10.600 Miet-Vélos Paris startet Fahrrad-Offensive

Auch wenn sich Radfahrer im Pariser Stadtverkehr großen Gefahren aussetzen: Die Regierung fördert die umweltfreundliche Fortbewegung, ab heute stehen mehr als 10.000 Leihräder bereit. Clevere Radler können (fast) kostenlos die Stadt erkunden.


Paris - Im Grunde ihres Herzens lieben die Franzosen das Fahrradfahren. Das sieht man vor allem an der Tour de France und an den leidenschaftlichen Diskussionen, die das Land darüber führt. Als Fortbewegungsmittel im Alltag hat sich das Rad in Frankreich aber nicht wirklich durchgesetzt, schon gar nicht in Paris. In der französischen Hauptstadt erkennt man Fahrradfahrer oft von weitem an der neongelben Weste, die sie zu ihrem Schutz tragen. Ein neuer Service soll nun die Pariser aufs Zweirad bringen: Heute startet der Mietfahrrad-Service Vélib mit mehr als 10.000 Rädern.

Selbstbedienungs-Rad "Vélib": Die Leihräder stehen an 750 Stationen bereit
REUTERS

Selbstbedienungs-Rad "Vélib": Die Leihräder stehen an 750 Stationen bereit

Vélib setzt sich zusammen aus "vélo" und "libre service", und das Selbstbedienungssystem funktioniert ähnlich wie Call-a-Bike in Deutschland. Wer in Paris ein Fahrrad ausleihen will, muss sich zunächst anmelden und seine Kreditkartennummer angeben. Dafür bekommt er gegen Zahlung einer Jahresgebühr eine Magnetkarte, mit der er an jeder der anfangs 750 Vélib-Stationen ein Rad freischalten kann. Zunächst gibt es 10.600 Fahrräder in den 20 Bezirken der Hauptstadt, bis Jahresende sollen es doppelt so viele sein. Zurückgeben kann man die Räder an jeder beliebigen Station.

Verstopfte Straßen, überfüllte Métro

In Paris drängen sich auf einem Gebiet, das kaum größer ist als Berlin, mehr als doppelt so viele Menschen. Allein die Innenstadt hat über zwei Millionen Einwohner. Die Straßen sind fast rund um die Uhr verstopft, Busse und U-Bahnen zum Bersten voll, Parkplätze gibt es sowieso nicht genug. Der sozialistische Bürgermeister Bertrand Delanoë, der seit gut sechs Jahren mit den Grünen regiert, will die Stadt ruhiger und umweltfreundlicher machen. Er hat Tempo-30-Zonen und eine Straßenbahnlinie bauen lassen, lässt verkehrsberuhigte Zonen anlegen und unterstützt natürlich auch Vélib.

Ein "Kampf gegen das Auto" sei das nicht, betonen Mitarbeiter von Delanoë. Die Stadt wolle bloß gegen Umweltbelastungen angehen und eine Alternative bieten. Im Übrigen haben viele Pariser zu Hause gar keinen Platz, um ein eigenes Fahrrad abzustellen. Um die Hauptstadtbewohner zu ködern, ist die erste halbe Stunde mit dem Vélib-Rad kostenlos. Die Preise sind anders als in Deutschland gestaffelt: je länger man ein Rad ausleiht, desto teurer wird es.

"Wenn man ein Fahrrad leiht und vor Ablauf einer halben Stunde zurückgibt und dann ein anderes ausleiht - ist das dann auch umsonst?", wollen ein paar Pariser wissen, die sich an einer Ausleihstation zeigen lassen, wie Vélib funktioniert. "Ganz genau", sagt der Mitarbeiter. "So einfach ist das, damit alle Pariser Fahrradfahren können, auch ein Arbeitsloser." Abgesehen davon, dass ein Arbeitsloser vielleicht nicht unbedingt eine Kreditkarte hat, von der er die 29 Euro Jahresgebühr abbuchen lassen kann. Aber auch wer sich nur ab und zu ein Fahrrad leihen will, kann das für einen Euro am Tag tun - die Gebühr bezahlt er mit Kreditkarte direkt an der Ausleihstation. Damit ist das Angebot auch für Touristen geeignet, um in Paris von einer Sehenswürdigkeit zur anderen zu kommen.

Wenn die Sache einen Haken hat, dann wahrscheinlich den, dass ein durchschnittlicher französischer Autofahrer nicht mit Fahrrädern rechnet. Als es vor Jahren die ersten so genannten Fahrradwege in Paris gab, kam schnell das Wort "Todesstreifen" auf, denn meistens war nur eine schmale Spur auf der Mitte zwischen zwei Boulevards für die Radler reserviert. Mittlerweile gibt es rund 380 Kilometer Fahrradwege in Paris, die auch sicherer am Rande der Straße verlaufen - darüber freuen sich auch die Motorradfahrer, die sich auf den Radwegen am Stau und den Fahrradfahrern vorbeidrängen.

Von Kerstin Löffler, AFP

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