Von Nora Somborn
Eine Frau im schwarzen Pelzmantel zieht ihren schwarzen Mops hinter sich her. Gegenüber vor dem ehemaligen Flora-Theater liegen Schlafsäcke, in die Obdachlose nachts hineinschlüpfen. Ein ganz normaler Tag im Hamburger Schanzenviertel. "Wir wären niemals auf die Idee gekommen, hierhin zu gehen", sagt Rolf Lüddecke. Zusammen mit seiner Frau Ingelore nimmt der Rentner aus Berlin an einer kulinarischen Stadtführung teil. Den Tag zuvor haben sie sich noch das Udo-Jürgens-Musical im Operettenhaus angesehen, jetzt folgen sie der Hamburgerin Edna Scheibe durch Restaurants, Bistros und Konditoreien von Hamburgs linksliberalem Szeneviertel.
Kulinarische Kostproben sollen die Geschichte des Viertels erzählen: In einer kleinen stylischen Patisserie bekommt das Ehepaar Mini-Cupcakes, in einem Fan-Bistro des FC St. Pauli Hamburger Pannfisch und in einem Bio-Restaurant Grünkernbratlinge. "Die Vielfalt ist typisch für das Schanzenviertel", sagt Elke Freimuth, die das Konzept für die Stadtführung nach Hamburg gebracht und die Firma "Eat the world" gegründet hat. "Essen erzählt viel über ein Viertel." sagt sie. Die Idee hat Freimuth aus New York, wo sie an einer ähnlichen Stadtführung teilnahm. Anders als bei der Tour in den USA möchte sie aber besonders kleine Betriebe zeigen, die typisch für ein Viertel sind. "Der Familienbetrieb um die Ecke ist etwas Besonderes geworden."
Ein Thema, das Freimuth besonders interessiert, ist die sogenannte Gentrifizierung: die systematische Sanierung und soziale Umstrukturierung eines Stadtviertels. Das Hamburger Schanzenviertel ist ein Paradebeispiel dafür. Das ehemalige Arbeiterquartier hat sich zu einem hippen Viertel entwickelt. Wo früher noch Walfänger wohnten, Boxer kämpften und Metzger herdenweise Rinder schlachteten, werben heute Medienfirmen um ihre Kunden. Und Kneipen, Cafés und Restaurants reihen sich am Schulterblatt aneinander - der Straße, die einst nach dem Knochen eines Wals benannt wurde.
Szeneviertel im Umbruch
"Jeder möchte in die Schanze", sagt Zaker Homayoun, der seit 2005 ein kleines persisches Bistro im Viertel führt. Er reicht seinen Gästen frischgepressten Saft und Obstsalat. Studenten trinken Kaffee, ein Pärchen frühstückt noch mittags. An einem Tisch sitzt ein Hundetrainer mit seinem Laptop und wertet Trainingsvideos aus. "Hier hat man das Gefühl, stundenlang bleiben zu dürfen", sagt Tourleiterin Edna Scheibe. Ihren Gästen gönnt sie das allerdings nicht. Nur rund zehn bis zwanzig Minuten haben sie Zeit pro Station. "Müssen wir wirklich wieder gehen?", fragt Ingelore Lüddecke enttäuscht.
Draußen ist es kalt. Das Ehepaar Lüddecke folgt der Tourleiterin durch kleine Hinterhofsgassen. Sie sehen die Stelle, an denen Zoo- und Zirkusdirektor Carl Hagenbeck im 19. Jahrhundert seine ersten Völkerschauen abgehalten hat. Und die Straßen, in denen früher Pestkranke abgeschirmt und Verrückte in Holzkisten eingesperrt wurden. Scheibe erzählt auch die Geschichte des ehemaligen Flora-Theaters. 1989 sollte das Gebäude in ein Musicaltheater umgebaut werden. Doch Anwohner, Gewerbetreibende und autonome Gruppen protestierten erfolgreich. Sie hatten Angst, dass die Mietpreise durch ein teures Theater steigen könnten. Seitdem wird das Gebäude besetzt und beherbergt heute das Stadtteilzentrum Rote Flora.
"Gestiegen sind die Mieten dennoch", sagt Edna Scheibe. Viele kleinere Betriebe müssten um ihr Überleben kämpfen. Eine Station der Schlemmertour ist das Hotel und Bio-Restaurant Schanzenstern. Seit fast 20 Jahren verkauft Hermann Oberth hier biologische Lebensmittel und vermietet Zimmer zu moderaten Preisen. "Es ist nicht leicht, ein Bio-Restaurant zu betreiben", sagt er beim Mittagessen mit seinen Gästen. Besonders seit der Mietpreis im vorigen Jahr um fast ein Drittel stieg, müsse er genau kalkulieren. "Wir können biologisches Essen nicht für Preise wie bei McDonald's anbieten." Die Entwicklung des Schanzenviertels betrachtet Oberth kritisch. Viele kleine Läden wie Weinhändler und Buchläden würden von größeren verdrängt. "Es wird immer mehr eine Kneipen- und Touristenmeile."
