Anting German Town: Chinas deutsche Geisterstadt

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Fachwerk und Mittelalter-Kitsch wollten die Chinesen, doch ein Frankfurter Architekturbüro wusste es besser und klotzte eine typisch deutsche Neubausiedlung in einen Vorort von Shanghai. Jetzt will niemand hier wohnen - und sogar das jährliche Oktoberfest fällt aus.

Anting German Town in China: Isolierverglasung statt Schwarzwald-Romantik Fotos
Xifan Yang

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Goethe posiert im Frack und mit Lorbeerkranz, Schiller trägt Gehrock und hält eine Schriftrolle in der Hand. Stolz wachen die beiden Bronzefiguren über den Platz, der von hohen Bäumen umgeben und mit Kopfsteinpflaster ausgelegt ist. "Ständig werde ich von Passanten gefragt, wer diese beiden Herren sind", sagt ein Café-Besitzer, der an einem brütend heißen Spätsommertag auf Kundschaft wartet. "Muss man die kennen?"

Deutschlands größte Dichter sind hier Zeugen einer fremden Welt. Denn der Platz, auf dem sie stehen, befindet sich nicht in Weimar oder Heidelberg, sondern in einem Vorort von Shanghai. Anting German Town, 30 Kilometer von Chinas Wirtschaftsmetropole entfernt, ist eine typisch deutsche Wohnsiedlung, die ins Reich der Mitte verpflanzt wurde. Ein Experiment. Besonders lebendig wirkt der Retorten-Vorort jedoch nicht.

Es ist gespenstisch still auf den Straßen, ein Wachmann sitzt gelangweilt in seinem Häuschen. "For Sale" steht auf vergilbten Immobilienaushängen, viele Geschäfte sind verlassen, die Türen verbarrikadiert. Die Postfiliale ist fertig eingerichtet, wurde aber nie eröffnet. Auf dem Briefkasten steht "Leerung einmal täglich", doch man sollte sich hüten, seine Post hineinzuwerfen: Bis heute wurde er nicht in Betrieb genommen. Würde sich die Szene in einem Western abspielen, würde jetzt ein Steppenläufer durchs Bild rollen.

Anting German Town aber ist eine reale Geisterstadt. Der Ortsteil sieht aus wie ein Neubaugebiet in Stuttgart oder Kassel: drei- bis fünfgeschossige Häuser im Bauhaus-Stil, schlichte Fassaden in Orange und Limonengrün, Innenhöfe mit Stauden und Bäumen. Ein Quadratkilometer Fläche ist bislang bebaut, mehr als fünf Quadratkilometer sollen es werden.

Isolierverglasung statt Schwarzwald-Romantik

Entworfen wurde das Viertel 2001 von Stadtplanern des Frankfurter Architektenbüros Albert Speer & Partner. Es liegt einige Kilometer weit entfernt von dem alten Stadtkern Antings, einer belebten Satellitenstadt von Shanghai voller gesichtsloser Hochhäuser. In unmittelbarer Nähe befindet sich die Automobile City, zu der unter anderem das chinesische VW-Werk, Fabriken von Zuliefererfirmen, Forschungseinrichtungen und Shanghais Formel-1-Strecke gehören.

Stadt-Imitate nach europäischem Vorbild sind in China in Mode. Allein im Umland von Shanghai gibt es mehrere davon, unter anderem Thames Town, eine viktorianisch anmutende Kleinstadt mit roten Telefonhäuschen auf der Straße, und Holland Town, wo neben schmalen Backsteinhäuschen eine obligatorische Windmühle steht. In Südchina soll demnächst Hashitate entstehen, eine 1:1-Kopie des österreichischen Weltkulturerbe-Dorfs Hallstatt.

Auch in Anting hatten die chinesischen Auftraggeber anfangs ein Klischee-Deutschland im Sinn, mit Fachwerkhäusern und Torbögen. Schließlich gelang es den deutschen Architekten, die Stadtregierung davon zu überzeugen, eine Modellsiedlung zu bauen, die nicht das rustikale, sondern das moderne, ökologische Deutschland repräsentiert: Isolierverglasung und Zentralheizung statt Schwarzwald-Romantik.

