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Auswanderer-Paradies Kapstadt: Mallorca an Afrikas Südspitze

Von Harald Stutte

Deutsch ist in Kapstadts Straßen allgegenwärtig - 30.000 deutsche Auswanderer leben dauerhaft dort, viele andere kommen für ein paar Wochen im Jahr. Ein Lehrer, eine Landschaftsarchitektin und eine Hotelbesitzerin haben den Sprung gewagt - sie fanden eine erstaunlich europäische Stadt vor.

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Ruth Rupprecht hat am Kap von Südafrika eine neue Heimat gefunden. Anfang 2006 verließ die Landschaftsarchitektin die bayerische Oberpfalz, um ihren neuen Lebensmittelpunkt nach Kapstadt zu verlegen. Sie reiste in ein Land aus, das sie schon kannte, denn zuvor hatte sie dort ein Semester studiert. "Dass ich hierher zurückkommen würde, stand für mich fest", sagt die 29-Jährige.

"Mother City" nennen die Kapstädter ihre Stadt. Inzwischen hat die Mutter aller Städte am Südzipfel Afrikas auch eine große Zahl Kinder deutscher Herkunft. Etwa 30.000 Deutsche, so wird am Deutschen Generalkonsulat geschätzt, leben inzwischen dauerhaft am Fuße von Tafelberg, Löwenkopf und Signalberg. Hinzu kommen etwa 100.000 Bundesbürger, die sich hier zeitweise aufhalten, beispielsweise an Afrikas Südspitze ihren Zweitwohnsitz haben.

"Mallorcisierung" nennen böse Zungen das, denn ähnlich wie auf der Baleareninsel (dort leben 60.000 Deutsche) ist Deutsch auf Kapstadts Straßen allgegenwärtig. Und die Anziehungskraft, welche die wahrscheinlich schönste Stadt Afrikas auf Deutsche ausübt, ist nach wie vor groß - allen Meldungen über Kriminalität, politische Unsicherheit oder steigende Preise zum Trotz.

Für Ruth Rupprecht hat sich nach ihrer Auswanderung beruflich und privat eine neue Welt geöffnet. In Hotels und bei privaten Grundstückseigentümern gestaltet sie Gärten, könnte inzwischen sogar mehr Auftraggeber haben, als sie allein schafft. Doch wichtiger ist ihr, dass die Arbeit nicht das Leben diktiert und eine gehörige Portion Freiraum bleibt.

"Es ist toll in diesem Klima, ohne die europäische Enge und idiotische Restriktionen als Landschaftsgärtner zu arbeiten", sagt sie. Doch es ist nicht nur die Arbeit, die sie hier begeistert. "Als leidenschaftliche Motorradfahrerin ist das hier ein Paradies für mich", sagt Ruth, und schwärmt von Traumstraßen, die sich am Meer entlangschlängeln. Und dann fällt ihr doch noch ein, was sie hier vermisst: "Harribo-Gummibärchen, die fehlen mir wirklich..."

"Die Stadt ist erstaunlich europäisch"

Den Traum, an Afrikas Südspitze zu leben - Hermann Battenberg hatte ihn nie. "Südafrika war ein weißer Fleck auf meiner Landkarte", sagt er. Doch dann ereilte den Lehrer ein Ruf der Zentralstelle für Auslandsschulwesen in Köln. Mit seinen Erfahrungen an zwei der weltweit 117 deutschen Auslandsschulen in Tokio (acht Jahre) und Hongkong (drei Jahre) schien der 55-jährige Berliner prädestiniert zu sein, die Leitung der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt zu übernehmen. "Ich habe mich bei vielen Leuten umgehört wie es denn sei, das Leben in Kapstadt. Und ich habe ausschließlich Gutes gehört", begründet er seine Ad-hoc-Entscheidung vor einem Jahr, ans Kap zu ziehen.

"Bereut habe ich noch keinen Tag", sagt Battenberg, denn "die Stadt ist erstaunlich europäisch. Würde man nach Barcelona ziehen, wäre die Umstellung größer." Die Schülerzahlen sprechen eine eigene Sprache für die Popularität der Stadt: 745 Schüler absolvierten den letzten Jahrgang - Rekord seit der Schulgründung vor 125 Jahren! Jedes Jahr nimmt die Zahl der aufgenommenen Schüler zu. Mit umgerechnet knapp 2000 Euro Schulgeld im Jahr ist die Bildungseinrichtung - immerhin eine der zehn angesehensten Privatschulen der Region Western Cape - vergleichsweise preiswert.

Cheryl Pooth profitiert vom Zuzug der Europäer ans Kap. Die Juristin - sie studierte in Deutschland und Südafrika - hat eine Agentur gegründet. Sie hilft Ausländern, vor allem Deutschen, die sich hier niederlassen wollen - natürlich gegen Bares. Sie ist eine Brückenbauerin in die künftige Heimat. Denn die Vorstellungen der Ausreisewilligen, angespornt durch TV-Serien wie "Mein neues Leben" oder "Die Auswanderer", sind oft unrealistisch.

