Von Carsten Volkery, London
Londons Bürgermeister Boris Johnson hatte immer schon einen Hang zur Übertreibung. "Das ist der Rolls Royce unter den Fahrrädern", sagt der konservative Politiker und tätschelt sein plumpes Gefährt. Dann strampelt er los, im dritten Gang gemächlich eine Runde um den Leicester Square. Johnson ist der prominenteste Hobby-Radler der britischen Hauptstadt, und diese Woche konnte er nach vielen Verzögerungen endlich sein Lieblingsprojekt einweihen.
Rund 5000 Mieträder stehen seit Freitag an 300 festen Standorten in der Londoner Innenstadt bereit. In den nächsten Wochen soll die Zahl auf 6000 steigen. Für ein Pfund am Tag können Londoner und Touristen so viele halbstündige Fahrten damit unternehmen, wie sie möchten. Längere Fahrten kosten mehr, sind aber im Zentrum kaum nötig. Städte wie Paris, Montreal und Barcelona hätten es vorgemacht, sagt Johnson. Es sei "höchste Zeit", dass auch London öffentliche Leihräder anbiete.
Es hatte einige Zweifel gegeben, ob die britischen Radverächter sich für die Idee begeistern könnten. London ist schließlich keine fahrradfreundliche Stadt, es gibt zu wenig Radwege und zu viel Verkehr. Doch die Premiere am Freitag läuft vielversprechend. Um neun Uhr morgens sind bereits die ersten tausend Fahrten absolviert. Einzelne "Docking Stations", wie die speziellen Fahrradständer heißen, sind komplett geleert.
Klemmende Bremsen und Softwarepannen
"Es ist viel besser als U-Bahn fahren", sagt der 43-jährige Kanadier Alain in der Nähe des Britischen Museums. Er kennt das Leihsystem schon aus Montreal. Zusammen mit seinem Freund Dominique ist er für zwei Wochen in London. Vor der Anreise haben sie sich auf der Webseite von Transport of London registriert. Ihre Mitgliedskarte haben sie dann an einem U-Bahnschalter abgeholt und die Räder aus ihrer Verankerung gelöst. Nun radeln sie durch Bloomsbury und sind voll des Lobes. "Es funktioniert hervorragend", sagt Dominique. "Die Fahrradständer sind überall".
Der Tag war mit einiger Spannung erwartet worden. Die Tageszeitung "Guardian" begleitet das Ereignis sogar mit einem Live-Ticker. Es gibt noch einige Kinderkrankheiten - klemmende Bremsen, Softwareprobleme. Auch stört viele, dass die Räder kein Schloss haben, um sie unterwegs kurz anzuschließen. Doch insgesamt stoßen die "Boris Bikes" auf Zustimmung.
Elegant sind die 23 Kilo schweren Kolosse mit der Dreigangschaltung nicht. Sie sollen möglichst lange im öffentlichen Raum überleben, die kanadischen Designer haben daher darauf geachtet, sie diebstahl- und vandalensicher zu machen. Obendrein hat die britische Großbank Barclays 25 der 140 Millionen Pfund Kosten übernommen - und durfte die Räder daher in fahrende Werbetafeln verwandeln. Das aufdringliche blaue Firmenlogo sorgt bislang für die schärfste Kritik. "Es ist eine Schande, dass sie den Stempel von Satan haben", schreibt ein User im Internetforum der Lokalzeitung "Evening Standard".
Gegenüber von der U-Bahnstation am Russell Square steht Helen. Sie ist eine von Dutzenden Helfern, die in den ersten vier Tagen den Leuten erklären sollen, wie das Ausleihen funktioniert. Ein vorbeilaufendes Pärchen fragt, ob sie gleich ein paar Fahrräder mitnehmen könnten. Nein, sagt Helen, das gehe erst in einem Monat. Im Moment können nur Mitglieder, die bereits im Besitz einer Karte sind, ein Fahrrad ausleihen. Rund 12.000 haben sich bisher online registriert, einige tausend ihre Karte aktiviert.