Das Problem: Wohnen will hier nun kaum einer. 50.000 Menschen sollten in Anting leben, das war der Plan. "Die Stadt hätte schon 2008 komplett fertig sein sollen", sagt Johannes Dell, Chef des Speer-Büros in China. Doch heute steht gerade mal der erste Bauabschnitt. Abends sieht man kaum Licht in den Häusern brennen. Obwohl die Betreibergesellschaft betont, dass die meisten Wohnungen verkauft sind, schätzen Stadtplaner, dass nur jede fünfte Immobilie tatsächlich bewohnt wird.

Von deutscher Kultur fehlt in Anting jede Spur. Das jährliche Oktoberfest, zu dem früher eigens deutsche Bands angereist sind, ist gestrichen worden. Auch eine deutsche Kneipe und eine Bäckerei sind weggezogen. Der Betreiber des "Wirtshauses", des einzigen deutschen Restaurants in der Umgebung, wohnt zwar in der Neubausiedlung. Sein Lokal betreibt er aber lieber im alten Stadtteil: "Dort ist mehr los."

Ein Viertel "wie ein Fremdkörper"

Das weiß auch Yu X. Die kleine Frau ist Immobilienmaklerin in Anting - und hat nicht viel zu tun. Zeit für eine kleine Stadtführung ist daher reichlich. Mit energischen Schritten schreitet sie durch die Straßen, führt in ein Wohnhaus, das noch immer wie ein Rohbau wirkt.

Der Schlüssel klemmt. Nur mit Mühe bekommt Yu die Tür auf. Dahinter: nackter Beton, unverlegte Rohre, Spinnweben. Es riecht ungesund, nach Baustelle und Chemie. "Unmöglich zu verkaufen", sagt Yu. "Diese Wohnung hat seit Jahren keiner mehr betreten." Dann erklärt sie, warum: Die Fenster weisen nach Osten und nach Westen. Chinesen bevorzugen aber Wohnungen mit Nord-Süd-Ausrichtung, wegen des besseren Feng-Shui.

Niemand kennt sich hier so gut aus wie Yu, sagen die Leute. Die 52-Jährige zählt zu den ersten Bewohnern der Stadt, sie arbeitete eine Zeitlang in der Einwohnermeldestelle und engagiert sich heute in der Nachbarschaft.

2006 zog sie nach Anting, kurz nachdem die ersten Häuser standen. "Die Wohnungspreise waren vergleichsweise günstig", sagt sie, "und die Umgebung hier ist schön." In Anting gibt es keine Mauern und Stacheldraht, wie sie in chinesischen Neubaugebieten üblich sind, dafür Grünanlagen, Kanäle und kleine Teiche.

"Wir wollten die Monotonie durchbrechen, die viele Städte in China prägt", sagt Architekt Johannes Dell. Mit "missionarischem Eifer" wollte man Transparenz und Offenheit schaffen - was man an den großen Innenhöfen und breiten Alleen sieht. Heute muss er aber ernüchtert feststellen: "Die Chinesen hatten gar kein Interesse daran."

"Management-Desaster" und Verkehrsrowdys

Wang Zhijun, Stadtplaner von der Tonji-Universität Shanghai, lobt das Konzept der Deutschen als ästhetisch und "wohldurchdacht" - in der Theorie. In der Praxis scheitere die Stadt an der mangelhaften Infrastruktur: Letztes Jahr wurde die neue S-Bahn-Station eröffnet, allerdings im alten Stadtkern von Anting. Von dort aus führt nur eine Straße nach German Town. Die Neubausiedlung liegt abgelegen, umgeben von Industrie- und Brachflächen. Zum Rest der Stadt verhält sie sich "wie ein Fremdkörper", sagt Wang.

Fünf Jahre, nachdem die Ersten eingezogen sind, türmen sich vor dem überdimensionalen Einkaufszentrum in der Stadtmitte Bauschutt und Geröll, das Gebäude selbst steht leer. Dafür grenzt es - sehr deutsch - an einen Rathausplatz mit einer Kirche im Bauhaus-Stil, mit Turm und Schiff aus hellgrauem Beton. Für Stadtplaner Wang wurden hier die falschen Prioritäten gesetzt: "Wer braucht eine Kirche, wenn es nicht mal Schule und Krankenhaus gibt?"