Cheryl erklärt, dass es verschiedene Wege gibt, am Tafelberg heimisch zu werden. Wer bereit ist, in Südafrika umgerechnet 250.0000 Euro zu investieren oder einen gesuchten Beruf hat, hat es vergleichsweise leicht - jüngst verhalf sie dem deutschen Trainer der südafrikanischen Kan-Mannschaft zu einem "Work Permit", einer geschäftlichen Aufenthaltsgenehmigung. Wer als Pensionär halbjährlich am Kap leben möchte, muss monatlich 2000 Euro Rente bekommen - dann ist er in dem Schwellenland willkommen. Anders als in Deutschland dürfen heiratswillige Südafrikaner auch ihre gleichgeschlechtlichen Partner ins Land holen. Eingeheiratete Schwule und Lesben bilden in Afrikas Homo-Hauptstadt eine stetig wachsende Gruppe Neubürger, sagt Cheryl Pooth.

Wichtigste Klientel sind schwule Paare

Das bestätigt auch Gerlinde Moser, größte Immobilienmaklerin der Stadt und seit 40 Jahren in der "Mother City" tätig. "Schwule Paare sind beim Häuser- oder Wohnungserwerb eine wichtige Klientel", sagt die gebürtige Österreicherin, der in Kapstadt eine Niederlassung des US-Franchiseunternehmens Remax gehört. Als Südafrika 1994 das Apartheidsystem überwand, stürzten die Immobilienpreise ins Bodenlose. "Niemand wollte hier auch nur einen Cent investieren", erzählt Gerlinde Moser. Viele Weiße hatten Angst vor einem Bürgerkrieg und verließen das Land. Traumhaft schöne Immobilien mit Meeresblick in den Edelbezirken Camps Bay oder Clifton wurden zu lächerlichen Preisen verschleudert.

Doch mit der Stabilisierung des Landes unter Präsident Nelson Mandela und dessen Nachfolger Thabo Mbeki, dem Beginn eines anhaltenden wirtschaftlichen Booms (Wachstum zwischen vier und sechs Prozent) begann der Run auf Kapstadts Immobilien. Und es kamen vor allem zahlungskräftige Ausländer, vorrangig Briten und Deutsche, die am Kap Traumimmobilien zu Schnäppchenpreisen aufkauften - oft kurzentschlossen per Kreditkarte während einer Südafrikareise bezahlt. 30 Prozent Wertsteigerung verzeichneten Kapstadts Immobilien durchschnittlich im Jahr, abhängig von der Lage natürlich. Die Aussicht auf die Fußball-WM 2010 versetzte der Rallye die vorerst letzten Impulse. Jetzt, so scheint es aber, haben die Preise den Zenit überschritten.

Beim Run auf Kapstadts Filet-Immobilien können Durchschnitts-Südafrikaner- abgesehen von einer kleinen Schicht schwarzer Neureicher - schon lange nicht mehr mithalten. Immer energischer wird daher innerhalb der Regierungspartei ANC diskutiert und gefordert, den immobilen Ausverkauf zu stoppen. In seiner Rolle als neuer Vorsitzender der Regierungspartei ANC kündigte der umstrittene Populist Jacob Zuma im Januar an, den Erwerb von Land durch Ausländer in Südafrika per Gesetz zu erschweren.

Ob es je dazu kommt, ist fraglich, denn bereits jetzt kühlt sich der heißgelaufene Immobilienmarkt merklich ab, die Preise stagnieren oder fallen. Viele Faktoren führten dazu: ein Überangebot, ausgelöst durch den Bauboom am Kap, die vielen Berichte über Kriminalität, die Unsicherheit verbunden mit der wahrscheinlichen Wahl Zumas zum Nachfolger des moderaten Präsidenten Mbeki. Und natürlich trägt auch die US-Immobilienkrise mit der Befürchtung einer globalen Finanzkrise dazu bei.

Deutsche Bürgermeisterin als Symbol

Die Münchnerin Susanne Faussner, die 2002 von ihrem Vater das wunderschöne Hotel "Greenways" im lauschigen Kapstädter Stadtteil Claremont übernahm, hat kein Verständnis für die schlechte Stimmung und macht dafür vor allem die Medien verantwortlich. "Kapstadt ist ein Idyll, hier leben zu dürfen ist ein Geschenk", sagt sie, während sie auf der Terrasse ihres Hotels sitzt. Es sei immer eine Sache der Wahrnehmung, begründet sie. "Von Kapstadt aus betrachtet gibt es ein ausuferndes Gewaltproblem in deutschen Großstädten, Stichwort Jugendkriminalität. Und ich glaube nicht, dass sich in Deutschland ernsthaft jemand fürchtet, in die U-Bahn zu steigen. Von Deutschland aus gibt es scheinbar ausufernde Gewalt in Südafrika. Wer hier lebt, sieht das aber wesentlich entspannter..."

"Mother City", die europäischste aller afrikanischen Städte, hat nicht nur weit über hunderttausend deutsche Kinder, sondern auch eine Bürgermeisterin mit deutschen Wurzeln. Mit Helen Zille - einer Ur-Ur-Nichte des Berliner Millieu-Malers Heinrich Zille - steht eine Frau an der Spitze der Stadtverwaltung, der in ganz Südafrika viel Respekt entgegen gebracht wird: Mit ihrem energischen Eintreten für mehr Sicherheit, gegen den ausufernden Drogenhandel und Schlendrian, schaffte es Helen Zille an die Spitze der größten Oppositionspartei DA und ist damit direkte Gegenspielerin des Präsidenten Thabo Mbeki.

Für Helen Zilles Aufstieg hat Susanne Faussner eine eigene Erklärung: "Es ist ein ganz wichtiges Symbol, dass man auch im neuen Südafrika Karriere machen kann ohne schwarz, männlich und Mitglied des allmächtigen ANC zu sein."

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Deutsche in Kapstadt: "Ein Geschenk, hier leben zu dürfen"