Deutschstämmiger. Juwelier Charles Tiffany. Morsezeichen-Erfinder Samuel Morse. William Poole ("Bill der Schlächter"), der Gangleader, den Daniel Day-Lewis im Martin-Scorses-Epos "Gangs of New York" spielte. Mafioso Joey Gallo, von Bob Dylan in "Joey" verewigt. Lola Montez, Tänzerin und Geliebte von Ludwig I.
Morbide Kulisse für Familienausflüge
Dazwischen finden sich viele weniger Bekannte, deren Schicksale aber nicht weniger dramatisch waren. Der Pianist Louis Moreau Gottschalk, der 1869 auf der Bühne verstarb, nachdem er ein Opus namens "Morte!!" zu Gehör gebracht hatte. Die Offizierstochter Charlotte Canda, die 1845 an ihrem 17. Geburtstag aus einer Kutsche fiel, woraufhin sich ihr Verlobter das Leben nahm, beide liegen nun nebeneinander. Danny Ortitz, ein Totengräber auf Green-Wood, der 1995 bei einem Motorradunfall umkam, nachdem er, allerdings ohne es zu wissen, sein eigenes Grab geschaufelt hatte.
All das soll nun also die morbide Kulisse für Familienausflüge werden. Schon jetzt gibt es Führungen, Trolley-Rundfahrten, historische "Theme Tours", etwa anlässlich der "Battle of Brooklyn", der ersten und größten Schlacht des Unabhängigkeitskriegs, deren Soldaten hier liegen - und sogar Kino, wie neulich, als sie in der Kapelle ein paar Bürgerkriegsfilme zeigten.
Friedhofschef Moylan - der 1972 als Gärtner in Green-Wood anfing - hat außerdem begonnen, Werke hier beerdigter Künstler anzukaufen. 30 Gemälde und Skulpturen sind es inzwischen, auf Auktionen ersteigert und "kein Stück teurer als 8000 Dollar", versichert Moylan, der sie provisorisch im Verwaltungstrakt ausstellt, wo er in einem riesigen, mit Büchern und Aktenbergen vollgestopften Büro über Green-Wood herrscht. Seine Sammlung umfasst auch eine von John Matthews' Sprudelmaschinen.
Eines Tages, so hofft Moylan, werden sie einen eigenen Galerietrakt bauen - "ein Friedhof mit Museum", aus dem dann irgendwann vielleicht "ein Museum mit Friedhof" werden könnte, ein weltweites Novum wohl. "Dies", sagt er und blickt durchs Fenster über die Gräber, "wird ihnen erst richtige Unsterblichkeit verleihen."
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