Von Stefan Simons, Paris
Gemessen an der Location ist es gewiss der Gipfel der Gastronomie, wenn nicht der lukullische Höhepunkt der Tischkunst: "Haute cuisine" ganz oben, hoch über den Gärten von Paris mit Blick auf Eiffelturm, Seine und die Champs-Elysées. Dazu ein Dîner, zusammengestellt von der Crème der sternetragenden Michelin-Adressen - der Abend in Paris verspricht ein denkwürdiges Erlebnis zu werden.
Nein, es geht nicht um das Dachrestaurant auf dem Tour Montparnasse oder das Panorama von der Bar des "Concorde La Fayette", das sich rühmt, mit 33 Etagen und 137 Metern das höchste Hotel Frankreichs zu sein. Das "Dinner in the Sky" kommt ab Freitag als "außergewöhnliches Ereignis" daher, so die Werbung von "Cuisine Créative", dem Veranstalter.
Das angepriesene "kreative Konzept" besteht dabei in einem Schalensitz an einem Tisch in 50 Meter Höhe, angeflanscht an mächtigen Strängen und verschraubt auf einer Metallplattform. Ein Kranwagen hebt die gutbetuchte 22-köpfige Gemeinde - der Dresscode verlangt feine Abendgarderobe - auf einem Metallgerüst zur luftigen Destination.
Sitzordnung wie in der Sushi-Bar
Angerichtet wird aus der Tischmitte, ein Service zwischen Sushi-Bar und Kantinen-Hock. Vorher ist jedoch Anschnallen angesagt, die Sitze erinnern an die Business-Class bei Air France. Wie im Flieger darf der Gurt während des rund einstündigen Mahls nicht gelöst werden. Auch wenn das Smokinghemd spannen sollte: lieber leiden als einen Absturz aus der gesellschaftlich erstklassigen Höhe zu riskieren.
Mit bodenständiger französischer Feinschmecker-Tradition hat das natürlich wenig zu tun. In Wahrheit geht es eben nicht ums Essen. Das könnte man gemütlicher und besser in den Restaurants der Sterneköche oder Spitzen-Barmixer, die sich und ihren Namen für die Verkostung hergeben.
Dazu gehören die Drei-Sterne-Stars aus Paris und der Provinz und sogar die Profi-Kochmützen aus dem Elysée-Palast, die sonst für Präsident Nicolas Sarkozy und Gattin Carla Bruni die Gala-Menüs zusammenstellen. Der Ruhm hat seinen Preis: Anders als in Berlin, wo ein Kran-Dinner schon ab popeligen 99 Euro angeboten wird, kostet das Abendessen über den Tuilerien zwischen 924 und 1400 Euro.
Im Gegenzug gibt es eine ehrbare Speisefolge, Weine und Champagner inklusive. Der gastronomische Mehrwert besteht freilich in erster Linie in einem zunehmend seltenen Gefühl, das den vermögenden Besuchern in den Touristenschwärmen zwischen Louvre und dem Schloss von Versailles abhanden gekommen ist - Exklusivität. "Der Himmel ist ein Traum, der die Menschheit schon immer fasziniert hat", schwadroniert die Werbung. "Heute wollen die Menschen außerordentliche Erlebnisse, jeder träumt von etwas anderem als sein Nachbar."
Putten über Paris
Damit bei so viel Exklusivität ("The Sky ist the limit") kein schlechtes Gewissen aufkommt, wird ein Teil des teuren Eintritts für wohltätige Zwecke abgezweigt. Auf diese Weise gegen Sozialneid abgeschottet, hat die Firma schon ihr Angebot erweitert: Sie bietet die Tafel für Business-Meetings an oder für verwegene Golf-Gesellschaften, die auf der schwankenden Plattform einlochen wollen.
Und auch für Hochzeiten empfiehlt sich der festlich gedeckte Tisch "in den Wolken mitten unter den Engeln in 50 Meter Höhe". Zum Abschluss darf dann nicht nur der Brautstrauß über Bord gehen, sondern auch die frisch Getrauten - beim Bungee-Sprung gegen Aufpreis.
Schwindelgefühle? Beinahe unmöglich, denn hier sind die umtriebigen Helfer der Firma im Einsatz, die den kulinarischen Drahtseilakt verkaufen als "eine neue Art, ihre Ereignisse höchst denkwürdig zu machen". Für Sicherheit rund um die Tafelrunde, in deren Mitte das kochende Personal agiert, sorgt die Deutsche Industrienorm (DIN 4112), abgenommen ist das Konstrukt einer belgischen Firma vom TÜV Rheinland und in 15 Ländern - "darunter die härtesten, wie USA, Kanada, Australien und Israel".
Nun bitte, zu Tisch über den Tuilerien, es gibt noch Plätze. Man gönnt sich ja sonst nichts.
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