Von Marc Pitzke, New York
Joan Wile streicht sich durchs Haar, räuspert sich und beginnt. "Warum müssen die guten Zeiten enden?", singt sie zittrig. "Warum müssen Vermieter herzlos sein? Trauer ist heute Tagessuppe." Die Menge, mehrere Dutzend stark, wiegt sich im Takt und summt die verqueren Verse mit. Viele winken mit Margeriten. "Trauer ist heute Tagessuppe."
Früher Abend im New Yorker Meatpacking District. Draußen fegt ein wilder Sturm über das Szeneviertel am Hudson River, Windböen peitschen den Regen quer. Drinnen im Restaurant Florent stehen sie bis dicht an die Wand und den Resopaltresen gedrängt. Selbst im Eingangsvestibül recken sie die Hälse, und ein paar Wetterfeste drücken sich am Fenster die Nasen platt.
Die Liedermacherin Joan Wile, 76, lehnt an der Theke, umringt von ihren Freundinnen, einem Trupp flockenhaariger Ladys. "Granny Peace Brigade" nennen sie sich, die Friedensomas, und in New York sind sie so etwas wie Lokalberühmtheiten, weil sie allwöchentlich auf der Fifth Avenue gegen den Krieg protestieren, mit Postern und selbstverfassten Songs.
Diesmal aber singen sie gegen etwas anderes an - die Zwangsschließung des Florent, eine New Yorker Institution, die 23 Jahre lang rund um die Uhr geöffnet hatte und am Sonntag für immer dichtmachen muss. Die "Grannies" waren Stammgäste, ebenso wie zahllose Prominente und Prostituierte, Milliardäre und Mafiosi, Designer und Drag-Queens. Und nun verabschieden sie sich mit einem letzten Lied: "Farewell Florent".
Florent, benannt nach seinem Besitzer, dem gebürtigen Franzosen Florent Morellet, war der Inbegriff von Downtown, bevor das zum luxussanierten Adjektiv wurde. Es war schick und schräg, familiär und flippig, Absteige und Gourmettreff, Underground und Übermaß. Es machte den Meatpacking District zum Wallfahrtsort für Nachtschwärmer, Stars und Außenseiter aller Art, als hier an der einen Ecke noch rohe Rinderhälften am Bluthaken tropften, an der anderen die Transvestiten Blowjobs offerierten und im Sadomaso-Keller des "Mine Shafts" Unaussprechliches geschah.
Letzte Bastion des alten New York
Heute ist der "Mine Shaft" ein Thai-Restaurant, und statt Transvestiten stöckeln Models übers Kopfsteinpflaster, von einer feinen Modeadresse zur nächsten: Diane von Furstenberg, Alexander McQueen, Stella McCartney. Nur das Florent konnte sich noch halten, doch jetzt hat's auch die letzte Bastion des alten New York erwischt, dank einer Mieterhöhung von 6000 auf 41.670 Dollar. Böse Ironie: Das Florent hat das Viertel ja erst berühmt gemacht - und wird nun zum Opfer eben dieses Ruhms.
Bistro, Coffeeshop, Luncheonette: Das "Flo" trug viele Hüte - kam ganz drauf an, wie spät es war. Doch was den Leuten wohl am besten im Gedächtnis haften wird, sind die Geschichten. Geschichten von denen, die hier um vier Uhr nachts, zwischen Disco und Date, Escargots mit Knoblauchbutter schlurften oder nachmittags zum "High Tea" Zuckerdonuts mampften. Geschichten von Modezaren, Aids-Aktivisten, Club Kids, Strippern und Politikern.
Geschichten wie die von dem Jungen, der eines Samstagnachts 1989 aufs Klo verschwand und da dann tot aufgefunden wurde, Heroinspritze noch im Arm. Sie schafften die Leiche durch den Keller raus, ohne dass die Partygäste oben was mitbekamen. Der Bruder des Toten kam später mal vorbei, um sich persönlich umzuschauen.
Geschichten wie die von Pop-Art-Legende Roy Lichtenstein, der um die Ecke sein Atelier hatte und hier jeden Mittag am selben Tisch ganz hinten vegetarisches Couscous aß. Über dem Tisch hing eine Landkarte von Liechtenstein; Lichtensteins Witwe Dorothy ersteigerte die jetzt bei der Resteauktion, für 25.000 Dollar.
Geschichten von Diana Ross, Bette Midler, Madonna (sie liebte den Ziegenkäsesalat), Keanu Reeves, Johnny Depp, Sarah Jessica Parker, Björk, Amy Winehouse. Und vom Parteichef der US-Demokraten, Howard Dean, der nebst Gattin hier einkehrte, als er noch Gouverneur von Vermont war, und sich per Brief für den "unglaublichen Service" bedankte - und für den Tipp, dass man in der schwulen Cruising-Bar Lure zwei Gassen weiter "keine weißen Schuhe tragen" dürfe.
