09. Januar 2013, 11:46 Uhr

Stimme der Londoner U-Bahn

Sie ist "Mind the Gap"

Jeder London-Tourist kennt sie: Emma Clarke hat die legendäre "Mind the Gap"-Durchsage aufgenommen. Im Interview gratuliert sie "ihrer" U-Bahn zum 150. Geburtstag - und verrät, wie sie sich einst um ihren Job quasselte.

SPIEGEL ONLINE: Die älteste U-Bahn der Welt, die Londoner Tube, wird diese Woche 150 Jahre alt. Wenn Sie nur einen Satz zum Gratulieren hätten, was würden Sie sagen?

Clarke: Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum - möge es in deinen Tunneln immer rumpeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit 1999 die Stimme hinter "Mind the Gap" und anderen U-Bahn-Durchsagen. Wie kommt man an so einen Job?

Clarke: Das Casting war ein langer Prozess. Der U-Bahn-Betreiber Transport for London brauchte 18 Monate für die Entscheidung, weil er genau die richtige Stimme finden wollte. Sie machten Probeaufnahmen mit drei Männern und drei Frauen und testeten sie in verschiedenen Fokusgruppen mit Passagieren. Meine Stimme wurde als angenehm genug empfunden, um jeden Tag gehört zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Damals gab es Berichte, die neue Stimme der Underground sei Marilyn Monroe.

Clarke: Da ist jemandem in der britischen Presse die Phantasie durchgegangen! Transport for London hatte jedem der sechs Bewerber einen Codenamen gegeben. Meiner war Marilyn. Ich bin sicher, das hat in den Fokusgruppen geholfen. Hätte ich Gertrud geheißen, wer weiß, ob ich gewonnen hätte. Menschen hören generell lieber Frauen- als Männerstimmen, weil sie weicher klingen. Studien zeigen, dass sie bei einer Frau aufmerksamer zuhören und mehr Informationen aufnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in den neunziger Jahren eine Weile in London gelebt, wohnen nun aber in der Grafschaft Cheshire in Nordengland. Wie oft benutzen Sie die Tube noch?

Clarke: Sehr selten. Wenn ich für einen Job nach London komme, nehme ich manchmal die Northern Line vom Bahnhof in Euston.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das, wenn Sie Ihre eigene Stimme aus den Lautsprechern hören?

Clarke: Zum Glück sind die Durchsagen in der Northern Line von einem anderen Sprecher. Es gibt verschiedene Stimmen in der U-Bahn. Ich vermeide es, meine Stimme zu hören, wenn es geht. Es gibt nichts Schlimmeres, als morgens von der eigenen Stimme in einer Radiowerbung geweckt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: 2007 haben Sie mit einigen für Aufregung gesorgt. In einem Audio-Clip haben Sie einen Passagier aufgefordert, nicht auf die Brüste der Frau gegenüber zu starren.

Clarke: Die Clips wurden viel heruntergeladen und waren bald ziemlich bekannt. Die meisten Leute haben verstanden, dass es sich um einen Spaß handelte. Aber die "Mail on Sunday" schrieb damals, dass ich die Tube und ihre Passagiere hasste. Danach wurde ich vier Wochen lang von Medien aus aller Welt verfolgt. Es war die bizarrste Zeit meines Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Transport for London beendete damals das Arbeitsverhältnis.

Clarke: Ich habe seitdem keine neuen Durchsagen mehr aufgenommen, aber die alten werden weiterhin benutzt.

SPIEGEL ONLINE: In einer der Witz-Durchsagen erklären Sie "unseren amerikanischen Urlauberfreunden", dass sie sich wahrscheinlich wieder mal einen Tick zu laut im Waggon unterhielten. Wie kam das auf der anderen Seite des Atlantiks an?

Clarke: Alle, mit denen ich in Amerika gesprochen habe, fanden das lustig. Sie haben einen guten Sinn für Humor. Nur aus Texas habe ich Hass-Mails bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie deutschen Touristen in der Tube sagen?

Clarke: Sie brauchen wahrscheinlich gar keine Durchsagen. Sie sind so effizient, dass sie gut allein klarkommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Warnung "Mind the Gap" wurde 1969 in der Underground eingeführt. Jetzt steht der Satz auf Postern und T-Shirts in allen möglichen Ländern. Warum ist er so legendär geworden?

Clarke: Es ist ein sehr einfacher Satz, den jeder verstehen kann. Und er steht für London, einen Ort, den Menschen überall faszinierend und aufregend finden. Die Tube nimmt einen besonderen Platz im Herzen vieler Menschen ein.

SPIEGEL ONLINE: Was genau lieben ausländische Touristen an der Londoner U-Bahn?

Clarke: Sie ist aufregend, sie ist schnell, sie hat diese großartigen historischen Tunnel. Und die Karte mit dem Streckennetz ist ein Kunstwerk. Wie kann man sie nicht lieben?

Das Interview führte Carsten Volkery


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