Kampf der kleinen Betriebe
"Früher oder später werden die großen Ketten kommen", sagt auch Edna Scheibe. Daran könne auch nichts ändern, dass autonome Gruppen bei den alljährlichen Ausschreitungen mit Vorliebe die Fensterscheiben von größeren Betrieben einschlagen. Trotz heftiger Proteste eröffnete im vergangenen Jahr die erste McDonald's-Filiale im Viertel. Im Wasserturm, der Wahrzeichen des Viertels, ist inzwischen ein Vier-Sterne-Hotel untergebracht, und Starkoch Tim Mälzer betreibt sein Restaurant "Bullerei" im alten Schlachthaus.
Nicht weit davon zeigt Edna Scheibe ihren Gästen das kleine portugiesische Café Colmeia. Filipe Correia leitet das Café zusammen mit seiner Mutter Maria, die vor rund 30 Jahren zum Arbeiten nach Deutschland gekommen ist. Sie verkaufen Galão, den portugiesischen Milchkaffee, und Brötchen mit Ziegenkäse.
Im Schanzenviertel gibt es traditionell viele Portugiesen. Wie die Studenten, die in den siebziger Jahren in Massen in die damals noch unsanierten Altbauwohnungen gezogen sind, wurden sie von den niedrigen Mieten angezogen. "Für uns ist diese Stadtführung eine gute Möglichkeit, damit mehr Leute unser Café kennenlernen", sagt Filipe Correia.
Handgemachte Torten
"Man muss schon Insider sein, um all diese Lokale und Cafés zu entdecken", sagt Ingelore Lüddecke. Bei ihren bisherigen Hamburg-Besuchen hat sie sich vor allem die traditionellen Sehenswürdigkeiten in der Innenstadt angesehen. Begeistert ist sie besonders von der Konditorei Rönnfeld in St. Pauli, wo die Tour endet. "Rolf, du möchtest doch bestimmt etwas mit nach Hause nehmen?", fragt sie und lacht. Den kleinen Meisterbetrieb gibt es schon seit 1958, Torten werden hier nach Wunsch angefertigt - sogar vegan, wenn der Kunde es gerne möchte.
Im Viertel ist der Betrieb bekannt, auch bei jungen Kunden. Während Konditorin Birgit Aue ihnen Pralinen anbietet und von dem Betrieb erzählt, gehen die Kunden ein und aus. Ein junges Pärchen kauft Konfekt und ein alter Herr einen Kuchen. Im Vorbeigehen ruft einer: "Das ist die beste Konditorei der Stadt." Aber auch der traditionelle Betrieb hat seine Probleme. "In Deutschland gibt es immer weniger Konditoren", sagt Mitarbeiterin Birgit Aue. Deshalb habe der Betrieb auch keine Azubis, es mache keinen Sinn, Kollegen für die Arbeitslosigkeit auszubilden. "Wir haben auch eine Verantwortung."
Die kulinarischen Stadtführungen gibt es neben Hamburg auch noch in München und Berlin. Für ihr Unternehmen "Eat the world" hat Elke Freimuth vor zwei Jahren ihre sichere Beamtenlaufbahn als Lehrerin an den Nagel gehängt. Die ersten Führungen in ihrer Heimatstadt Berlin hat sie noch allein gemacht. Die Führung durch das Hamburger Schanzenviertel gibt es nun seit November 2009. Weitere Städte in Europa sollen noch dazu kommen. Bis zu 16 Personen können sich für eine Führung im Internet anmelden. Neben Touristen nehmen auch viele Einheimische an den Touren teil.
Auch Rolf und Ingelore Lüddecke wollen daheim in Berlin noch eine weitere Tour mitmachen - obwohl sie schon seit 35 Jahren dort wohnen. "In unserer Stadt kennen wir auch noch nicht alles."
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Gute Frage, St.Pauli und St. Georg muß man auch nicht jeden Tag haben. Für mich hat der Ärger mit der unsäglichen 'Piazza' angefangen, die Anarchos sollten sich mal nützlich machen, einen Bagger klauen und umbauen ;) . [...] mehr...
Tja, aber gibt es Ersatz? mehr...
Die Schanze ist durch, seit Jahren schon. Wer in dem Zusammenhang noch von "Szene" labert, hat keine Ahnung. Dass das Ehepaar X aus B heute zur Fresstour durchs Viertel geschleppt wird, spricht doch Bände. mehr...
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die Autorin einer Freundin ein bischen Unterstützung für ihr nicht ganz so gut laufende Stadtführung gegeben hat? Die drei Leutchen, die da mitlaufen (Ehepaar Lüdekke und die [...] mehr...
ich verkleide mich immer als Hippi und besuche tolle Inn-Läden und trinke dort teure Mischgetränke . Manchmal lese ich sogar die taz und erzähle jungen Damen von meiner Ranch in der Toskana . Die glauben das auch . mehr...
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