Ende August sollen dann auch die Automaten neben den Fahrradständern funktionieren. Jeder Passant kann sich dann spontan per Kreditkarte ein Ticket mit einem fünfstelligen Code kaufen. Damit lässt sich das Fahrrad auch aufschließen. Die Preise seien "vernünftig", sagt Dominique.
Ziemlich gefährlich auf den Straßen hier
Nun muss sich zeigen, ob Johnsons Vision Wirklichkeit wird. Eine "Fahrrad-Revolution" hat er versprochen. Doch springt der Funke nicht überall gleich schnell über. Neben dem Globe Theatre auf der Southbank etwa stehen am Freitagvormittag noch fast alle Räder in ihren Ständern. Passanten gucken neugierig und gehen um die neue Attraktion herum, aber ans Ausleihen denkt niemand. "Ich würde es nur machen, wenn ich ein Rad direkt vor dem Bahnhof besteigen könnte und es vor der Kunstgalerie dann abstellen könnte", sagt eine ältere Frau, die außerhalb von London wohnt und für einen kurzen Abstecher gekommen ist.
"Ich finde gut, dass sie es machen", sagt Jan, ein junger Holländer, der seit sechs Monaten in London lebt. "Die Engländer fahren allerdings nicht viel Rad. Es ist auch ziemlich gefährlich auf den Straßen hier".
Tatsächlich sind die Straßen eng, und Autofahrer nehmen wenig Rücksicht. Für Touristen ist zudem der Linksverkehr gewöhnungsbedürftig. Auf dem Lenker der Mieträder steht groß die Warnung: "Vorsicht. Achten sie auf links abbiegende Fahrzeuge". Die Stadtverwaltung hat sich jedoch vorgenommen, das Radfahren angenehmer zu machen. Bis 2015 sollen zwölf "Super-Highways" für Radler quer durch die Stadt entstehen. Die ersten beiden hat der Bürgermeister bereits eröffnet. Einziger Schönheitsfehler: Auch sie werden von Barclays gesponsert und sind daher leuchtend blau.
Fahrradfan Johnson ist jedoch fast jedes Mittel recht, um die Infrastruktur zu verbessern und die Leute in den Sattel zu bringen. 1904 seien 20 Prozent aller Fahrten in London mit dem Fahrrad unternommen worden, sagt er. Diese Zahl wolle er wieder erreichen. "Wenn man die Uhr nicht auf 1904 zurückdrehen kann", witzelt der Tory, "was heißt es dann, konservativ zu sein?"
Auf anderen Social Networks posten:
Ich lebe zur Zeit im Artikel mehrmals erwähnten Montreal und kann von den hier so genannten "Bixie-Bikes" nur schwärmen. Man bekommt eine Art USB-Stick zugesendet der für das Ausleihen ausreicht. Der entscheidende [...] mehr...
Das sehe ich auch so. Grundsätzlich auch Glückwunsch an die Londoner zu ihrem Bürgermeister, der hier wahrlich nicht konservativ ist. Jeder Liter Öl, der nicht in die Atmosphäre gejagt wird, ist auch gut für uns alle. mehr...
Zitat: "Auch stört viele, dass die Räder kein Schloss haben, um sie unterwegs kurz anzuschließen" Wie sieht das denn mit der Haftung aus? Also z.B. wenn ich ein solches Fahrrad von der Dockingstation nehme - fahre und [...] mehr...
Ich fahre im Sommer fast jeden Tag von Islington zur Arbeit, es geht schon da ich die Hauptstrassen vermeide. In 2005 bin ich damit angefangen und seit dem sehe erstens immer mehr Radler, und hier und da sind Fahrradwege [...] mehr...
So langsam geht mir das 'Strampeln' in den SpOn Überschriften auf den Sack. Könntet ihr, liebe Schreiber, nicht mal angemessene Begriffe, äquivalent zur Berichterstattung anderer Verkehrsmittel, verwenden? Also entweder 'Mit [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Städtereisen | RSS |
| alles zum Thema London | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH