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Alkoholwolken-Bar in London: Longdrink auf Lunge

Von Steve Przybilla

Warum noch trinken, wenn man den Alkohol auch ganz entspannt einatmen kann? In der Londoner Bar Alcoholic Architecture wird Gin Tonic mit allen Sinnen konsumiert. Suchtexperten sind wenig begeistert.

Bar in London: Eine Wolke aus Gin Tonic Fotos
Ann Charlott Ommedal

Das alte Kellergemäuer wirkt gespenstisch. Schummriges Licht, gedämpfte Musik, nachgebaute Kirchenfenster. Es ist feucht und warm hier unten, fast schon stickig. Ein süßlicher Geschmack legt sich auf die Zunge. Die Sicht: gleich null. Fast könnte man meinen, hier werde geraucht. Doch das käme den disziplinierten Briten natürlich nicht in den Sinn.

Dass die Luft so dick ist, hat einen anderen Grund: In Londons neuester Szenekneipe in der Nähe der Tube-Station "London Bridge" regnet es Alkohol. Ernsthaft. Bei einer Luftfeuchtigkeit von 140 Prozent werden Gäste konstant mit Gin Tonic benebelt. Durch das Einatmen geht der Alkohol direkt ins Blut und soll dementsprechend schnell wirken. "Alcoholic Architecture" nennt sich dieses Erlebnis, das aber kein plumpes Besäufnis sein soll. Es handle sich um Kunst, beteuern die Betreiber.

Die Inszenierung beginnt schon am Eingang. Der Türsteher verteilt eine Broschüre, in der das "weltweit erste alkoholische Wettersystem" beworben wird - verbunden mit dem Hinweis, auf dem Gelände habe früher ein Kloster gestanden.

Die Mönche hätten schon vor Jahrhunderten mit Hochprozentigem experimentiert, genau wie die Barbetreiber heute. Herausgekommen sei dabei etwa der Starkwein "Buckfast", den "schottische Politiker heute am liebsten verbieten würden", wie die Broschüre verrät. Natürlich gibt es Buckfast bei "Alcoholic Architecture" auch zu trinken. Und Cocktails mit klangvollen Namen wie "Dirty Habit" oder "Afternoon Penance" ("Nachmittags-Buße").

Der Tresen ist noch nicht erreicht, da stürmen schon die ersten Fragen auf den Türsteher ein. Wie ist das denn nun mit dem Alkohol: Wird er getrunken oder geatmet? Wie fühlt sich das an? Darf man danach noch fahren? Der Mann lächelt. "In der Wolke dürfen Sie sich nicht länger als 50 Minuten aufhalten. Zusätzlich können Sie an der Bar beliebig viele Drinks bestellen."

Schutzkleidung muss sein

Bevor es in den Nebel geht, bekommen alle Gäste einen Plastik-Poncho gereicht. "Just in case", sagt der Barmann. Das klebrige Gin-Tonic-Gemisch könne der Kleidung nämlich ganz schön zusetzen. Dann endlich: die Wolke! Getrennt vom Tresen wabert sie hinter einem Plastikvorhang. "Breathe responsibly" warnt ein türkisfarbener Neonschriftzug - bitte mit Bedacht atmen, ein kleiner Seitenhieb auf die gängigen Bierflaschen-Aufkleber.

Und nun? Muss man nichts weiter tun. Wer sich flüssige Drinks sparen möchte, bleibt einfach in der Alk-Wolke stehen - und fühlt sich trotzdem benebelt. "Die faulste Kneipe der Welt", urteilte der "Daily Telegraph" schon zur Eröffnung. Wirklich angenehm ist das alles nicht. Nach wenigen Minuten triefen die Haare, der Poncho klebt, und der Gin Tonic fängt an zu wirken. Zumindest ein bisschen.

In der Londoner Szene kommt die Idee trotzdem gut an. Der Andrang ist so groß, dass Termine vorab online vergeben werden. Sollte die Pop-up-Bar ursprünglich schon im Februar 2016 wieder geschlossen werden, denken die Betreiber nun über eine permanente Lösung nach.

