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Auswanderermuseum BallinStadt: Traum vom goldenen Westen

Von Stephan Orth

Sehnsucht nach der Fremde: Auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen so viele Deutsche ihre Heimat wie nie zuvor. Ihre Hoffnungen ähneln denen von Auswanderern vor hundert Jahren. Ein modernes Museum in Hamburg lässt ihre Träume lebendig werden.

Auf halber Strecke passiert Käptn Mogis winzige Barkasse die "Grande America", ein Frachtschiff der Grimaldi-Linie. Majestätisch ragt der rot lackierte Schiffsrumpf über dem Zubringerboot auf, das Museumsbesucher von Anleger 10 der Landungsbrücken zur neuen "Auswandererwelt Hamburg" auf der Elbinsel Veddel bringt. Ähnlich erhaben müssen auf manche Auswanderer vor hundert Jahren die großen Dampfer gewirkt haben, zu denen sie auf Zubringerschiffen gebracht wurden, die kaum größer waren als Käptn Mogis Barkasse mit ihren 25 Sitzplätzen.

Die Nachfrage nach Transatlantikfahrten war groß. "Damals passten nicht genug Schiffe in den Hafen, manche Fahrgäste mussten zunächst über die Elbe bis nach Stade gebracht werden", sagt Hans-Hermann Groppe vom Hamburger Museum der Arbeit, das an dem Projekt auf der Veddel beteiligt ist. Heute tragen die Menschen auf dem Boot Rucksäcke und Digitalkameras statt schwerer Lederkoffer, doch das Platschen des Elbwassers an die Stege, die dunkle Farbe des Flusses dürfte vor vielen Jahrzehnten genau so gewirkt haben.

Für insgesamt fünf Millionen Auswanderer war zwischen 1850 und 1939 Hamburg das sprichwörtliche Tor zur Welt. Viele kamen aus Osteuropa, sie hofften auf ein besseres Leben in Amerika, auf Arbeit, Freiheit und Schutz vor Verfolgung. Für die Stadt waren die Auswandererströme ein interessanter Wirtschaftsfaktor – deshalb baute die Reederei Hapag zwischen 1901 und 1907 eine regelrechte Auswandererstadt auf der Veddel mit insgesamt 30 Gebäuden. Neben Unterkünften für bis zu 5000 Menschen gab es dort auch eine Kirche, eine Synagoge und später ein Kino.

Kein abgeschlossenes Kapitel

Durch die sanft schwankende Fahrt auf der Barkasse in die rechte Seefahrer-Stimmung gebracht, betritt der Museumsgast zunächst einen Saal, an dessen Wand Videos in Schwarzweiß in goldenen Bilderrahmen auf das Auswanderungserlebnis einstimmen: Schiffe im Sturm, Familien in Pelzmänteln und Winterkappen am Hafen, Tanzabende auf dem Dampfer. "Wir wollen mehr als nur ein Museum sein", sagt Jens Nitschke, Geschäftsführer der LeisureWorkGroup, die für die Realisierung der BallinStadt verantwortlich war. "Auswanderung ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein Thema, das um uns herum passiert – noch nie sind aus Deutschland so viele Menschen ausgewandert wie im Jahr 2006, als 750.000 das Land verließen."

Die Besucher sollen sich in den drei U-förmigen, nach historischen Plänen wiederaufgebauten Barackengebäuden nicht nur passive Betrachter sein - gerade Kindern will das Museum vermitteln, dass Geschichte auch auch lebendig werden und Spaß machen kann. "Was würdest du für deine Träume auf dich nehmen?", ist für Nitschke eine der zentralen Fragen des Museums, das am 5. Juli öffnet.

Um darauf eine Antwort zu finden, wurde tief in die Multimedia-Trickkiste gegriffen. Überall wollen Knöpfe gedrückt und Bewegtbilder bestaunt werden, im Computer sind Großteile der Passagierlisten mit allen Abfahrtdetails und Namen verfügbar - ein wahrer Schatz für Ahnenforscher. Neun Puppen erzählen mit unbewegter Holzmiene die Schicksale von Kindern und Erwachsenen aus verschiedenen Epochen – Schauspieler des Hamburger Schauspielhauses nahmen die Stimmen auf. An der Decke darüber hängen "Traumblasen", beigefarbene Kugeln mit Begriffen wie "Genug zu essen", "Geld" oder "Glaubensfreiheit", die für die Träume der Auswanderer stehen. Ein bisschen wie ein Transkript von Hans Rosenthals "Dalli Dalli" (Was fällt Ihnen zu Auswanderung ein? Abschied, Hoffnung, Freiheit, das war Spitze!) wirkt auch der etwa vier Meter hohe künstliche Schiffsrumpf, zwischen dessen Planken weitere Assoziationsworte in orangefarbenem Licht erstrahlen.

