Von Herman Nilson
Venedig - "Wenn ich ein andres Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig", schwärmte bereits vor über hundert Jahren der Philosoph Friedrich Nietzsche.
Als "gesunkene Königin" hingegen beschrieb der Schriftsteller Thomas Mann die Lagunenstadt im Jahre 1911. Damit führte er auch den drohenden baulichen Verfall vor Augen.
Heute ist die Stadt wegen des häufiger auftretenden Hochwassers tatsächlich weiter gesunken. Doch von der oft beschworenen Untergangsstimmung spürt man im modernen Venedig wenig - trotz der überall sichtbaren bröckelnden Fassaden und verzogenen Gebäude.
Zwar nimmt die Einwohnerzahl ab, weil wegen der hohen Mieten vor allem die jungen Venezianer aufs Festland ziehen. Doch die Touristen aus aller Welt sind der Stadt treu geblieben und spazieren durch die engen, labyrinthartig angelegten Gässchen.
Besonders im zentralen Bezirk San Marco und entlang der Rialtobrücke wird es drangvoll eng - zum Leidwesen der Einheimischen, die beim Einkaufen auf Schritt und Tritt von plötzlich stehen bleibenden, ihre Stadtpläne auseinander faltenden Besuchern behindert werden.
Dem Fremden erschließt sich der Zauber Venedigs erst, wenn er den von Tauben und Touristen dominierten Markusplatz meidet und sich in die äußeren Bezirke der Stadt zurückzieht. Im zwischen Bahnhof, Lagune und Canal Grande gelegenen Viertel Cannaregio lässt sich die zunächst ungewohnte Ruhe der autofreien Stadt ganz ohne Gedränge und Stimmengewirr genießen.
Einheimische treffen sich in den Bars entlang der Fondamenta Ormesini zu "Ombra", dem Glas Wein, und "Cicheti", leckeren Appetithäppchen. Zu den alteingesessenen Bewohnern gehören auch die vielen Katzen, die furchtlos über die Brücken und durch die Gassen spazieren. Für sie ist Venedig das Paradies auf Erden. Denn hier leben sie unbehelligt von ihrem ärgsten Feind, dem Auto.
In Cannaregio befindet sich auch das Ghetto Vecchio. Doch heute ist dieser Teil der Stadt kein eigentlich jüdisches Viertel mehr, denn die etwa 600 Juden wohnen verstreut in allen Bezirken.
Geblieben ist das Restaurant Gam-Gam, wo noch immer koschere Speisen serviert werden. Nicht unweit vom Ghetto, in Nachbarschaft zur Kirche Madonna dell'Orto, liegt das Grand Hotel Dei Dogi. Wer einmal richtig venezianisch residieren möchte, sollte in dem Luxushotel ein Zimmer reservieren.
Das Gebäude beherbergte im 18. Jahrhundert die französische Botschaft. Nach der völligen Restaurierung eröffnete im Juli 1998 das Fünf-Sterne-Hotel seine Pforten. Abseits vom touristischen Betrieb liegt das Haus in ruhiger Lage, mit blühendem Garten und freiem Blick auf die Lagune.
Die hohen, stuckierten Räume mit Kronleuchtern aus Murano-Glas, goldverzierten Betten und Marmorbad lassen erahnen, wie die reichen Dogen im damaligen aristokratischen Gemeinwesen gelebt haben mögen. Zum guten Ruf des Hauses gehört auch die kostenlose Bootsfahrt zum Markusplatz. Der Luxus hat indes seinen Preis: Fürs Doppelzimmer zahlt der Gast je nach Saison zwischen 400 und 520 Mark, für die Präsidentensuite stolze 900 Mark.
Nur wenige Minuten vom Hotel Dei Dogi entfernt liegt die Bootshaltestelle Fondamenta Nuove. Von hier aus gelangt man zu jenen Inseln, auf denen das Leben noch beschaulicher ist, weil weniger von Touristen heimgesucht.
Auf dem Weg nach Murano hält das Vaporetto, das Linienboot, am Cimitero San Michele, dem Insel-Friedhof Venedigs.
Ein leichter Nebel liegt über dem kleinen, mit Zypressen bewachsenen Eiland, wenn man es am frühen Morgen besucht. Schon in Thomas Manns Erzählung "Tod in Venedig" findet der Friedhof Erwähnung, obgleich in wenig einladender Weise. Heute kommen die Touristen vor allem wegen der Gräber des Komponisten Igor Strawinski und des Dichters Ezra Pound.
Die meistens mit Bildern der Verstorbenen dekorierten Grabsteine erzählen so manche Geschichte. Zum Beispiel die des italienischen Nationalschwimmers Amedeo Chimisso, der 19-jährig bei einem Flugzeugabsturz in Bremen ums Leben kam.
Es ist ein Friedhof, der das lebhafte Treiben auf der gegenüberliegenden Hauptinsel für Augenblicke vergessen macht.
Vom Cimitero geht es hinüber nach Murano, der "Insel des Glases". In allen Varianten und Farben, von klassisch bis kitschig, wird hier seit 700 Jahren Venedigs berühmtestes Handwerk, das Murano-Glas, feilgeboten.
An der Fondamenta dei Vetrai, dem Glasbläser-Ufer, sind noch heute die meisten Manufakturen zu finden. Doch ist ein Ausflug nach Murano nicht nur wegen dieses als Souvenir begehrten Schmuckstücks empfehlenswert. Hier findet der Besucher vor allem das "andere", gemütlichere Venedig: Auf den kleinen Kanälen reichen Gemüsehändler von ihren Booten aus frische Carciofi (Artischocken) herüber. Kinder spielen zwischen umherlaufenden Hunden in den Gassen.
In dem Augenblick, wenn das Schiff bei Sonnenuntergang den Hafen von Murano wieder verlässt und übers Meer hinübergleitet in "die Unwahrscheinlichste der Städte" (Thomas Mann), wird dem Reisenden die Musikalität Venedigs offenbar: Wie eine wunderbare Komposition thront die gesunkene Königin in ihrer Lagune, umhüllt vom melodischen Wellenschlag.
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