Die Leute wollen etwas Verrücktes

Hinter dem Projekt stehen Sam Bompas und Harry Parr, beide 32. Das britische Künstlerduo beschäftigt sich seit Jahren mit extravaganten Food-Inszenierungen. Fluoreszierende Eiscreme, duftende Kirchenorgeln und Wackelpudding in Form der St.-Paul-Kathedrale haben die beiden schon kreiert. "Die Leute lieben aufregende, verrückte Dinge", sagt Sam Bompas. "Die meisten kommen doch nur nach London, um Party zu machen."

Alcoholic Architecture ist dabei nur ein Element eines größeren Projekts, des "British Museum of Food". Das neu eröffnete Museum befindet sich direkt über der Bar und wird durch ihre Einnahmen bezuschusst, wie Bompas zugibt: "Sonst hätten wir das Museum gar nicht eröffnen können." Der Eintritt in den Gin-Tonic-Nebel kostet umgerechnet zwischen 14 Euro und 17,50 Euro, je nach Wochentag und Uhrzeit.

Am Tresen ziehen derweil die Ersten ihre Ponchos wieder aus. "Ich muss Taschentücher holen, um mir die Haare trocken zu rubbeln", sagt Jessica Sandha, 24. Beschwipst fühle sie noch nicht, aber das komme ja vielleicht noch. Ihr Begleiter Priam Juggernaoth, 25, klingt euphorischer: "Wir haben uns diesen besonderen Ort für unser erstes Date ausgesucht. Egal, wie es ausgeht - dieses Erlebnis werden wir so schnell nicht vergessen."

Doch längst nicht alle freuen sich über die neue Kneipe im Herzen Londons. Die britische Zeitung "The Independent" zitierte gleich mehrere Mediziner, die sich gegen "Alcoholic Architecture" aussprachen. "Das Letzte, was wir brauchen, ist ein weiterer Weg der Alkoholaufnahme", warnte der Suchtexperte Niall Campbell. Weil die Leber umgangen werde, gehe der Alkohol direkt ins Blut und wirke daher viel schneller. Bei jungen Leuten könne dies sogar zu Gehirnschäden führen.

Die Künstler sehen das Ganze naturgemäß lockerer. "Keines unserer Projekte ist zu 100 Prozent gesund", sagt Sam Bompas. Man habe aber über 30.000 Pfund in Forschung investiert, um die richtige Alkoholmischung und -dosierung zu finden. "Bis jetzt gab es keinerlei negative Vorfälle", sagt Bompas. "Bei der britischen Trinkkultur ist das eigentlich ein Wunder."

Steve Przybilla ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise erfolgte zum Teil mit Unterstützung von VisitBritain.

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insgesamt 30 Beiträge
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1.
frenchie3 25.11.2015
Was will der Polizist machen wenn man wahrheitsgemäß antwortet man habe keinen Schluck getrunken? Atmen verbieten geht ja noch nicht
2. Gin AND Tonic
eunegin 25.11.2015
Die Wolke ist nun einmal eine Gin AND Tonic Wolke, wir sind ja nicht in der niedersächsischen Dorfdisse. Als ehemaliger studentischer Barmixer und Bedienung würde ich dort sicher nicht arbeiten wollen. Unkontrollierter Alkoholgenuss ist schon übel, aber individuell unkontrollierBARER ist eine Katastrophe. Außerdem habe ich den Drink lieber im Glas als in der Luft...
3. Alkohol-Luft-Gemisch?
Euronymus 25.11.2015
Reicht da nicht ein Funke um eine Explosion auszulösen?
4.
Bueckstueck 25.11.2015
Zitat von EuronymusReicht da nicht ein Funke um eine Explosion auszulösen?
Nein. Es ist natürlich nicht hochprozentig genug, sonst würden sich die Leute mit tränenden Augen und gereizten Atemwegen am Boden kringeln.
5.
Mähtnix 25.11.2015
Was für eine Schnapsidee :-). Womöglich kommt bald einer auf die Idee, Alkohohl intravenös zu verabreichen?!? Es würden für einen kräftigen Mann (6 bis 7 L Blut) für 2 Promille ca 30 Milliliter Weinbrand reichen. Schön billig. In der Regel trinkt man doch Alkohol nicht nur wegen der berauschenden Wirkung, sondern weil er ein hervorragender Geschmacksträger ist. Ein Wein ohne Alkohol ist Mist. Ein schöner Rotwein dagegen großer Sport :-). Ich bleibe konservativ und genieße den Rotwein.
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