Bei Misserfolg kostenlose Heimreise

In der 55.000 Quadratmeter großen Auswandererstadt wurden die Emigranten untergebracht, bevor sie aufs Schiff kamen. Kontakt zur Hamburger Stadtbevölkerung hatten sie nicht – hauptsächlich zu ihrem eigenen Schutz, denn zuvor war es nicht unüblich, dass Einheimische das Unwissen der Ausländer für Betrügereien ausnutzten. Für 130 Reichsmark, das halbe Jahresgehalt eines Arbeiters, war die Unterkunft vor der Abreise inklusive – Proviant für die Fahrt mussten die Auswanderer aber selbst mitbringen.

Es war auch im Interesse der Hapag, dass die Immigration in die USA erfolgreich verlief. "Die Reedereien mussten auf eigene Kosten die Bewerber abtransportieren, denen die Einreise verweigert wurde", sagt Historikerin Ursula Wöst, wissenschaftliche Leiterin des Museums. Schon in Hamburg wurden deshalb medizinische Untersuchungen durchgeführt, Auswanderer mit der ansteckenden Bindehautkrankheit Trachoma wurden beispielsweise nicht für die Überfahrt zugelassen.

Auf die Fangfragen der US-Einwanderungsbehörde wurden die Reisenden dagegen allenfalls durch den Flurfunk vorbereitet. Ob man vielleicht Polygamist oder gar Anarchist sei, ob man lesen und schreiben könne - hier war noch einigermaßen klar, welche Antwort eine Einwanderung begünstigen würde. Schwieriger war dagegen die Frage, ob man bereits Arbeit in den Staaten gefunden habe. "Es war nämlich verboten, vorher einen Vertrag abzuschließen", sagt Wöst. Diese Regelung sollte verhindern, dass billige Import-Arbeitskräfte den Einheimischen zur Konkurrenz wurden. Laut Wöst gab es sogar Neuankömmlinge, die logen, weil sie dachten, ein angeblicher Job würde ihnen Vorteile bringen, und daraufhin große Schwierigkeiten bei der Einreise bekamen.

Ergänzung zu Bremerhaven

Nun gibt es seit zwei Jahren bereits das erfolgreiche Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven, das dieses Jahr zum "European Museum of the Year" gekürt wurde. "Ich denke, wir ergänzen uns ganz gut", sagt Wöst. "Dort wird besonders das Thema der Überfahrt ausgezeichnet präsentiert, das müssen wir damit nicht mehr abdecken, unser Schwerpunkt sind Herkunft und Motive der Auswanderer."

Das zwischen Industrieschornsteinen und Rotklinkerbauten errichtete Museum will auch amerikanische Nachfahren von Auswanderern auf die bislang kaum von Touristen besuchte Elbinsel Veddel locken, die bislang eher einen Ruf als Schmuddelkind der Hansestadt hat. Die Lage wurde nicht nur deshalb gewählt, weil dies der authentische Ort der Auswandererstadt ist, und nicht nur, weil hier 60 Prozent der Einwohner selbst Auswanderer oder deren Nachfahren aus anderen Ländern sind. "Stadtpolitisch wünschen wir uns den Sprung auf die andere Seite der Elbe", sagt Groppe. Es soll sich etwas daran ändern, dass selbst viele Hamburger weder Veddel noch den Nachbarort Wilhelmsburg kennen. "Ich denke, das Museum mit seinem Park wird diese Gegend beleben", ist auch Wöst überzeugt.

Mit seiner multimedialen Dauerberieselung vermittelt das Museum alles andere als museale Totenstarre. Nur im Schlafsaal in Gebäude Drei herrscht eine andere Stimmung - dort stehen neben schwarzen Metallpritschen, die wie frisch aus dem Möbelhaus wirken, acht altmodische Koffer, aus Holz und Leder, mit Schnappverschlüssen aus Metall. In ihrer stummen Bescheidenheit, ohne Knöpfe, Stimmen und Bildschirme wirken sie seltsam - seltsam authentisch.

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