Pariser Florent baute Arbeiterkneipe um
All diese Geschichten haben einen gemeinsamen Nenner: die schillernde Figur des Florent Morellet, 54. Der war 1978 aus Paris nach New York gekommen. Nach einem kurzen Gastpiel als Restaurantmanager gründete er 1985 seinen eigenen Laden - im Meatpacking District, das Morellet ans alte Les Halles erinnerte und damals noch voller Gay-Kneipen und Sexclubs war, durch die er jede Nacht zog.
In der Gansevoort Street fand er eine Ex-Kneipe für Hafenarbeiter von den nahen Piers, "R&L" prangt deren Name bis heute über der Fassade. Morellet änderte am Interieur wenig: Plastikbar, 75 Sitzplätze, lange, rote Vinylbank. Die Wände schmückte er mit handgefertigten Landkarten und Stadtplänen, denn das war sein erlernter Beruf: Manhattan, São Paulo, Port-au-Prince, Tokio, Lissabon, Havanna. Die Tafeln für Tagesgerichte funktionierte er zu politisch-gesellschaftlichen Parolen um: "Was ist mit Darfur", "Abtreibung jetzt", "Safe Sex".
Das Florent blühte durch Mundpropaganda. Der Trubel vor der Tür war der größte Reiz: fluchende Schlachthof-Trucker, zeternde Nutten, Lederboys im Drogenrausch. Trotzdem (oder gerade?) fühlte man sich, sobald man durch den Plastikvorhang trat, wie zu Hause.
Die Speisekarte war so eklektisch wie die Gästeschaft. Steak, Lachs, Thunfisch, Spiegeleier, Omelettes, Granola, Gazpacho, Nudelsalat, Sandwiches, Burger, Freilandhühnchen, Muscheln, Mousse und Rhabarberkompott mit Walnüssen. Und das alles zu Preisen, die sich jeder leisten konnte.
Das ganze Florent nahm Anteil
So schrieb das Florent die Chronik eines Stadtviertels - und die Chronik von Morellets eigenem Leben. Ein Schild an der Bar zeigte stets eine aktualisierte Nummernreihe: die Anzahl seiner weißen Blutkörperchen, seit er 1987 mit HIV diagnostiziert wurde - ein Jahr, bevor er seinen Freund Daniel Platten "heiratete", der selbst 1994 an Aids starb.
Das ganze Florent nahm Anteil an Morellets Schicksalsschlägen, wie eine Familie - Gäste, Personal, Freunde. Tod und Krankheit. Sein Kampf mit der Drogensucht. Die Entzugskur in Arizona. Und all die Selbsthilfegruppen: die Anonymen Alkoholiker, die Anonymen Sexsüchtigen, die Anonymen Overeaters.
Gemeinsam marschierten sie auf Großdemos: gegen Ronald Reagan, für die Abtreibung, gegen die Verschandelung New Yorks durch Bauunternehmer. Mal kam Cindi Lauper mit, mal Modezar Calvin Klein, den Morellet dazu brachte, gegen einen Glasturm zu protestieren, in dem Klein selbst drei Etagen gekauft hatte.
Doch die Glastürme waren stärker. Aids und der damalige Bürgermeister Rudy Giuliani sorgten dafür, dass Schwule und Sex bald aus dem Meatpacking District verschwanden. Fleischfabriken wurden zu Edelboutiquen. Heute verlangen die Nightclubs 300 Dollar für den Champagner. Hedgefonds-Haie lassen sich in Limousinen zum Dinner im "Pastis" ankarren und verlustieren sich hernach am Dach-Pool des Privatclubs Soho House. Die TV-Serie "Sex and the City" erhob das Viertel endgültig zum Klischeetrend. Dessen jüngste Wucherung: ein Apple Store.
"Fünf Phasen des Sterbens"
Am Anfang zahlte Morellet 1350 Dollar Monatsrente, schließlich waren es 6000 Dollar. Dann berechnete der Vermieter, der New Yorker Immobilienkonzern Lansco, den Wert des Gebäudes auf eine halbe Million Dollar im Jahr - 41.670 Dollar im Monat. Morellet hätte auf allenfalls 18.000 Dollar hochgehen können.
Das Florent verabschiedete sich mit einer Reihe von Partys, die die "fünf Phasen des Sterbens" symbolisierten: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression, Zustimmung. Drag-Queens, Musiker und Performance-Künstler trugen ihre Gedanken bei, laut, leise, schrill, sentimental. Die "Granny Peace Brigade" war mit ihrem "Farewell Florent" für "Depression" zuständig.
Am Sonntag wird das Florent mit einer finalen Riesensause das Zeitliche segnen - am Gay Pride Day. Dazu wird Morellet in seinem Lieblingskostüm anrauschen: Marie Antoinette, als die er jeden Juli das von ihm organisierte Straßenfest "Bastille Day" hier regiert hat.
Die schönsten Memorabilia des "Florent" kann man derweil auf Ebay ersteigern: Stadtpläne, Poster, Fotos, Lampen. Viele Speisekarten sind unterdessen schon verschwunden: Die haben die letzten Gäste einfach mitgehen lassen.
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