Man sei damals "unerfahren im China-Geschäft" gewesen, räumt Johannes Dell ein. Die Chinesen hätten immer wieder versprochen, die nötige Infrastruktur bereitzustellen, passiert sei nichts. Inzwischen spricht er unverblümt von einem "Management-Desaster".

Was das für die Anwohner bedeutet, erklärt Maklerin Yu X. Auf der Straße stapeln sich Müllsäcke neben Abfalleimern, die tagelang nicht geleert werden. Anfangs habe es viele Fische im Kanal gegeben, seit Imbisslokale aber ungestraft ihr Abwasser hineinleiten, ist das Kanalwasser grün.

Yu und andere Nachbarn haben sich unzählige Male bei der Verwaltungsfirma beschwert. Vergeblich. Die Gründung einer Anwohnervereinigung will die Gemeinde bis heute nicht genehmigen. Ein weiteres Ärgernis: Das Grundstück, auf dem irgendwann der zweite Bauabschnitt errichtet werden soll, wird derzeit als Parkplatz für Neuwagen aus dem angrenzenden VW-Werk genutzt. Jeden Tag rasen VW-Mitarbeiter mit über 100 km/h durch die Straßen, erzählt Yu. "Solange aber noch keiner überfahren wurde, wird niemand etwas dagegen unternehmen."

Architekt Dell gibt sich zwangsoptimistisch. Früher oder später werden die Menschen nach Anting German Town ziehen, sagt er, schon weil die Immobilienpreise in der Shanghaier Innenstadt unbezahlbar geworden seien. Anting sei aber von vorneherein ein Missverständnis gewesen: "Die Chinesen wollten gar keine deutsche Stadt. Die wollten nur eine Stadt, die aussieht wie eine deutsche Stadt." Aufträge für ähnliche Modellstädte würde das Speer-Büro heute nicht mehr annehmen, sagt Dell.

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insgesamt 211 Beiträge
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1. geil...
spargel_tarzan 07.10.2011
so baut man häuser wenn man nichts begriffen hat...
2. Charakterlos
fucus-wakame 07.10.2011
Deutschland und Sauerkraut (bayrische Gemütlichkeit) passt gut ins Bild. Genau so wie das MIttelalter. Aber diese Planstadt ist langweilig. Ohne Charisma, ohne Leben, ohne Charakter.
3. Warum bauen Deutsche in China nicht einfach das was Chinesen haben wollen
blob123y 07.10.2011
und nicht das was Deutsche glauben Chinesen wollen haben ?
4. Huch! Na sowas. Titel futsch.
Daniel 1956 07.10.2011
"Fachwerk und Mittelalter-Kitsch" ??? Um alte Fachwerkgebäude und mittelalterliche Innenstädte zu erhalten, gibt man in Deutschland Unsummen aus. Unter anderem, weil man es satt hat, in "modernen", seelenlosen Städten zu leben und schon viel zu viel alte Bausubstanz dem Wahn bauhausverdorbener Architekten zu Opfer gefallen ist. Es handelt sich also beileibe nicht nur um Müll und Kitsch und auch dem gemeinen Chinesen scheint "Fachwerk und Mittelalter-Kitsch" besser zu gefallen. Sonst wäre das "moderne" Ensemble keine Geisterstadt.
5. 5 Zimmer, Küche, Bad? Nicht in Asien!
dr_seltsam 07.10.2011
Solche Misserfolge sieht man in Asien immer wieder. Hauptgrund: Keine Ahnung von der asiatischen Kultur. Viele Menschen scheinen zu glauben, andere Kultur seien andere Sprache, anderes Aussehen und andere Gewohnheiten. Doch das ist viel zu kurz gedacht. Kultur fängt bereits beim Toilettenbesuch an. Der wesentliche Unterschied liegt in den Denkmustern, der Art, wie Menschen miteinander kommunizieren, an Probleme herangehen. Wer in einen anderen Kulturraum expandiert, sollte sich vorher die Mühe machen und sich umfassend beraten lassen. Und vor allem zuhören! Neunmalkluges europäisches Auftreten ist hier fehl am Platz. In diesem Fall wäre es genau der mittelalterliche Kitsch gewesen, der die Menschen angesprochen hätte. Da kommen die frischvermählten Paare dann ganz von selbst für ihre Fotosessions.
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